Hintergrund: Leitlinien zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen definieren Zielwerte der Risikofaktoren für Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK). Ziel der vorliegenden Studie war die Untersuchung zeitlicher Trends kardiovaskulärer Risikofaktoren bei KHK-Patienten in der Region Münster.
Methoden: EUROASPIRE I, II und III wurden als multizentrische Querschnittsstudien in Europa durchgeführt. Die Region Münster war als deutsche Studienregion an allen drei EUROASPIRE-Surveys beteiligt. In Münster wurden 1995/96, 1999/2000 und 2006/07 jeweils 392, 402 und 457 KHK-Patienten im Alter ≤ 70 Jahre frühestens sechs Monate nach koronaren Ereignissen untersucht.
Ergebnisse: Die Prävalenz des Rauchens ist mit 16,8 % in EUROASPIRE I und II und 18,4 % in EUROASPIRE III (p = 0,898) unverändert geblieben. Die Häufigkeit erhöhter Blutdruckwerte beziehungsweise erhöhter Cholesterinwerte in EUROASPIRE I, II und III ist von 60,7 % und 69,4 % auf 55,3 % (p < 0,001) beziehungsweise von 94,3 % auf 83,4 % und 48,1 % (p < 0,001) gesunken. Die Prävalenz der Adipositas (23,0 %, 30,6 % und 43,1 %; p < 0,001) und die Häufigkeit der Therapie mit antihypertensiven (80,4 %, 88,6 % und 94,3 %; p < 0,001) und lipidsenkenden (35,0 %, 67,4 % und 87,0 %; p < 0,001) Medikamenten ist zwischen EUROASPIRE I, II und III angestiegen.
Schlussfolgerung: Die beobachteten Trends kardiovaskulärer Risikofaktoren verdeutlichen den vorrangigen Bedarf einer Stärkung präventiver Strategien bei Patienten mit KHK.


Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) stehen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung unter einem erhöhten Risiko für Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität (1). Diese Patienten können ihr Risiko für ein weiteres KHK-Ereignis deutlich senken, indem sie:
- ihren Blutdruck (2) senken
- ihr Cholesterin (3, e1) kontrollieren
- aufhören zu rauchen (4, e2)
- ihre Ernährung umstellen (5) und
- körperlich aktiv werden (6).
Regelmäßig aktualisierte Leitlinien der Europäischen Fachgesellschaften fassen evidenzbasierte Empfehlungen für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der klinischen Praxis zusammen (7, e3–e5). Um die Umsetzung der Empfehlungen zur kardiovaskulären Prävention bei KHK-Patienten in der klinischen Praxis zu untersuchen, hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in den Jahren 1995/96 und 1999/2000 die EUROASPIRE I und II Surveys (EUROpean Action on Secondary Prevention through Intervention to Reduce Events) durchgeführt. EUROASPIRE ist eine Multicenterstudie zur Evaluation der Sekundärprävention bei KHK-Patienten in Europa. Mit diesem Ziel wurden Querschnittsstudien bei Krankenhauspatienten mit KHK in 9 (EUROASPIRE I) und 15 (EUROASPIRE II) europäischen Regionen durchgeführt. Die EUROASPIRE I und II Surveys haben eine unzureichende Sekundärprävention der KHK in Europa aufgezeigt (8, 9) und zudem keine wesentliche Veränderung der Risiko- und Lebensstilfaktoren beobachtet (10). Ähnliche Ergebnisse wurden für die Region Münster berichtet, die deutsche Studienregion in EUROASPIRE I und II (11, 12).
Diese Studienergebnisse und die Bedeutung kardiovaskulärer Erkrankungen für die Bevölkerung haben die ESC dazu veranlasst, den dritten EUROASPIRE-Survey bei KHK-Patienten in 22 europäischen Regionen durchzuführen (13, 14). Ziel der vorliegenden Studie war es, zeitliche Trends kardiovaskulärer Risikofaktoren bei KHK-Patienten anhand aller drei EUROASPIRE-Surveys in der Region Münster zu untersuchen.
