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MEDIZINREPORT

„Supervirus“-Studien: Publikation mit „entschärftem“ Inhalt

Dtsch Arztebl 2012; 109(15): A-760 / B-657 / C-653

Zylka-Menhorn, Vera

Der monatelange Streit zwischen Virologen, zwei Wissenschaftsmagazinen und einer US-Regierungsorganisation über brisante Forschungsergebnisse und ihren potenziellen Missbrauch, geht mit einem Kompromiss zu Ende.

Nun also doch: Nach heftigen internationalen Diskussionen über Freiheit und Grenzen der Wissenschaft hat das National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB), ein von der US-Regierung geschaffenes Gremium zur Abwehr von bioterroristischen Anschlägen, zwei umstrittene Studien zum H5N1-Supervirus zur Publikation freigegeben. Zuvor hatten die Autoren das Manuskript allerdings überarbeitet und „entschärft“.

Der Streit war Ende letzten Jahres entbrannt, als die US-Regierungsorganisation erstmals die beiden renommierten Wissenschaftsmagazine „Science“ und „Nature“ aufgefordert hatte, Detailergebnisse virologischer Studien nicht zu veröffentlichen, aus Angst, Terroristen könnten diese Informationen als Bauanleitung für eine Biowaffe missbrauchen (Dtsch Arztebl 2012; 109[4]: A 149).

Furcht vor Bioterrorismus

Den Forschergruppen um Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin in Madison war es unabhängig voneinander – und nur in Tierversuchen – gelungen, das hochpathogene Vogelgrippevirus H5N1 so zu mutieren, dass es im hohen Grad per Tröpfcheninfektion übertragbar ist. Und sie berichteten im September auf einem Influenza-Kongress in Malta, dass dafür nur minimale Veränderungen des avianen H5N1- Virusgens ausreichten.

Damit nahm das Bedrohungsszenario seinen Lauf. Der hochpathogene Erreger der Vogelgrippe, der aufgrund seiner geringen Infektiosität für Menschen bisher nur wenige Todesfälle verursacht hat, könnte durch bioterroristische Vorhaben zum Auslöser einer Pandemie mit vielen Millionen Todesfällen werden. Fouchier und Kawaoka indes argumentieren, dass ihre Arbeiten wichtige Grundlagen für die Entwicklung eines Impfstoffes gegen ein H5N1-„Supervirus“ schaffen.

Im Dezember schließlich empfahl das NSABB, die bevorstehenden Publikation in „Science“ (Fouchier et al.) und „Nature“ (Kawaoka et al.) zu stoppen. Dieses Ansinnen führte nicht nur zu Protesten gegen die Zensurmaßnahmen einer US-Behörde, auch die Öffentlichkeit diskutierte, ob die Sicherheitsvorkehrungen, unter denen derartige Experimente durchgeführt werden, ausreichend sind, um eine versehentliche Freisetzung aus dem Labor zu verhindern.

Daraufhin kündigten die beiden Wissenschaftler Ende Januar gemeinsam in einem offenen Brief in „Nature“ und „Science“ an, ihre Arbeit für die nächsten 60 Tage zu stoppen. Im Februar befasste sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit dem strittigen Thema; 22 nach Genf eingeladene Experten diskutierten mit Fouchier und Kawaoka und kamen nach zwei Tagen zu dem Schluss, dass die Experimente veröffentlicht werden sollten. Inzwischen hat das NSABB eine Kehrtwende vollzogen, nachdem die Forscher ihre Manuskripte überarbeitet haben. Die nun beschriebenen Daten enthielten keine Informationen, die einen unmittelbaren Missbrauch zur Gefährdung der öffentlichen Gesundheit ermöglichten, sagte Paul Keim, Vorsitzender der NSABB. „Wir haben neue, verlässliche Informationen über den Nutzen und über die Risiken der Forschung.“ Worin sich die neuen Versionen der Manuskripte genau unterscheiden, weiß bislang nur ein kleiner Kreis.

Fouchier wird weiter forschen

Auf einer Pressekonferenz anlässlich des Europäischen Kongresses für Klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ECCMID) am 3. April in London gab Fouchier dem Deutschlandfunk zufolge jedenfalls so viel bekannt, dass die Publikation insgesamt ausführlicher geworden sei. Zwar beschreibe er wie in der ersten Version, auf welche Weise die H5N1-Viren verändert worden seien, aber auch, warum seine Ergebnisse für die Grippeforschung so wichtig seien. Und er stellte auch klar, dass das mutierte Virus längst nicht so gefährlich sei, wie viele bisher angenommen hätten.

Fouchier, dessen Arbeiten finanziell von den National Institutes of Health unterstützt worden sind, will sobald wie möglich an dem Projekt weiter arbeiten. Das freiwillige 60-tägige Moratorium war Ende März abgelaufen. Die amerikanische Regierung gab indes bekannt, ihre Forschungsaktivitäten an hochgefährlichen Erregern wie auch Ebola oder Milzbrand auf den Prüfstand stellen zu wollen.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn


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