Schäden im Myelin von Gehirn und Rückenmark führen nicht zur Autoimmunerkrankung multiple Sklerose (MS). Diesen Nachweis erbringen Neuroimmunologen der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit Forschern aus Berlin, Leipzig, Mainz und München. In der aktuellen Ausgabe von „Nature Neuroscience“ (26. Februar 2012, doi:10.1038/nn.3062) verwerfen sie damit eine gängige Hypothese zur Entstehung von MS.
Als relativ gesichert gilt, dass MS eine Autoimmunerkrankung ist, bei der körpereigene Abwehrzellen das Myelin in Gehirn und Rückenmark angreifen. Dieses Myelin umhüllt die Nervenzellen und ist wichtig für deren Funktion, Reize als elektrische Signale weiterzuleiten. Zur Entwicklung einer MS existieren zahlreiche ungesicherte Hypothesen. Eine davon, die „neurodegenerative Hypothese“, wird nun verworfen: Sterbende Oligodendrozyten, die Myelin-bildenden Zellen, lösen MS nicht aus. Diese Hypothese stützte sich auf die Beobachtungen, dass manche Patienten charakteristische Myelinschäden ohne erkennbaren Immunangriff aufwiesen. Man ging bisher davon aus, dass die Myelinschäden ohne Beteiligung des Immunsystems entstehen. In diesem Szenario wäre die gegen das Myelin gerichtete Immunantwort das Ergebnis – und nicht die Ursache – dieses pathogenen Prozesses.
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Mit ihrer Forschungsarbeit beabsichtigten die Autoren, diese Hypothese anhand eines neuen Mausmodells zu bestätigen oder zu widerlegen. Durch genetische Tricks erzeugten sie Myelindefekte, ohne die Immunabwehr zu alarmieren. „Zu Beginn unserer Arbeit fanden wir Myelinschäden, die sehr stark den bisherigen Beobachtungen an MS-Patienten glichen“, erklärt Prof. Dr. rer. nat. Burkhard Becher vom Institut für Experimentelle Immunologie der Universität Zürich: „Wir konnten jedoch nie die Entwicklung einer MS-ähnlichen Autoimmunerkrankung beobachten.“
Um herauszufinden, ob eine aktive Immunabwehr aufgrund einer Infektion zusammen mit Myelinschäden zur Erkrankung führt, haben die Forscher eine Vielzahl weiterer Experimente durchgeführt – ohne Erfolg. Dazu Prof. Dr. rer. nat. Ari Waisman vom Institut für Molekulare Medizin der Universität Mainz: „Es ist uns nicht gelungen, eine MS-ähnliche Erkrankung nachzuweisen, egal, wie stark wir das Immunsystem auch stimuliert haben. Wir erachten die neurodegenerative Hypothese deshalb als überholt.“ Die Wissenschaftler konzentrieren sich bei der Suche nach der Ursache nun auf das Immunsystem. EB
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