THEMEN DER ZEIT

Der Tod: Was ist er, wann kommt er?

Dtsch Arztebl 2012; 109(16): A-800 / B-694 / C-690

Ludwig, Svenja

Odilon Redon: Die Barke, um 1900, Öl auf Leinwand, 65 x 50,5 cm

Ein interdisziplinärer Workshop am King’s College London beschäftigte sich mit dem Thema Tod und Sterben.

Manche Menschen meinen, der Tod sei furchtbar. Andere wiederum haben nichts gegen ihn einzuwenden, solange er ihnen keine Schmerzen bereitet. Man kann behaupten, das Leben sei alles, was man habe, oder man mag sich den Tod auch als bloße Leere ohne jeglichen Wert vorstellen. Wenn aber der Tod für alle Menschen als zwingendes Ende ihrer Existenz kommt, warum fragen wir dann überhaupt, ob es schlecht ist zu sterben? (1)

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Vor kurzem trafen sich in London zum zweiten Mal Mediziner und Philosophen im Rahmen des „Philosophy of Medicine Workshop“: Die Veranstaltung beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Tod. Ein Jahr zuvor hatten britische Forscher am „King’s College Centre for the Humanities and Health“ ein erstes Treffen zum Thema „concepts of health and disease“ etabliert (2).

„Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt. Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da“ (3). James Warren, Philosoph an der University of Cambridge, leitete seine Ausführungen mit diesem berühmten Zitat von Epikur ein. Bedeutet der Tod in der Tat nichts?

Wann sterben wir? Was ist der Zeitpunkt des eingetretenen Todes? Ist es der Hirntod? Andrew Morley, Chefarzt für Anästhesie am St. Thomas Hospital in London, argumentierte verstörend. Die Kriterien für eine gelungene tiefe Anästhesie seien die gleichen wie die für den Hirntod: fehlende Hirnaktivität und isoelektrisches EEG. Die Anästhesie ist reversibel, das allein sei der messbare Unterschied. Nimmt man aber in tiefer Narkose entgegen unserer Vorstellung doch vielleicht etwas wahr? Stellt Anästhesie tatsächlich Bewusstlosigkeit sicher? Morley erläuterte ein Experiment: Narkotisierten Patienten wurde die Zufuhr zur Armarterie weit kranial unterbunden. So konnte sie an dieser Extremität kein Muskelrelaxans mehr erreichen. „Bewegen Sie jetzt Ihre Hand.“ Die Probanden taten es, konnten sich aber nach dem Aufwachen nicht mehr daran erinnern.

Was heißt es, am Leben zu sein? Was kann ein „guter“ Tod sein? Iona Heath, Präsidentin des Royal College of General Practitioners, führte mit Literatur an diese Fragen heran. Sie wurde dabei unter anderen von Primo Levi (4), Susan Sontag (5) und Samuel Beckett (6) inspiriert. Geoffrey Scarre, Professor für Philosophie an der University of Durham, sprach über das Sterben. Nicht jedes Sterben endet auch zwingend im Tod. Es geschehen noch Wunder, Menschen überleben infauste Prognosen. Aus diesem Grund, sagte Scarre, könnten Einzelne auch mehrmals sterben. Das Sterben sei nicht universal, jeder Mensch sterbe auf seine ganz eigene Weise. Scarre stellt sich das Ende des Lebens als einen sich schließenden Kreis vor, er begreift es als erschöpfende Vollendung. Tod kann sich vielleicht auch als Geschenk offenbaren, als eine Erlösung von schwerer Krankheit und Leid. Unsere derzeitige Kultur erfordert die andauernde Expansion unseres Selbst. Wir klettern auf immer höhere Berge, springen kopfüber von Felsen, und lassen uns operieren, um sehr lange jung auszusehen. In diesem Zusammenhang muss der Tod eine Katastrophe sein, denn der Kreis kann sich nie schließen. Immer fehlt uns noch etwas.

