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Führungsdilemmata: Transparenz ist alles

Dtsch Arztebl 2012; 109(17): A-887 / B-763 / C-759

Kutscher, Patric P.

Vertrauensbildende Maßnahme: Langfristig zahlt es sich aus, dem Team zu erläutern, warum man eine wegweisende Entscheidung so und nicht anders getroffen hat. Foto: iStockphoto

Ein Arzt, der eine Entscheidung autoritär durchdrücken muss, die Loyalität des Praxisteams aber nicht gefährden will, sollte offen und ehrlich seine Beweggründe erläutern.

Nahezu täglich gerät der Arzt als Praxisinhaber in eine Entscheidungszwickmühle. Dann muss er sich zwischen Alternativen entscheiden, die sich ausschließen.

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So gibt es Situationen, in denen er von den Mitarbeitern Anpassung und folgsamen Respekt verlangen muss – obwohl er ansonsten Eigeninitiative und eigenständiges Denken und Handeln erwartet. Das Dilemma entsteht, wenn er nun entgegen seines üblichen Vorgehens eine Entscheidung durchdrückt, die das Überleben der Praxis sichert, die er aber nicht mit dem Team diskutieren kann und will. Sein Handeln stößt bei den Mitarbeitern auf Unverständnis – und das in einer Situation, in der er deren Loyalität mehr benötigt als sonst.

Oder: Die Mitarbeiter wünschen vom Arzt Orientierung und Sicherheit – das betrifft die Arbeitsplatzsicherheit und die Erwartung, in verlässlichen Strukturen arbeiten zu können. Kein Arzt jedoch kann besten Gewissens zusichern, dass der Arbeitsplatz der Medizinischen Fachangestellten für immer gesichert ist. Dr. med. Martin Herkenhoff, Kinderarzt mit Praxis im bayerischen Germering, ergänzt: „Zudem lebt eine Arztpraxis nicht von Kontinuität allein, sondern vom Wandel, mithin von der Möglichkeit, sich auf Innovationen einzulassen.“ Stillstand bedeutet zuweilen Rückschritt. Daher muss der Arzt liebgewonnene Sicherheiten auf den Prüfstand stellen und ab und zu gegen das Sicherheitsbedürfnis der Mitarbeiter entscheiden.

Eine Möglichkeit, solche Führungsdilemmata zu lösen, besteht darin, einen verbindlichen Handlungsrahmen abzustecken. Der Arzt könnte vorgeben, dass bei Entscheidungen der Grundsatz gilt: „Das Patientenwohl geht vor Mitarbeiterwohl.“ In der Wertehierarchie steht mithin die Patientenorientierung vor der Mitarbeiterorientierung. Ein weiterer möglicher Leitsatz: „Die Praxis- und/oder Teaminteressen sind wichtiger als Einzelinteressen.“ Ein Arzt im Führungsdilemma wird sich dann für die Alternative entscheiden, die der Praxis und dem Team nützlich ist. Selbst berechtigte Interessen eines einzelnen Mitarbeiters müssen dagegen zurückstehen. Herkenhoff gibt ein Beispiel: „Ich gönne einem Mitarbeiter seinen Urlaub. Er hat ihn sich verdient. Doch der Krankenstand in der Praxis verhindert dies. Würde ich den Urlaub genehmigen, liefe ich Gefahr, das Patientenwohl in Mitleidenschaft zu ziehen.“

Ein weiteres typisches Führungsdilemma liegt vor, wenn der Arzt seinen Mitarbeitern grundsätzlich Vertrauen schenken, Kompetenzen abgeben und Zuständigkeiten übertragen will, gleichzeitig jedoch als verantwortliche Führungskraft alles im Griff und unter Kontrolle haben muss. Wie soll er reagieren, wenn er eine Assistentin, der andauernd Fehler unterlaufen, eigentlich stärker kontrollieren müsste? „Auch hier muss dem Patientenwohl ein höherer Stellenwert eingeräumt werden als der Mitarbeiterorientierung“, meint Herkenhoff.

In der Regel muss der Arzt sein Mitarbeiterteam als Gesamtheit sehen, zugleich aber dem Einzelnen gerecht werden. Ein Dilemma entsteht etwa, wenn der Arzt die Auszubildende übernehmen würde – sie ist kompetent, und im Hinblick auf die Patientenbetreuung wäre es sinnvoll, das Praxisteam zu erweitern. Andererseits ist die Übernahme wirtschaftlich nur schwer zu stemmen: Der Arzt steht in der Verantwortung gegenüber dem Team und der Praxis insgesamt.

Die Lösung eines Führungsdilemmas besteht weniger darin, es zur Zufriedenheit aller Beteiligten aufzulösen – das ist oftmals unmöglich. „Der Arzt muss eine Entscheidung treffen und das Führungsdilemma als gegeben akzeptieren, es aushalten und konstruktiv mit ihm umgehen“, schlägt Herkenhoff vor. So sollte er seine Entscheidung gegenüber der „unterlegenen“ Partei dezidiert und beispielsweise der Auszubildenden verdeutlichen, warum er sie nicht übernehmen kann.

Kommunikation ist alles – auch im Eingangsbeispiel: Der Arzt, der eine Entscheidung autoritär durchdrücken muss, aber trotzdem die Loyalität des Teams benötigt, sollte offen und ehrlich die Hintergründe erläutern und Argumente nennen, die zeigen, warum er so und nicht anders handeln konnte.

Häufig bewältigen Ärzte die Dilemma-Situation, indem sie sie verharmlosen, verschweigen und verdrängen. Besser ist es, wenn der Arzt – sich selbst und dem Team gegenüber – verdeutlicht, dass er schwierige Entscheidungen immer nur im Hier und Jetzt und in Abhängigkeit von den Tatsachen und Fakten, die im Moment bestehen, treffen kann. Das führt zu Verständnis: „Der Chef hat unter Abwägung der Situation und der Dringlichkeit entscheiden müssen, aber ab morgen vertraut er wieder unserem eigenständigen Handeln.“

Damit der Arzt nicht von den Führungsdilemmata erdrückt und frustriert wird, sollte er eine Situation und die betroffenen Personen jedes Mal aufs Neue bewerten und seine Entscheidung im Gesamtkontext treffen. Heute sind diese Umstände entscheidend, morgen vielleicht andere. Der Arzt kann also immer nur die gegenwärtigen Faktoren berücksichtigen. Es gibt nun einmal verschiedene Zeitabschnitte, in denen jeweils abwechselnd nur einer der verschiedenen Ansprüche bedient werden kann. Konkret: Heute steht die Wirtschaftlichkeit der Praxis im Vordergrund und ist für den Arzt handlungsanleitend, morgen die Patientenorientierung, übermorgen die Mitarbeiterorientierung – und manchmal spielen in ein und derselben Situation alle drei eine entscheidungsrelevante Rolle, so dass der Arzt die verschiedenen Ansprüche gegeneinander abwägen muss.

Patric P. Kutscher
MasterClass Education, Zellertal


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