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Universitätsklinikum Giessen und Marburg: Rendite weist den Weg

Dtsch Arztebl 2012; 109(12): A-561 / B-485 / C-481

Flintrop, Jens

Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Als börsennotiertes Unternehmen scheut die Rhön-Klinikum AG eine negative Berichterstattung in den Medien wie der Teufel das Weihwasser. Es gilt die Devise, bloß nicht die Anteilseigner zu verschrecken.

Und es sollte ja auch alles möglichst geräuschlos vonstattengehen: Am 9. Februar verkündete der Klinikkonzern für das Geschäftsjahr 2011 einen Konzerngewinn in Höhe von 161 Millionen Euro – elf Prozent mehr als 2010. „Unsere hohe Investitionsfähigkeit, die sich letztendlich aus den Überschüssen unserer Kliniken nährt, bildet die Basis für eine nachhaltige, effiziente und damit auch bezahlbare klinische Versorgung“, kommentierte Vorstandschef Wolfgang Pföhler und verwies unter anderem auf die im Berichtsjahr eröffneten Neubauten in Gießen und Marburg. Zur Ertragssituation am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) machte er freilich keine Angaben.

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Am 26. Februar folgte eine Pressemitteilung, die die Auswirkungen des „enormen Spar- und Kostendrucks“ im Gesundheitswesen thematisierte. Politische Vorgaben belasteten das Ergebnis des UKGM allein in diesem Jahr mit mehr als zehn Millionen Euro. Zur Sicherung der Zukunft des Klinikums seien Maßnahmen zur Erlössteigerung und zur Kostensenkung nötig. Auch der Personaleinsatz komme auf den Prüfstand. Zur aktuellen Ertragssituation am UKGM las man wieder kein Wort. Ungefähr zeitgleich passierte dann das, was aus Rhön-Sicht nicht passieren durfte: Die „Oberhessische Presse“ berichtete unter Berufung auf den Betriebsrat, dass an beiden Standorten in den nächsten zwei Jahren 500 der insgesamt 9 700 Stellen abgebaut werden sollten. Kurz darauf bezifferte die hessische Landesregierung den Gewinn des UKGM im Jahr 2011 – auf Anfrage des SPD-Abgeordneten Thomas Spies – auf 15,2 Millionen Euro. In der Folge brach eine Welle der Empörung los, die am 17. März ihren vorläufigen Höchststand erreichte: Mehr als 2 000 Ärzte, Pflegekräfte, Patienten, Politiker und Gewerkschafter demonstrierten in der Marburger Innenstadt gegen den drohenden Stellenabbau. Rhöns PR-Desaster war perfekt.

Zwar erklärte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) inzwischen, dass die Stellenstreichungen nach Gesprächen mit Rhön vom Tisch seien (das Land hält weiterhin fünf Prozent am UKGM). Und auch der Konzern dementierte, dass 500 Mitarbeiter um ihren Job fürchten müssen. Aber die Mitarbeiter bleiben skeptisch. Bereits jetzt würden befristete und frei werdende Stellen in vielen Fällen nicht wieder besetzt, meinen sie. Dabei lasse sich schon heute die Krankenversorgung auf dem gegenwärtigen Niveau nur mit Überstunden sicherstellen, betonte der Gynäkologe Franz-Josef Schmitz, Vorsitzender des Personalrats der Philipps-Universität Marburg, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Forschung und Lehre litten besonders unter der zunehmenden Arbeitsbelastung.

Der erste private Konzern, der ein Universitätsklinikum übernimmt, werde sich besonders bemühen, den Vorurteilen nicht zu entsprechen, mutmaßten Experten, als Rhön 2006 das UKGM übernahm. Zu groß sei die Gefahr, in die Ecke des einseitigen Kostenkillers und Profitmaximierers gestellt zu werden. Sechs Jahre später kann man festhalten: Diese Prognose war falsch. Rhön führt das UKGM wie alle anderen Krankenhäuser im Konzern. Das Universitätsklinikum hat die gleichen Renditeerwartungen zu erfüllen. Überraschend ist das eigentlich nicht.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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