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SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Mündig

Dtsch Arztebl 2012; 109(12): [80] / [80] / [80]

Böhmeke, Thomas

Der Himmel trübt ein, die Sonne übt sich in Absencen. Es ist jahrestypisches Schmuddelwetter. Wer jetzt unterwegs ist, kriegt was ab, ein Rhino- oder Influenzavirus. Ich bleibe zu Hause, trotzdem kriege ich auch was ab: von den frechen Neffen. „Onkel Thomas, das wollten wir dich schon immer fragen, was ein mündiger Patient ist!“ Mein strenger Blick mustert dieses Duo von verantwortungsvollen Staatsbürgern, Gestalt gewordene Hoffnung des Bruttosozialprodukts im Europa der Moderne, Lichtblick für künftiges geistiges und materielles Wohlergehen. Nein, so muss ich beiden mitteilen, der mündige Patient ist eine Fiktion, von irgendjemand ausgerufen und trotzdem nicht zu beleben. Das fängt ja schon bei euch beiden an.

„Ja, nee, ist klar, dass du schlecht über uns denkst! Sag’ jetzt, was hast du gegen die Mündigkeit?“ Nun, das Verhältnis zwischen Patient und Arzt ist von Kindesbeinen an davon geprägt, dass man positiven Nutzen von ärztlichen Behandlungen erfährt. Habt ihr etwa nicht eine Magen-Darm-Grippe simuliert, wenn eine Hausarbeit in Deutsch drohte?! Wer warf sich entschieden zwischen euch und den strengen Lehrer und der noch anstrengenderen Mutter, wenn eine Matheklausur zu schreiben war? Nur mit Hilfe eures Hausarztes konntet ihr euch mit Comics und Fernsehen zerstreuen, statt Kurven abzuleiten oder Fälle zu deklinieren! „Ja, und? Das ist doch richtig so. Außerdem, Onkel Thomas, du bist von gestern, heute ist Internetzocken angesagt!“ Seht ihr? Seit immer habt ihr einen Arzt an eurer Seite, der euch vorurteilsfrei und empathisch unterstützt, eure Ängste und Qualen ernst nimmt, der sich schützend vor euch stellt, wenn Krankheit, Forderungen der Familie, Kämpfe mit Klausuren drohen! Und solch einen hingebungsvollen Menschen, ausgestattet mit farbigen Pillen, bitterem Saft und gelben Scheinen, die Genesung, Erholung und Freiheit bedeuten, will man im Namen der Mündigkeit entmündigen? Durch lange Diskussionen vom rechten Pfad der Tugend abbringen, die Hingebung zerreden, die Empathie eradizieren? Das will niemand wirklich wollen. Die Neffen schweigen. Zunächst. „Du, Onkel Thomas . . .“ Ja, bitte? „Hör mal, wir müssen dir noch was sagen!“ Ja, was? „Uns beiden ist schlecht!“ Was habt ihr denn? „Morgen eine Matheklausur!“

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Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.


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