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MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Autopsie: Noch kann das Schnittbild den Schnitt nicht ersetzen

Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A-323 / B-280 / C-276

Siegmund-Schultze, Nicola

Obduktionen sind ein wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung in Kliniken und zur Verbesserung von Todesursachenstatistiken. Gleichwohl ist die Rate der Autopsien rückläufig, in Deutschland werden nur etwa 3 % der Verstorbenen autopsiert. Als mögliche Gründe werden Personalengpässe in den Kliniken und fehlende Zustimmung der Angehörigen genannt.

Pathologen, Intensiv- und Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben in einer prospektiven Kohortenstudie die Aussagekraft der traditionellen Obduktion mit der virtuellen Autopsie durch Computertomographie verglichen. Der Körper wird vom Computer dreidimensional aus Schnittbildern rekonstruiert. Von 285 konsekutiv auf 9 Intensivstationen des Klinikums zwischen Januar und Juni 2010 gestorbenen Patienten wurden 165 virtuell autopsiert und 47 zusätzlich durch den Pathologen. In allen Fällen hatten die Angehörigen eingewilligt. Von 196 Diagnosen, die vor dem Tod bestanden, wurden 88 % durch virtuelle Autopsie und 93 % durch traditionelle Obduktion bestätigt. Die Forscher stellten insgesamt 14 neue schwerwiegende Diagnosen fest und 88 weniger schwerwiegende neue Befunde. Bei den 115 ausschließlich virtuell Autopsierten fanden sie 11 neue schwerwiegende Komorbiditäten wie Schlaganfall, intrazerebrale Blutungen und eine Milzruptur. Außerdem wurden 36 neue weniger schwerwiegende Komorbiditäten im CT diagnostiziert (Malignome, Frakturen, Pneumothorax). Von den neuen Diagnosen wurden 20,8 % im CT nicht erkannt und 13,4 % bei konventioneller Autopsie. Sie war der virtuellen vor allem bei kardiovaskulären Erkrankungen und Malignomen überlegen, die virtuelle der klassischen vor allem bei Frakturen und dem Erkennen von Fremdkörpern.

Fazit: Die virtuelle Biopsie könne hilfreich sein, insbesondere wenn Angehörige einer konventionellen Obduktion nicht zustimmten, folgern die Autoren. Die Kosten lägen eher unter denen für eine konventionelle Obduktion. Diese sei aber nach wie vor Standard. Ob die virtuelle Autopsie die konventionelle künftig werde ersetzen können, müssten größere Multicenterstudien klären. „Die Untersuchung von Verstorbenen mit bildgebenden Verfahren wie CT oder MRT kann wertvolle Hinweise auf krankhafte Veränderungen geben, aber weder die pathologisch-anatomische noch die forensische Sektion ersetzen“, meint Prof. Dr. med. Hansjürgen Bratzke, Universitätsklinik Frankfurt am Main. „In der Pathologie ist selbst unter Zuhilfenahme mikroskopischer, immunhistochemischer oder molekularer Untersuchungen die Diagnose im Einzelfall sehr schwierig und kann derzeit nicht annäherungsweise durch Abbildungen des Originals verbessert werden.“ In der Rechtsmedizin hätten Farbgebung und nicht sichtbare Intoxikationen große Bedeutung. Sie seien mit CT nicht nachzuweisen. Als Ergänzung zur äußeren Leichenschau wäre allerdings die Bildgebung zu begrüßen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Wichmann D, Obbelode F, Vogel H, Hoepker W, et al.: Virtual Autopsy as an alternative to traditional medical autospy in the intensive care unit. Ann Intern Med 2012; 156: 123–30.


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