In der Oper „Makropulos Case“ ist die Sängerin Emilia Marty Tochter des griechischen Arztes Makropulos, der an ihr sein Lebenselixier testet. Nun ist sie schon 342 Jahre alt und langweilt sich sehr in ihrem endlosen Leben. „Am Ende ist alles immer das Gleiche: Singen und Stille.“ Schließlich verweigert Emilia den Trank, und sie stirbt. David Galloway vom Department of Philosophy des King’s College sieht im Tod keinesfalls nur einen Feind. Emilias Problem war die Langeweile. Alles, was ihr jemals hätte widerfahren können, hatte sie bereits schon einmal erlebt.

Rob George, Professor für Palliativmedizin, sagte: „Wir sterben an einem Leben, nicht an einer Krankheit.“ Die Aufgabe der Medizin sei es auch, den Patienten beim Sterben zu helfen. „In comfort.“ Gemeint ist, ein Leben zu Ende bringen, die Reise zu verstehen, sich zu verabschieden, zu entschuldigen und zu bedanken, wo immer es nötig erscheint. In Frieden zu gehen. Uns Menschen bewohnt aber der Schmerz und der Widerstand gegen das Sterben. Schmerzen verändern uns, gleichzeitig lassen sie sich beeinflussen. Nicht nur mittels Analgetika. Auch soziale Einflüsse und unsere Umwelt wandeln die Intensität. Beispielsweise senken Einsamkeit und Isolation die Schmerzschwelle herab.

In Großbritannien kennt man den tragischen Fall von Anthony Bland, der als 17-jähriger Liverpool-Fan im Stadion während eines Massengedränges sehr schwer verletzt wurde. Er befand sich drei Jahre lang im „Persistent Vegetative State“, sein Schicksal wurde vor drei Instanzen der Gerichte verhandelt. Die entscheidende Frage war, ob die behandelnden Ärzte zu seiner Ernährung verpflichtet waren oder ob die Behandlung eingestellt werden durfte. Das britische „House of Lords“ sah in diesem Fall keine ärztliche Pflicht, weiterzumachen.

Der Rechtswissenschaftler Roger Brownsword schließlich stellte die Frage, ob es ein Eigentumsrecht für Körperteile geben könne, ähnlich dem für einen Kugelschreiber oder ein Grundstück. Brownsword postulierte: „I’m both, I am my body and have my body.“ Wir sind uns zugleich Objekt und Besitz, das unterscheidet uns vom bloßen Eigentum. Letztendlich bleibt die Unwissenheit über den Tod. Wir vermuten und tappen weiter im Dunkeln. Ein sauber geführter Diskurs kann aber helfen, den Weg auszuleuchten.

Dr. med. Svenja Ludwig

1.
Nagel, Thomas: Mortal Questions, 1979.
2.
Kingma E, Chisnall B, McCabe MM: Interdisciplinary Workshop on Concepts of Health and Disease: Report. Journal of Evaluation in Clinical Practice 2011;
17: 1018–22. CrossRef MEDLINE
3.
Brief an Menoikeus. In: Nickel, Rainer: Epikur, 2005. S.121.
4.
Levi, Primo: If this is a Man, 1958.
5.
Leibovitz, Annie: A Photographer’s Life. 1990–2005, 2009.
6.
Beckett, Samuel: Malonie Dies, 1951.
1.Nagel, Thomas: Mortal Questions, 1979.
2.Kingma E, Chisnall B, McCabe MM: Interdisciplinary Workshop on Concepts of Health and Disease: Report. Journal of Evaluation in Clinical Practice 2011;
17: 1018–22. CrossRef MEDLINE
3.Brief an Menoikeus. In: Nickel, Rainer: Epikur, 2005. S.121.
4.Levi, Primo: If this is a Man, 1958.
5.Leibovitz, Annie: A Photographer’s Life. 1990–2005, 2009.
6. Beckett, Samuel: Malonie Dies, 1951.

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