WIRTSCHAFT

Biotechnologie: Markt in Bewegung

Dtsch Arztebl 2012; 109(10): A-498

Löwe, Armin

In der biotechnologischen Krebsforschung nehmen deutsche Unternehmen eine führende Rolle ein.

Foto: Fotolia

Mit einer spektakulären Firmenübernahme ist die Biotechbranche, um die es einige Jahre ruhiger geworden war, in das Jahr 2012 gestartet: Amgen, mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet mehr als 44 Milliarden Euro das weltgrößte Biotechunternehmen, will den wesentlich kleineren Konkurrenten Micromet übernehmen, um damit seine Stellung bei Antikrebsmedikamenten zu stärken. Micromet hat zwar seinen Sitz ebenso wie Amgen in den USA, wurde aber vor 19 Jahren in Deutschland gegründet und betreibt seine Forschung und Entwicklung, um die es Amgen vor allem geht, mit etwa 200 Beschäftigten in Martinsried bei München. Dieser Standort solle auf jeden Fall erhalten bleiben, heißt es bei Amgen. Das Unternehmen, 1980 gegründet, zählt zu den Pionieren in der Biotechnologie.

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Amgen und Micromet arbeiten schon seit Jahren in der Onkologie zusammen, Überschneidungen gibt es jedoch offenbar nicht. Amgen bietet mit elf US-Dollar je Aktie einen Übernahmekurs, der ein Drittel über der Börsennotiz vor der Veröffentlichung des Kaufangebots lag. Die Transaktion hat ein Volumen von insgesamt 1,16 Milliarden US-Dollar (882 Millionen Euro). Noch im ersten Vierteljahr soll die Transaktion über die Bühne gehen.

Es mag überraschen, dass ein US-Unternehmen in der Krebstherapie auf in Deutschland entwickeltes Know-how zurückgreifen will. Aber Deutschland hat eine führende Rolle in der biotechnologischen Krebsforschung inne, darauf wurde erst jüngst beim „German Science Day“ hingewiesen, der am 4. Februar aus Anlass des Weltkrebstages an der Charité in Berlin stattfand. Danach wird ein Viertel aller europäischen Studien der biotechnologischen Krebsforschung in Deutschland durchgeführt.

Im Jahr 2012 sollen mehrere klinische Studien in Deutschland abgeschlossen oder neu begonnen werden. 29 deutsche Biotechfirmen sind demnach auf die Krebsforschung fokussiert. Derzeit wird an 58 Entwicklungsprogrammen gearbeitet, die in den nächsten fünf Jahren neue Ansätze in der Onkologie ermöglichen sollen. Auch in der Akquirierung von Geldern für die biotechnische Krebsforschung ist Deutschland führend: Von 10,5 Milliarden US-Dollar, die seit dem Jahr 2000 europaweit akquiriert wurden, flossen 2,4 Milliarden in deutsche Forschungsprojekte.

15 Prozent Wachstum jährlich

Zu den deutschen Biotechfirmen mit Fokussierung auf die Krebsforschung, die sich in Berlin präsentierten, gehörte neben den börsennotierten Evotec, Wilex und Biotest auch die Antisense-Pharma GmbH aus Regenburg, die sich auf die Behandlung bislang unheilbarer Tumorerkrankungen spezialisiert hat. Das neueste Präparat ist ein Mittel gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, das sich in der Erprobung bei Patienten befindet, die mit anderen Medikamenten erfolglos behandelt wurden (Zweitlinienmedikamente). Das Unternehmen wurde mit dem Deutschen Gründerpreis und dem Bayerischen Innovationspreis ausgezeichnet und erhielt zweimal den Innovationspreis TOP 100. Finanziert wird das Unternehmen durch mehrere geschlossene Private-Equity-Fonds aus dem HMW-Emissionshaus, das im letzten Jahr etwa 130 Millionen Euro bei privaten Anlegern eingesammelt hat.

Nachrichten, wie die Übernahme von Micromet, können dem Standort Deutschland neuen Aufschwung geben und die Kurserholung der Biotechbranche unterstützen. Eine Übernahme ist immer mit einem Kursgewinn für die Aktien des übernommenen Unternehmens verbunden. Im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise ging die Zahl solcher Transaktionen im Jahr 2009 auf neun zurück. Aber im vergangenen Jahr war wieder ein Anstieg festzustellen. Wie ein Katalysator wirkte Anfang September letzten Jahres die Übernahme des Pharmaunternehmens Pharmasset Inc. durch Gilead Sience. Nach den Kurseinbrüchen, die auch Biotech im Rahmen der allgemeinen Börsenkrise im August 2011 hinnehmen musste, hat sich die Kursentwicklung in den letzten Monaten wieder stabilisiert. Das wirkte sich auch bei den Biotechfonds aus, die alle über ein Jahr und drei Jahre im Plus stehen (Tabelle).

Die Musik spielt für die Biotechbranche nach wie vor in den USA. Der US-Anteil neuer Medikamente lag 2011 nach Aussage von Dr. Christian Lach, Manager bei der Schweizer Adamant Biomedical Investments, bei knapp 70 Prozent – ein neuer Rekord. Adamant ist Fondsberater des Investmentfonds Lacuna BioTech. „Aktuell ist der Fonds zu rund 93 Prozent in nordamerikanische Biotechunternehmen investiert, da hier die reifsten Unternehmen zu finden sind“, erläutert Lach. Der US-Gesundheitsmarkt wird auf ein Volumen von 5 200 Milliarden US-Dollar geschätzt, lediglich zwei Prozent davon entfallen auf den Biotechsektor, zwölf Prozent auf klassische Pharma. „Doch das starke Wachstum der Biotechnologie wird zu einer erheblichen Veränderung dieser Relation führen“, meint Lach. Das Biotechwachstum liegt weltweit bei 15 Prozent im Jahr, bei Pharma beträgt es jährlich zwei bis fünf Prozent.

Armin Löwe

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