Methoden
Studienbevölkerung
Der Regierungsbezirk Münster mit 2,6 Millionen Einwohnern wurde zu Beginn als deutsche Studienregion von EUROASPIRE ausgewählt und dieselben Krankenhäuser und Abteilungen nahmen an allen drei EUROASPIRE-Surveys teil: Medizinische Klinik und Poliklinik C, Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (beide Universitätsklinikum Münster) und III. Medizinische Klinik, St. Franziskus-Hospital Münster (14). Patienten im Alter ≤ 70 Jahre zum Zeitpunkt einer der folgenden koronaren Ereignisse wurden in die Studie aufgenommen:
- akuter Myokardinfarkt
- akute myokardiale Ischämie
- elektive oder notfallmäßige perkutane koronare Intervention (PCI)
- elektive oder notfallmäßige aorto-koronare Bypass-Operation (ACB).
Die Patienten wurden retrospektiv anhand von Behandlungs- und Operationslisten und mittels Codes der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) identifiziert, namentlich ICD-9 410, ICD-9 411, und ICD-9 413 in EUROASPIRE I und II sowie ICD-10 121 und ICD-10 120 in EUROASPIRE III. Das Datum des koronaren Ereignisses der Patienten musste mindestens sechs Monate vor Aufnahme in die Studie zurückliegen. Die Teilnahme erfolgte nach Aufklärung und schriftlicher Einverständniserklärung und die Studien wurden durch das lokale Ethikkomitee genehmigt.
Datenerhebung
Die Studienteilnehmer wurden von September 1995 bis Februar 1996 (EUROASPIRE I), September 1999 bis Januar 2000 (EUROASPIRE II) und September 2006 bis Januar 2007 (EUROASPIRE III) befragt und untersucht. Die Interviews und Untersuchungen wurden durch speziell trainierte Studienassistenten durchgeführt. Die Datenerhebung erfolgte unter Verwendung standardisierter Methoden und mit kalibrierten und validierten Messinstrumenten sowie nach standardisierten Arbeitsabläufen bei allen Messungen. Körpergewicht und Körpergröße wurden im Stehen mit leichter Kleidung und ohne Schuhe gemessen. Der Blutdruck wurde in sitzender, aufrechter Haltung mit einem automatischen digitalen Sphygmomanometer gemessen. Die Messung des Taillenumfangs erfolgte mit einem Metallmaßband in horizontaler Mittellinie zwischen unterem Rippenbogen und oberem Beckenkamm. Eine venöse Blutprobe wurde zur Bestimmung des Gesamtcholesterins im zentralen Studienlabor entnommen. Der Kohlenmonoxidgehalt in der Ausatemluft wurde mit einem Smokerlyser gemessen. Raucherstatus und Diabetes mellitus wurden anamnestisch erhoben. Die Einnahme kardioprotektiver Medikamente zum Zeitpunkt des Interviews wurde anhand der Medikamentenliste der Patienten bestimmt.
Zwischen den drei EUROASPIRE-Surveys gab es Unterschiede bei den verwendeten Messinstrumenten. Deshalb wurden Validierungsstudien durchgeführt und die Blutdruckmesswerte in EUROASPIRE I und II sowie die Cholesterinmesswerte in EUROASPIRE I wie folgt korrigiert:
- systolischer Blutdruck −0,95 mmHg
- diastolischer Blutdruck +1,42 mmHg
- Gesamtcholesterin mittels eines Multiplikationsfaktors von 1,13 (14).
Risikofaktoren
Kardiovaskuläre Risikofaktoren wurden wie folgt definiert:
- Rauchen: Selbstangabe des Rauchens und/oder > 10 ppm Kohlenmonoxid in der Ausatemluft
- erhöhte Blutdruckwerte: systolischer Blutdruck ≥ 140 mmHg (≥ 130 mmHg) und/oder diastolischer Blutdruck ≥ 90 mmHg (≥ 80 mmHg) bei Nicht-Diabetikern (Diabetikern)
- erhöhte Cholesterinwerte: Gesamtcholesterin ≥ 175 mg/dL
- Diabetes mellitus: Selbstangabe einer ärztlichen Diagnose des Diabetes mellitus
- Übergewicht: Body-mass-Index (BMI) ≥ 25 kg/m2
- Adipositas: BMI ≥ 30 kg/m2
- abdominales Übergewicht: Taillenumfang ≥ 80 cm aber < 88 cm bei Frauen und ≥ 94 cm aber < 102 cm bei Männern
- abdominale Adipositas: Taillenumfang ≥ 88 cm bei Frauen und ≥ 102 cm bei Männern.
