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POLITIK

Krankenhausmarkt: Die Nr. 1 schluckt die Nr. 2

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A-897 / B-771 / C-767

Flintrop, Jens

Foto: dapd

Der Gesundheitskonzern Fresenius bietet den Rhön-Aktionären viel Geld, um mit seiner Tochter Helios die Marktführerschaft deutlich auszubauen.

Es ist ein Milliardendeal, der sich da anbahnt: Am 26. April unterbreitete der im DAX notierte Gesundheitskonzern Fresenius, zu dem auch die Helios-Kliniken GmbH gehört, den Aktionären der im MDAX notierten Rhön-Klinikum AG ein Kaufangebot in Höhe von 22,50 Euro je Aktie. Das Angebot liegt damit um 52 Prozent über dem Schlusskurs der Aktie am Vortag. Insgesamt hätte die Transaktion ein Volumen von mehr als drei Milliarden Euro. Sie wird wirksam, wenn 90 Prozent des Rhön-Grundkapitals den Besitzer wechselt. Fresenius strebt einen Abschluss der Übernahme im dritten Quartal 2012 an.

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Der Großaktionär stimmt zu

Eugen Münch, der mit seiner Frau 12,45 Prozent der Rhön-Aktien hält, kündigte bereits an, das Fresenius-Angebot anzunehmen und empfahl dies auch den anderen Aktionären. Er halte den Zusammenschluss für einen richtigen und wegweisenden Schritt, von dem die Patienten, die Mitarbeiter und die Aktionäre profitieren könnten, sagte der Gründer und langjährige Vorstandschef der Rhön-Klinikum AG: „Ich glaube an die Wachstumsperspektiven von Helios-Rhön.“ Er wolle aber nur an Fresenius verkaufen, nicht an Dritte. Neben der Familie Münch halten eine schwedische Pensionskasse (9,94 Prozent), zwei US-amerikanische Finanzinvestoren (3,07 und 3,03 Prozent) und ein kanadischer Investor die größten Stimmrechtspakete am Klinikkonzern mit Sitz in Bad Neustadt/Saale. 63,4 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz. Bei Rhön selbst hieß es, man wolle das Übernahmeangebot erst noch genau prüfen. Dabei gehe es auch um die Frage, ob das Angebot das Unternehmensinteresse und damit die Interessen der Arbeitnehmer wahre.

Durch die Zukäufe der Damp-Gruppe und des Katholischen Klinikums Duisburg ist Helios mit einem Jahresumsatz von circa 3,5 Milliarden Euro gerade erst zum Marktführer aufgestiegen. Rhön ist die aktuelle Nr. 2 und rechnet nach der jüngsten Übernahme der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden für 2012 mit einen Umsatz von 2,9 Milliarden Euro. Fusioniert käme die neue Gesellschaft somit auf einen Umsatz in Höhe von mehr als sechs Milliarden Euro – dreimal mehr als Asklepios, die Nr. 3 der Branche. Zu Helios-Rhön gehörten 104 Akutkrankenhäuser, 24 Rehabilitationskliniken und 70 Medizinische Versorgungszentren.

Erhebliche Größenvorteile

„Das flächendeckende Netzwerk wird es rund 75 Prozent der deutschen Bevölkerung ermöglichen, eine Klinik der Gruppe binnen einer Stunde zu erreichen“, sagte Fresenius-Vorstandschef Dr. Ulf M. Schneider. Er hofft auf erhebliche Größenvorteile, unter anderem im Einkauf, in den Servicebereichen und in der Verwaltung sowie aus der Bündelung der operativen Sanierungserfolge beider Unternehmen. Damit werde sich die operative Rendite der neuen Gruppe Helios-Rhön um ein bis zwei Prozent verbessern. Auch könnten die Überleitungen von Akut- zu Rehakliniken und die Übergänge zwischen der stationären und ambulanten Krankenversorgung spürbar verbessert werden. Daraus ergäben sich in den kommenden Jahren zusätzliche Wachstumschancen.

