SCHLUSSPUNKT
Schach: Stress in der Pulvermühle
Dtsch Arztebl 2012; 109(17): [80] / [80] / [80]


Foto: Dagobert Kohlmeyer
Es gibt Begriffe, die mit einem Mal aus irgendeiner Nische in das Licht der Öffentlichkeit und damit in den allgemeinen Sprachgebrauch emporgespült werden und die verschiedensten Lebensbereiche wuchernd erobern. Beispielsweise der „Stresstest“, dem man bei der Debatte um „Stuttgart 21“ ebenso begegnen kann wie im Zusammenhang mit Atomkraftwerken, Finanzmärkten, aber auch einem Spiel der Fußballnationalmannschaft. Stresstest allerorten. Dabei wurde dieser aus dem Englischen übernommene Begriff noch vor zehn Jahren ausschließlich in der Medizin für ein Belastungs-EKG verwendet. Also die Überprüfung des Herz-Kreislauf-Systems unter erschwerten experimentellen Bedingungen.
Nun weiß aber jeder Schachspieler, dass ein Sonntagnachmittagsspielchen nach Kaffee und Kuchen zwischen Tante Annette und Neffe Julian etwas anderes ist als eine Turnierblitzpartie, bei der beide für die ganze Partie jeweils nur fünf Minuten Zeit haben. Unerbittlich ticken die Sekunden auf der Schachuhr weg, die schönste Stellung kann augenblicklich durch Zeitüberschreitung zunichtegemacht werden. Pulsfrequenz und Blutdruck schlagen Purzelbäume: Stress pur, hoffentlich Eustress!
Vor geraumer Zeit nahm der Bamberger Neurologieprofessor Dr. med. Peter Krauseneck an einem Blitzturnier in der Pulvermühle in der Fränkischen Schweiz teil. Unter Schachspielern ein bekannter Ort, an dem schon die Weltmeister Mihail Botwinnik und Tigran Petrosjan ihre Aufwartung machten und der legendäre Bobby Fischer sich gar drei Monate auf der ewigen Flucht vor sich selbst und der Öffentlichkeit mit Hilfe des Hausherrn, des Schachgroßmeisters Michael Bezold, versteckt hielt.
Bei besagtem abendlichem Blitzturnier, welches der Hausherr gewann, gab es allerdings eine Besonderheit: es wurde stressminderndes Freibier ad libidum ausgeschenkt sowie ein Kirschlikör zur Halbzeit. Nun sind unter Alkoholgenuss schon einzigartige Perlen der Schachkunst geboren worden – ich denke nur an Dr. med. Christian Cimbollek zu Würzburger Studentenzeiten, als er mit Hilfe etlicher Schoppen Wein mit dem vielversprechenden Namen „Ewig Leben“ eine wunderschöne Kombination aufs Brett zauberte (siehe Deutsches Ärzteblatt vom 22. Januar 2010). Trotz dieses und anderer Vorbilder ließ Prof. Krauseneck, der schließlich im Vorderfeld landete, allerdings Zurückhaltung walten, während einer seiner Gegner, der Internationale Meister Ilja Schneider, nachdem er beide Partien gegen ihn verloren hatte, hinterher meinte, er hätte den zweiten Likör besser ausgelassen. Posthum ist man schlauer.
In dieser Stellung musste sich Ilja Schneider als Weißer am Zug entscheiden, ob er angesichts der ungedeckten schwarzen Dame d5 mit dem Turm oder Läufer auf c7 einschlagen sollte. Das eine verlor, das andere hätte gewonnen. Was tat was?
Lösung:
Nach 1. Lxc7+ Lxc7 2. Dxd5 war Weiß zwar um eine Dame reicher, indes nach 2. . . . Te1 matt (der Läufer c7 kontrolliert das Fluchtfeld h2 des weißen Königs) um den König ärmer.
Stattdessen hätte 1. Txc7 gewonnen, weil nun ein furchtbares Abzugsschach droht, 1. . . . Lxc7 hier wirklich wegen 2. Lxc7+ Kxc7 3. Dxd5 die Dame verlöre und 1. . . . Txe5 an Tc8 matt scheiterte. Schließlich wäre auch 1. . . . Dxe5 2. Txb7+ Kxb7 3. dxe5 mit der Drohung 4. Dxf7+ nebst Turmgewinn hoffnungslos gewesen.
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