Statistische Methoden
Gemäß dem internationalen Studienprotokoll wurden jeweils rund 400 Patienten in die drei Surveys eingeschlossen, um Prävalenzen mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 % mit einem Konfidenzintervall von 95 % zu schätzen. Alle Studienteilnehmer mit verfügbaren Angaben und Messwerten für die betrachteten Variablen wurden in die statistischen Auswertungen eingeschlossen. Die Darstellung der Patientencharakteristika zum Zeitpunkt von Interview und Untersuchung erfolgte deskriptiv nach EUROASPIRE-Survey. Für den Vergleich stetiger Variablen zwischen EUROASPIRE I, II und III wurde ein lineares Regressionsmodell mit Alter, Geschlecht, und diagnostischer Gruppe als unabhängige Einflussgrößen verwendet. Kategoriale Variablen wurden zwischen EUROASPIRE I, II und III in einem binomialen Regressionsmodell adjustiert für Alter, Geschlecht und diagnostische Gruppe verglichen. Sämtliche statistische Auswertungen wurden mit dem Softwarepaket Statistical Analysis System Version 9.1 (SAS Institute Inc., Cary, NC) durchgeführt.
Ergebnisse
In EUROASPIRE I, II und III wurden jeweils 524, 684 und 645 KHK-Patienten über Krankenhausakten identifiziert; jeweils 16, 26 und 23 Personen waren bereits gestorben, 464, 604 und 555 Personen wurden erreicht und 392, 402 und 457 Patienten nahmen an EURO-ASPIRE I, II und III teil. Die Studienteilnehmer waren zum Zeitpunkt des koronaren Ereignisses in EUROASPIRE III mit 60,0 (SD 7,8) Jahren im Mittel etwas älter als in EUROASPIRE I (58,6 [SD 7,9]) und II (59,5 [SD 7,7]). Der mediane Zeitraum zwischen Ereignis und Interview in EUROASPIRE I, II und III betrug jeweils 1,3 (Interquartil 1,1–1,9), 1,5 (Interquartil 1,2–1,9) und 1,1 (Interquartil 0,9–1,4) Jahre.
Die Häufigkeit des Rauchens ist mit 16,8 % der Patienten in EUROASPIRE I und II und 18,4 % der Patienten in EUROASPIRE III (p = 0,898) nahezu unverändert geblieben (Grafik, Tabelle 1, eTabelle 1). Der Mittelwert des systolischen Blutdrucks ist von 139,6 (SD 23,2) mmHg in EUROASPIRE I auf 145,4 (SD 22,3) mmHg in EUROASPIRE II gestiegen und auf 140,2 (SD 21,5) mmHg in EUROASPIRE III gesunken. Der diastolische Blutdruck zeigte einen ähnlichen Trend mit 86,6 (SD 10,8) mmHg, 88,8 (SD 12,1) mmHg und 82,0 (SD 12,1) mmHg in EUROASPIRE I, II und III. Die Prävalenz erhöhter Blutdruckwerte hat sich mit 60,7 % und 55,3 % in EUROASPIRE I und III (p = 0,246) nicht wesentlich verändert. Der Mittelwert des Gesamtcholesterins ist von 233,9 (SD 43,4) mg/dL in EUROASPIRE I auf 213,7 (SD 42,0) mg/dL und 177,4 (SD 38,4) mg/dL in EUROASPIRE II und III gesunken. Die Häufigkeit erhöhter Cholesterinwerte sank von 94,3 % in EUROASPIRE I auf 83,4 % und 48,1 % in EUROASPIRE II und III (p < 0,001).
Grafik
Häufigkeit (%) des Rauchens, erhöhter Blutdruckwerte, erhöhter Cholesterinwerte,
des Diabetes mellitus,
des Übergewichts, der Adipositas, des
abdominalen Übergewichts, der abdominalen
Adipositas und der Therapie
mit kardioprotektiven Medikamenten
bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II
und III, Region Münster.
