Das Gemälde, eine Ikone der Gegenwartskunst und eine der persönlichsten Arbeiten von Gerhard Richter, kam 1966 einer Revolution gleich. Schon länger war der klassische weibliche Akt aus der Mode gekommen. Der Kunstbetrieb setzte auf Pop-Art und abstrakten Expressionismus, die Figuration schien ausgeschöpft. Speziell in Deutschland galt es als reaktionär, eine schöne, entblößte Frau aus Fleisch und Blut, noch dazu blond, in naturalistischer Manier zu malen. Doch der 34-jährige Richter, der fünf Jahre zuvor mit seiner damaligen Ehefrau Marianne, genannt Ema, kurz vor dem Mauerbau aus der DDR in den Westen geflüchtet war, hatte sich die Idee in den Kopf gesetzt, ein traditionelles Aktporträt in Öl zu fertigen. Sein Bild war auch eine Erwiderung auf Marcel Duchamps etwa 50 Jahre früher entstandenen „Akt, eine Treppe herabsteigend“, mit dem dieser die herkömmliche Malerei für beendet erklärt hatte.
Duchamps berühmter kubistisch-zergliederter Profilfigur von 1912, die den weiblichen Körper in seinem Bewegungsablauf zeigt, setzte Richter – außergewöhnlich für seine Zeit – ein Stück intimer Familienidylle entgegen, einen Frauenkörper, der von innen heraus zu strahlen scheint, so Richter-Biograf Dr. Dietmar Elger. Dabei vermied der persönlich scheue Künstler jegliche Bloßstellung seines Modells. Als Bildvorlage verwendete er erstmals ein eigenes Farbfoto, das seiner schwangeren Frau Ema, löste aber auf der Leinwand die akt- und zeittypischen Details der Aufnahme wieder auf. Indem er die noch nasse Farbe mit einem trockenen breiten Pinsel verwischte, entstand Richters typische Unschärfe, die viele Betrachter zunächst verwirrte. Die Irritation war durchaus beabsichtigt: „Ich verwische meine Bilder, um alles gleichzumachen – alles gleich wichtig und gleich unwichtig“, betonte Richter.
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Vor Irritationen waren selbst Experten nicht gefeit. Als das Gemälde, das derzeit in der Berliner Nationalgalerie ausgestellt ist, 1967 deren damaligem Direktor Werner Haftmann zum Kauf angeboten wurde, lehnte dieser mit der Begründung ab: „Ich sammle keine Fotos, sondern Malerei.“ Ein Jahr später erwarb das Aachener Sammlerehepaar Ludwig das Bild. Es gehört heute zu den kostbarsten Schätzen des Museums Ludwig in Köln. Sabine Schuchart
Ausstellung
„Gerhard Richter. Panorama“
Neue Nationalgalerie, Kulturforum, Potsdamer Straße 50, Berlin;
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