Ausgangspunkt des Artikels ist eine extreme Konfliktsituation um ein Neugeborenes. Hier ist eine externe Mediation in Form einer Ethikberatung ohne Zweifel hilfreich für alle Beteiligten. Aber rechtfertigt das eine Extrapolation dieses Ansatzes in den klinischen Alltag?
Kann ein klinisches Ethikkomitee wirklich Entscheidendes zur Frage der Beatmung eines Patienten mit Vielfachrezidiven bei Morbus Hodgkin sagen? Müssen hier nicht die erfahrensten Ärzte mit all ihrem Wissen über die variable Biologie der Erkrankung und ihre Behandlungsaussichten den Willen des Patienten mit allem gebotenen Ernst aufnehmen und mit ihm gemeinsam zu einem Weg gelangen? Der Ethiker kann das medizinische Konfliktfeld nicht wirklich beurteilen (Allerdings könnte er die Respektierung des Patientenwillens durchsetzen, sollte dies sträflicherweise nicht gegeben sein).
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Es ist sicher unpopulär und riskant, sich dem Ruf nach mehr klinischen Ethikkomitees im Krankenhaus entgegenzustellen. Und dennoch: Die Routinevisite eines klinischen Ethikkomitees auf der Intensivstation zweimal pro Woche ist für mich ein Stück einer Kapitulationserklärung. Eine mir nahestehende Person engagiert sich im Aufbau von klinischen Ethikkomitees. Sie begründete die Notwendigkeit aus praktischer Anschauung: „Die jungen Ärzte auf den Intensivstationen sind doch heute völlig überfordert. Die haben doch keinen mehr, den sie fragen können, die brauchen eine solche Beratung.“
Für die Kommunikation und das Arzt-Patienten-Gespräch unzureichend aus- und weitergebildet, alleingelassen durch Oberarzt und Chef erleichtert ein Ethikkonsil sicherlich das Leben. Die Verantwortung lässt sich aber nicht durch Verdünnung aus der Welt schaffen. Die Patienten beklagen den Zerfall der Medizin in technische Prozeduren und die Anonymität der Konsile.
Der Kern des Arztberufs ist dagegen, dass wir an der Seite des Patienten und mit dem Patienten um den richtigen Weg ringen und dass wir zu unserer Verantwortung einschließlich unserer Fehler stehen und uns auch hinterfragen lassen. Ist es nicht das, was die Patienten von uns wollen – was sie oft genug nicht bekommen – und weshalb sie dann nach Alternativen suchen? Ich glaube nicht, dass klinische Ethikkomitees die Patientenzufriedenheit nachhaltig erhöhen. Sie sind nur eine weitere Instanz im anonymen Apparat. Es ist der Versuch einer Reparatur.
Ein wichtiger Punkt wird in dem Artikel angedacht, aber nicht weiterverfolgt. In der Tat führt die zunehmende Ökonomisierung der Medizin zu Konflikten. Mangelnde Wirtschaftlichkeit von Abteilungen führt zu Personalkürzungen und damit zur Leistungseinschränkung. Chefarztverträge koppeln variable Gehaltsanteile an die Erfüllung von Budgetvorgaben und Leistungszahlen. Durch Geheimhaltung der Verträge wird eine Kontrolle verhindert. Hier sehe ich einen erheblichen Bedarf für eine unabhängige ethische Überwachung und Beratung. Es ist für mich die Nagelprobe, ob beherzte Ethiker sich in diesem Konfliktfeld engagieren werden.
Prof. Dr. med. Mathias Freund, Medizinische Klinik III, Zentrum für Innere Medizin, Universitätsmedizin Rostock, 18055 Rostock
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