Tabelle 1
Vergleich der Risikofaktoren, der Messergebnisse und der medikamentösen Behandlung bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II und III,
Region Münster
eTabelle 1
Häufigkeit (%) des Rauchens, erhöhter Blutdruckwerte und erhöhter Cholesterinwerte bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II und III,
Region Münster
Ein deutlicher Anstieg zeigte sich beim Anteil der Patienten mit Diabetes mellitus von 13,5 % und 13,8 % in EUROASPIRE I und II auf 22,6 % in EUROASPIRE III (p < 0,001; Grafik, eTabelle 2). Der mittlere BMI ist von 27,7 (SD 3,3) kg/m2 in EUROASPIRE I auf 28,4 (SD 3,9) kg/m2 und 29,7 (SD 4,6) kg/m2 in EUROASPIRE II und III angestiegen. Dementsprechend war ein deutlicher Anstieg der Adipositasprävalenz von 23,0 % auf 30,6 % und 43,1 % in EUROASPIRE I, II und III (p < 0,001) zu verzeichnen. In ähnlicher Weise stieg der Anteil der Patienten mit abdominaler Adipositas von 40,3 % in EUROASPIRE I auf 47,1 % und 51,3 % in EUROASPIRE II und III (p = 0,003; eTabelle 3).
Tabelle 2
Häufigkeit (%) therapeutischer Kontrolle der Blutdruck- und Cholesterinwerte bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II
und III, Region Münster
eTabelle 2
Häufigkeit (%) des Diabetes mellitus, des Übergewichts und der Adipositas bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II und III, Region Münster
eTabelle 3
Häufigkeit (%) des abdominalen Übergewichts und der abdominalen Adipositas bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II und III, Region Münster
Die Häufigkeit der Therapie mit antihypertensiven Medikamenten in EUROASPIRE I, II und III ist von 80,4 % auf 88,6 % und 94,3 % (p < 0,001) angestiegen, während der Anteil der Patienten mit Einnahme lipidsenkender Medikamente von 35,0 % auf 67,4 % und 87,0 % (p < 0,001) zugenommen hat (Grafik, eTabelle 4). Bei Patienten mit Einnahme antihypertensiver Medikamente wiesen in EUROASPIRE I, II und III jeweils 39,7 %, 29,2 % und 44,9 % (p < 0,001) kontrollierte Blutdruckwerte auf (Tabelle 2). Die Kontrolle der Cholesterinwerte bei Patienten, die lipidsenkende Medikamente einnahmen, stieg von 9,7 % in EUROASPIRE I auf 20,6 % und 55,6 % in EUROASPIRE II und III (p < 0,001).
eTabelle 4
Häufigkeit (%) der Therapie mit kardioprotektiven Medikamenten bei KHK-Patienten in EUROASPIRE I, II und III, Region Münster
Diskussion
Die EUROASPIRE I, II und III Surveys in der Region Münster erlauben die Untersuchung zeitlicher Trends kardiovaskulärer Risikofaktoren bei zuvor hospitalisierten Patienten mit KHK über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt. Die Ergebnisse der Studie zeigen deutliche Differenzen zwischen den aktuellen Empfehlungen zur Behandlung und Kontrolle kardiovaskulärer Risikofaktoren und deren Umsetzung in der klinischen Praxis.
Der Anteil der Patienten, die zum Zeitpunkt der Untersuchung rauchten, ist zwischen 1995 und 2007 nahezu unverändert geblieben, obwohl seit geraumer Zeit bekannt ist, dass Rauchstopp zu einer erheblichen Senkung des Risikos für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität führt (4, e2). Medikamentöse Behandlung und Verhaltenstherapie erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Rauchstopps deutlich (15, 16, e6). Bei Rauchern mit manifester KHK ist deshalb durch eine Kombination dieser Strategien der Rauchstopp in der routinemäßigen Versorgung anzustreben.
Die Häufigkeit erhöhter Blutdruckwerte hat sich zwischen EUROASPIRE I und III nicht wesentlich verändert. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer in EUROASPIRE III weist erhöhte Blutdruckwerte auf. Diese Patienten würden von einer Senkung des Blutdrucks auf Werte im Normalbereich deutlich profitieren (7, e7).
