KULTUR

„Im Gedenken der Kinder“: Leid und Tod

Dtsch Arztebl 2012; 109(10): A-495 / B-427 / C-423

Klinkhammer, Gisela

Kinder in der „Brandenburgischen Idiotenanstalt“ Lübben, um 1933. Foto: Institut für Geschichte der Medizin, Charité Berlin

Eine Ausstellung in Berlin erinnert an die sogenannte Kindereuthanasie und die Verbrechen der Kinderärzte in der NS-Zeit.

Mehr als 70 Jahre nach Beginn der systematischen Tötungen geistig und körperlich behinderter Menschen in den Jahren 1939/40 wird jetzt mit einer Ausstellung an die sogenannte Kindereuthanasie während der Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Bis zum 20. Mai zeigt die Stiftung Topographie des Terrors in Berlin die Gastausstellung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“.

Anzeige

Anerkennung von Schuld

Mehr als 10 000 Kinder fielen bis 1945 den verschiedenen Programmen zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ der Nationalsozialisten zum Opfer. Circa 5 000 Kinder wurden allein in „Kinderfachabteilungen“ – eigens für die Tötung geschaffenen Einrichtungen – gequält und ermordet. Kinder wurden aber auch Opfer der Gasmordaktion „T4“ und der „Hungerkost“ in Anstalten und Heimen. Sie wurden für Experimente missbraucht und ihre Organe nach dem Tod für Forschungszwecke verwendet. Die Ausstellung zeigt, dass es Ärztinnen und Ärzten bei der Tötung kaum um die schmerzlose Beendigung individuellen Leidens ging, sondern entsprechend der NS-Ideologie um die „Befreiung“ des Allgemeinwesens von „Ballastexistenzen“, deren Leben nur dann verlängert wurde, wenn sie noch „der Wissenschaft dienen“ konnten.

„In vielen Fällen waren es Kinderärzte und Kinderärztinnen, die Kinder im Namen der Wissenschaft meldeten, begutachteten, in Experimenten benutzten und töteten. Fassungslos stehen wir heute vor der Frage, wie Kinderärzte und Pflegerinnen die ihnen schutzbefohlenen Kinder derart ausliefern konnten, in dem Wissen, dass sie Leid und Tod finden würden“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Dr. med. Norbert Wagner, bei der Ausstellungseröffnung. Er berichtete, dass sich die DGKJ bereits seit Jahren mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte während des Nationalsozialismus beschäftige. So habe sie 1998 in der „Dresdner Erklärung“ die Gleichschaltung der Kinderheilkunde im Nationalsozialismus als zentrales Thema aufgearbeitet. Dabei sei es um das Schicksal von Hunderten jüdischer Kinderärzte zwischen 1933 und 1945 gegangen, die auch unter Mitwirkung von Kolleginnen und Kollegen vertrieben worden seien. Auf einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2010 wurde eine Erklärung vorgelesen, die die Anerkennung von Schuld sowie die Mitwirkung von Kinderärztinnen und -ärzten an den NS-Medizinverbrechen festhält.

Gedenken an die Opfer

Mit der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ wende die Fachgesellschaft sich jetzt an eine breite Öffentlichkeit. „Wir wollen signalisieren, wie wichtig das Erinnern und das Gedenken an die Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft heute und in Zukunft sind. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass Ausgrenzung, Angriffe auf die Menschenwürde und menschenverachtende Ideologien in unserer Gesellschaft keine Chance mehr haben“, sagte Wagner.

In der Ausstellung werden mehr als 30 großformatige Bild- und Texttafeln sowie Medienstationen mit Originalsequenzen eines Propagandafilms und Lesungen aus Briefen von Opfern und Tätern präsentiert. Ergänzend zur Ausstellung wurde eine Vortragsreihe „Medizin im Nationalsozialismus“ konzipiert.

Gisela Klinkhammer

Informationen

Die Ausstellung „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“ ist bis 20. Mai in der Stiftung Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin, zu sehen. Telefon: 030 254509-0, info@topographie.de, www.topographie.de. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung war im letzten Jahr bereits in Potsdam zu sehen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige