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Sterbehilfe in den Niederlanden: Tod frei Haus

Dtsch Arztebl 2012; 109(8): A-341 / B-297 / C-293

Klinkhammer, Gisela

Sechs sogenannte mobile Teams aus Den Haag können ab dem 1. März in den Niederlanden landesweit ambulante Sterbehilfe leisten. Wie die Niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE) mitteilte, sollen jeweils ein Arzt und ein Pfleger die Betroffenen zu Hause aufsuchen und dort die Sterbehilfe vornehmen. Außerdem will die NVVE in Den Haag eine Sterbeklinik einrichten, in der jährlich rund 1 000 Niederländer Sterbehilfe in Anspruch nehmen könnten. Es wäre möglich, innerhalb von drei Tagen die Euthanasie dort vorzunehmen. Die Hilfe suchenden Menschen erfüllten alle Kriterien des Euthanasiegesetzes der Niederlande, teilte die NVVE mit. Die Patienten müssten jedoch langwierige Aufnahmeprozeduren durchlaufen, die zeigen sollen, ob ein Patient für einen freiwilligen Tod bereit sei. Bisher findet das lebensbeendende Handeln vorwiegend zu Hause statt. Von den 2 331 im Jahr 2008 gemeldeten Fällen wurde die Lebensbeendigung auf Verlangen in 2 083 Fällen vom Hausarzt durchgeführt.

Die niederländischen Pläne stoßen in Deutschland erwartungsgemäß auf scharfe Kritik. So zeigte sich der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, bestürzt. „Es bleibt unsere tiefe Überzeugung, dass das Töten nicht ins Handwerkszeug von Ärztinnen und Ärzten gehört“, sagte er. Es dürfe kein gesellschaftliches Klima entstehen, das Sterbehilfe für Menschen, die Angst vor körperlichen Schmerzen, seelischen Nöten oder Vereinsamung hätten, zum Mittel der Wahl mache. Auch die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, Dr. Birgit Weihrauch, vertritt die Ansicht, dass „nicht durch eine immer besser organisierte Sterbehilfe, sondern nur durch eine fürsorgliche und kompetente Betreuung und Begleitung durch Hospizbewegung und Palliativmedizin schwerstkranken und sterbenden Menschen Angst, Schmerzen und Verzweiflung in einer ihnen häufig ausweglos erscheinenden Situation genommen werden kann“. Wenn Menschen in ihrer Verzweiflung um Hilfe zum Sterben bäten, dann resultiere das vielfach daraus, dass sie allein gelassen und nicht ausreichend hospizlich und palliativ versorgt würden.

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Gisela Klinkhammer, Chefin vom Dienst (Text)
Und wie sehen die Niederländer selbst die Vorhaben der NVVE? In dem Nachbarland ist die Euthanasie gesetzlich geregelt, und sie stößt wohl auf weitgehende Akzeptanz der Bevölkerung. Doch bei der Ärzteschaft gab es von Beginn der Gesetzgebung an auch kritische Stimmen. So sind eben gerade viele Hausärzte nicht bereit, Sterbehilfe zu leisten. Die Gründung von „mobilen Teams“ hält die größte niederländische Ärzteorganisation, die Koninklijke Nederlandsche Maatschappij tot bevordering der Geneeskunst (KNMG), allerdings erst recht für keine Lösung. Schließlich gehöre vor allem zum Sterben ein vertrauensvolles und stabiles Arzt-Patienten-Verhältnis. Nur der Hausarzt könne nach einer langen Behandlungszeit feststellen, ob das Leiden des Patienten ausweglos und untragbar sei und ob der Wunsch zu sterben auch wirklich freiwillig geäußert wurde. Und das gelte vor allem bei psychisch Kranken und dementen Patienten. Die KNMG kritisierte außerdem, dass die Aufenthaltsdauer von drei Tagen in der Klinik deutlich zu kurz sei. Viele Menschen brauchten mehr Zeit für einen solch schwierigen Schritt. Letztendlich bleibt „eine fürsorgliche Medizin am Lebensende“ die beste Alternative zur aktiven Sterbehilfe. Henke bringt die Dinge damit exakt auf den Punkt.

Gisela Klinkhammer
Chefin vom Dienst (Text)

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