Die Senkung des Cholesterinspiegels geht mit einer Reduktion der KHK-Morbidität und -Mortalität bei Patienten mit und ohne koronare Vorerkrankung einher (17, e8). Zwischen EUROASPIRE I und III ist der Anteil der Patienten, die erhöhte Cholesterinwerte aufweisen, deutlich gesunken. Angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Patienten in EUROASPIRE III lipidsenkende Medikamente einnahm, scheint eine weitere Senkung der Cholesterinwerte nur durch eine etwaige Erhöhung der Statindosis und insbesondere durch eine Veränderung der Lebensstilfaktoren möglich.
Die EUROASPIRE-Surveys in der Region Münster zeigen besonders in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg der Prävalenz des Diabetes mellitus. Liegt ein Diabetes mellitus vor, erhöht sich das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko bei Patienten mit KHK (18, e9–e11). In der Kohorte der KHK-Patienten aus EUROASPIRE I und II in der Region Münster war Diabetes mellitus der wichtigste Prädiktor für kardiovaskuläre Mortalität über einen Zeitraum von acht Jahren (19). Bei Patienten mit Diabetes mellitus führt ein intensivierter Therapieansatz mit Förderung körperlicher Aktivität, Veränderung des Ernährungsverhaltens und Raucherentwöhnung zu einer Reduktion des absoluten Risikos erneuter Koronarereignisse um 20 % (20). Bei KHK-Patienten mit Diabetes mellitus ist daher neben der medikamentösen Behandlung die Veränderung der Lebensstilfaktoren ein wichtiger Bestandteil der Sekundärprävention.
Zwischen 1995 und 2007 hat sich die Prävalenz der Adipositas bei Patienten der EUROASPIRE-Surveys in der Region Münster nahezu verdoppelt. Adipositas ist mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten koronarer Ereignisse assoziiert (21, e12, e13) und Gewichtsreduktion unterstützt die Vorbeugung und Kontrolle einer Reihe kardiovaskulärer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Diabetes mellitus und Glukoseintoleranz (22). Deshalb ist die langfristige Reduktion des Körpergewichts ein zentraler Bestandteil der Sekundärprävention der KHK. Im Allgemeinen spiegelt die Zunahme der Adipositas- und Diabetesprävalenz bei KHK-Patienten die Epidemie von Diabetes und Adipositas in der Allgemeinbevölkerung wider.
Insgesamt waren 2006/07 in der Region Münster die Risikofaktoren Rauchen, erhöhte Cholesterinwerte und Adipositas häufiger, erhöhte Blutdruckwerte und Diabetes mellitus weniger häufig als im Durchschnitt der acht Studienregionen, die an EUROASPIRE I, II und III teilgenommen haben (14).
Epidemiologische Daten aus der Region Augsburg haben eindrücklich gezeigt, dass die Inzidenz der KHK in den 1980er- und 1990er-Jahren um 3 % jährlich zurückgegangen ist, während die KHK-Mortalität um 2 % pro Jahr gesunken ist (e14). Die KHK hat aber in Deutschland mit geschätzten rund 300 000 tödlichen und nichttödlichen Fällen im Jahr weiterhin epidemischen Charakter (e15).
