MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Antipsychotika in Alten- und Pflegeheimen: Mortalität bei Haloperidol-Behandelten am höchsten

Dtsch Arztebl 2012; 109(17): A-866 / B-745 / C-741

Gulden, Josef

Die Betreuung von Patienten mit Demenz und Verhaltensstörungen in Alten- und Pflegeheimen gehört zu den schwierigsten Problemen der medizinischen Versorgung. Die meisten Leitlinien stimmen darin überein, dass bei Verhaltens- und psychologischen Problemen mit agitierten, aggressiven oder psychotischen Patienten zunächst ein nichtmedikamentöser Therapieversuch gemacht werden sollte. Weil dies oft schwierig bis unmöglich ist, wird von den betreuenden Ärzten vielfach die Verschreibung von Antipsychotika erwartet, obwohl dies eigentlich die Ultima Ratio sein sollte. Seit einigen Jahren gibt es Warnungen vor einem erhöhten Mortalitätsrisiko bei Patienten unter entsprechender Medikation.

Die Frage einer Studie war, ob sich verschiedene Substanzen in diesem Kriterium unterscheiden. Analysiert wurden Krankenversicherungsdaten von 75 445 Patienten (Alter ≥ 65 Jahre), die zwischen 2001 und 2005 in US-amerikanischen Heimen lebten und Antipsychotika (Haloperidol, Aripiprazol, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon oder Ziprasidon) neu erhielten. Mit statistischen Verfahren (Propensity Score Adjustment) wurden potenzielle Störfaktoren herausgerechnet.

Verglichen mit dem am häufigsten verschriebenen Risperidon war das Mortalitätsrisiko unter Haloperidol verdoppelt (Hazard Ratio 2,07; 95-%-Konfidenzintervall 1,89– 2,26) und unter Quetiapin leicht reduziert (HR 0,81; 95-%-KI 0,75– 0,88). Die anderen Substanzen unterschieden sich nicht wesentlich von Risperidon. Der Effekt war am stärksten kurz nach Beginn der Behandlung, war bei allen Dosierungen und für alle untersuchten Todesursachen (mit Ausnahme von Krebserkrankungen) erkennbar, sowohl bei Patienten mit Demenz als auch bei solchen mit Verhaltensstörungen. Für alle Medikamente außer für Quetiapin wurde eine Dosis-Wirkung-Beziehung in Bezug auf die Mortalität beobachtet.

Fazit: Die Gabe von Antipsychotika ist mit unterschiedlichen Mortalitätsrisiken bei geriatrischen Patienten assoziiert. Kausale Zusammenhänge lassen sich durch populationsbasierte Kohortenstudien wie diese ebenso wenig belegen wie Störfaktoren ausschließen. Dennoch bekräftigen die sehr robusten Daten das Risiko durch Antipsychotika bei Patienten in Pflegeheimen sowie die Notwendigkeit, diese nur bei dringendem Bedarf und in der niedrigsten erfolgversprechenden Dosis anzuwenden, so die Autoren. Haloperidol solle vermieden werden. Quetiapin scheine zwar mit einem geringeren Risiko assoziiert zu sein, aber für diese Substanz gebe es bislang wenig schlüssige Evidenz für eine Wirkung bei neuropsychiatrischen Problemen dementer Patienten.

Josef Gulden

Huybrechts KF, et al.: Differential risk of death in older residents in nursing homes prescribed specific antipsychotic drugs: Population based cohort study. Br Med J 2012; 344: e977. MEDLINE

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