Eine Reihe von Studien haben die unzureichende Umsetzung wissenschaftlicher Evidenz in die klinische Praxis präventiver Kardiologie aufgezeigt (23). In der Sekundärprävention der KHK dürften die Leitlinienkenntnisse der behandelnden Ärzte eine Schlüsselrolle spielen. Eine repräsentative Studie an 664 Allgemeinärzten und Internisten in der Region Münster aus dem Jahr 2002/03 kam zu dem Ergebnis, dass fast ein Drittel der Ärzte die aktuellen Leitlinien zur Sekundärprävention bei KHK-Patienten nicht kennen (24). Eine Studie bei niedergelassenen Allgemeinärzten in fünf europäischen Ländern einschließlich Deutschland und eine nationale Studie bei US-amerikanischen Ärzten kamen zu ähnlichen Ergebnissen (25, e16). Der Nutzen verstärkter Bekanntmachung von Leitlinien wurde in einer Reihe von Studien untersucht. Eine Metaanalyse der Strategien von Gesundheitsprogrammen für Patienten mit chronischen Erkrankungen hat gezeigt, dass das Vorliegen von Instruktions- und Informationsmaterialien für Dienstleister im Gesundheitswesen mit einer verbesserten Einhaltung von Leitlinien und einer verbesserten Behandlung der Krankheit assoziiert ist (e17). Studien zur Untersuchung geeigneter Methoden für die Förderung der Aufnahme klinischer Studienergebnisse in die routinemäßige Praxis sind dringend erforderlich. Repräsentative Querschnittsstudien in der primärärztlichen Praxis können Aufschluss geben über das Verbesserungspotenzial und die Auswirkungen von Reformen des Gesundheitssystems (e18).
Die Verwendung standardisierter und nahezu identischer Methoden bei Interview und Untersuchung in allen drei Surveys ist eine wesentliche Stärke der vorliegenden Studie. Eine weitere Stärke besteht darin, dass die Patienten frühestens sechs Monate nach koronaren Ereignissen befragt und untersucht wurden. Dieser Mindestzeitraum wurde als ausreichend lang betrachtet, um die Leitlinien zur Sekundärprävention in der klinischen Praxis umsetzen zu können. Als Einschränkung unserer Studie ist zu nennen, dass die Patienten aus einer geografischen Region und aus drei spezialisierten Zentren rekrutiert wurden. Die Ergebnisse unserer Studie sind deshalb nicht auf ganz Deutschland übertragbar. Es ist jedoch zu vermuten, dass die Umsetzung der Leitlinienempfehlungen in Regionen mit weniger spezialisierter Versorgung schlechter ausfallen dürfte. Eine weitere Einschränkung stellt der Unterschied in der Beteiligung zwischen den drei Surveys dar. Aufgrund ähnlicher Beteiligungsraten in EUROASPIRE I und III ist eine systematische Verzerrung der beobachteten Trends zwischen 1995/96 und 2006/07 aber eher unwahrscheinlich. Unterschiede zwischen Patienten, die den Zeitraum bis zur Untersuchung überlebt haben, könnten ebenfalls Trends kardiovaskulärer Risikofaktoren beeinflussen. Die Definition des Diabetes mellitus und nicht verfügbare Angaben zu Ernährung und körperlicher Aktivität sind weitere Einschränkungen unserer Studie.
Die Ergebnisse der EUROASPIRE I, II und III Surveys in der Region Münster zeigen, dass die von den europäischen Leitlinien festgelegten Zielwerte in der klinischen Praxis nicht erreicht wurden. Die beobachteten Trends kardiovaskulärer Risikofaktoren verdeutlichen den vorrangigen Bedarf einer Stärkung präventiver Strategien bei Patienten mit KHK. Zur Reduktion des Risikos für weitere koronare Ereignisse sind die Behandlung und Kontrolle kardiovaskulärer Risikofaktoren durch medikamentöse Therapie und Veränderung des Lebensstils unerlässlich. „Das akut geschädigte Myokard zu retten ohne die der Erkrankung zugrunde liegenden Ursachen zu bekämpfen ist unzureichend; wir müssen in die Prävention investieren“ (14).
Danksagung
Wir bedanken uns besonders bei allen Patientinnen und Patienten für die Teilnahme an den Studien. Dank gilt auch der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC), Sophia Antipolis, Frankreich, für die finanzielle Unterstützung von EUROASPIRE I, II und III. Unbeschränkte Forschungszuwendungen wurden von MSD Sharp & Dohme, Haar (EUROASPIRE I), Pfizer, Karlsruhe und AstraZeneca, Wedel/Holstein (EUROASPIRE II) und Deutsche Stiftung für Herzforschung, Frankfurt (EUROASPIRE III) erhalten. SMB und RT wurden durch eine Förderung des EU-Projektes Network of Excellence, FP6–2005-LIFESCIHEALTH-6, Integrating Genomics, Clinical Research and Care in Hypertension, InGenious HyperCare Proposal Nr. 037093, unterstützt; SMB wurde zudem durch eine Förderung des FP7-ICT-2007–2, Projektes Nr. 224635, VPH2—Virtual Pathological Heart of the Virtual Physiological Human, unterstützt.
Das Manuskript wurde in Teilen auf dem IEA-EEF European Congress of Epidemiology in Warschau, Polen am 27. August 2009 und auf der DGEpi Jahrestagung in Münster am 17. September 2009 präsentiert.
Interessenkonflikt
Dr. Prugger, Dr. Heidrich, Dr. Wellmann, Prof. Brand, Dr. Telgmann, Prof. Scheld, Dr. Kleine-Katthöfer erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Prof. Breithardt nimmt Beratertätigkeiten im Advisory Board wahr bei Bayer, Boehringer-Ingelheim, Sanofi-Aventis, MSD, BMS, Medtronic, Boston Scientific, Otsuka Pharma.
Dr. Reinecke nimmt Beratertätigkeiten für Biosense Webster wahr. Erstattung von Teilnahmegebühren und Reise- und Übernachtungskosten erhielt er von Cordis, Daichi, Sanofi-Aventis und Novartis. Er erhielt Honorare für Vorträge von The Medicines Company, Cordis und Daichi-Sankyo. Er erhielt Honorare für die Durchführung von klinischen Auftragsstudien von BARD und Sanofi-Aventis.
Prof. Heuschmann erhielt Gelder auf ein Drittmittelkonto für ein von ihm initiiertes Forschungsvorhaben von der Stiftung für Herzforschung.
Prof. Keil erhielt Honorare für Gutachtertätigkeiten von Health Consumer Powerhouse Stockholm/Brüssel. Er erhielt Gelder auf ein Drittmittelkonto für von ihm initiierte Forschungsvorhaben von Pfizer, MSD und AstraZeneca.
Manuskriptdaten
eingereicht: 28. 10. 2011, revidierte Fassung angenommen: 1. 2. 2012
Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Ulrich Keil, PhD
Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster
Domagkstraße 3, 48149 Münster
keilu@uni-muenster.de
Summary
Trends in Cardiovascular Risk Factors Among Patients With Coronary Heart Disease: Results From the EUROASPIRE I, II, and III Surveys in the Münster Region
Background: Target values for cardiovascular risk factors in patients with coronary heart disease (CHD) are stated in guidelines for the prevention of cardiovascular disease. We studied secular trends in risk factors over a 12-year period among CHD patients in the region of Münster, Germany.
Methods: The cross-sectional EUROASPIRE I, II and III surveys were performed in multiple centers across Europe. For all three, the Münster region was the participating German region. In the three periods 1995/96, 1999/2000, and 2006/07, the surveys included (respectively) 392, 402 and 457 ≤ 70-year-old patients with CHD in Münster who had sustained a coronary event at least 6 months earlier.
Results: The prevalence of smoking remained unchanged, with 16.8% in EUROASPIRE I and II and 18.4% in EUROASPIRE III (p=0.898). On the other hand, high blood pressure and high cholesterol both became less common across the three EUROASPIRE studies (60.7% to 69.4% to 55.3%, and 94.3% to 83.4% to 48.1%, respectively; p<0.001 for both). Obesity became more common (23.0% to 30.6% to 43.1%, p<0.001), as did treatment with antihypertensive and lipid-lowering drugs (80.4% to 88.6% to 94.3%, and 35.0% to 67.4% to 87.0%, respectively; p<0.001 for both).
Conclusion: The observed trends in cardiovascular risk factors under-score the vital need for better preventive strategies in patients with CHD.
Zitierweise
Prugger C, Heidrich J, Wellmann J, Dittrich R, Brand SM, Telgmann R,
Breithardt G, Reinecke H, Scheld H, Kleine-Katthöfer P, Heuschmann P, Keil U: Trends in cardiovascular risk factors among patients with coronary heart disease: results from the EUROASPIRE I, II, and III surveys in the Münster region. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(17): 303–10.
DOI: 10.3238/arztebl.2012.0303
@Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit1712
eTabellen:
www.aerzteblatt.de/12m0303
The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
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