Kartellrechtliche Fragen

Das Bundeskartellamt hat sich noch nicht zu den Übernahmeplänen geäußert. Dies werde auch erst geschehen, wenn das Vorhaben offiziell bei der Wettbewerbsbehörde angemeldet worden sei, sagte ein Sprecher gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Dies ist noch nicht der Fall. Da der addierte Jahresumsatz der beteiligten Unternehmen über der Grenze von fünf Milliarden Euro liegt, ist zunächst ohnehin die europäische Wettbewerbsbehörde in Brüssel für die Fusion zuständig. Das Bundeskartellamt dürfte aber auf eine Verweisung ins eigene Haus drängen, weil nur auf dem deutschen Markt Wettbewerbsbeschränkungen drohten. Einem solchen Wunsch wird in der Regel auch stattgegeben.

Grundsätzlich schaut sich das Kartellamt bei Krankenhausfusionen jeweils die Folgen vor Ort an. Gibt es Regionen – „regionale Märkte“ –, wo den Patienten durch den Zusammenschluss Ausweichalternativen in Krankenhäuser anderer Träger genommen werden? Ist dies der Fall, so muss der Krankenhausträger eines der betroffenen Häuser an einen Wettbewerber verkaufen. „Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Klinikstandorte veräußert werden müssen, um die kartellrechtliche Freigabe zu erhalten“, kündigte Fresenius-Vorstandschef Schneider bereits an.

Gelingt Fresenius die Übernahme des Konkurrenten, dann wird der weltweit agierende Gesundheitskonzern auch Eigentümer des Universitätsklinikums Gießen und Marburg. Rhön steht aktuell massiv in der Kritik, weil der Konzern dort aus Renditeerwägungen Personal abbauen will, obgleich sich die Qualität der Behandlung seit der Übernahme im Jahr 2006 nach Meinung auch vieler Ärztinnen und Ärzte eher verschlechtert hat.

Der hessische Ministerpräsident, Volker Bouffier (CDU), hat das Übernahmeangebot von Fresenius an Rhön umgehend begrüßt: „Ich freue mich, dass meine Bemühungen um die Zukunft des Universitätsklinikums Gießen und Marburg jetzt in ein konkretes Stadium getreten sind.“ Die Landesregierung werde unverzüglich in Gespräche mit Fresenius eintreten, um die Interessen des Landes zur Sicherung einer exzellenten Krankenversorgung sowie für Forschung und Lehre und die Zukunft der Beschäftigten zu erörtern. Bouffier: „Ich bin zuversichtlich, dass auf diese Weise die erfolgreiche Zukunft des drittgrößten Klinikums in Deutschland sichergestellt werden kann.“

Das sehen Prof. Dr. Katharina Krause und Prof. Dr. Matthias Rothmund freilich ganz anders: „Der Übergang an einen neuen privaten Träger wird bei den Beschäftigten des Klinikums und der Bevölkerung in Marburg schwerlich Akzeptanz finden“, betonten die Präsidentin der Philipps-Universität Marburg und der Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität Marburg in einer gemeinsamen Stellungnahme. Und: „Wir hoffen, dass das Land diese einmalige Chance nutzt und prüft, das Universitätsklinikum Gießen und Marburg wieder in die öffentliche Hand zu überführen.“

Skepsis in Gießen und Marburg

Dekan Rothmund hatte es bereits am 11. April in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) als „worst case“ bezeichnet, wenn das fusionierte Klinikum an einen anderen privaten Träger verkauft werde: „Die Universitätsmedizin in Marburg und Gießen käme vom Regen in die Traufe.“ In der Tat ist es so, dass die Renditevorgaben der Helios-Geschäftsführung die der Kollegen bei Rhön eher noch übertreffen. Spätestens im fünften Jahr nach einer Übernahme muss ein Helios-Akutkrankenhaus einen operativen Gewinn (EBITDA = Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) von 15 Prozent des Umsatzes vorweisen können.

In seinem FAZ-Beitrag hatte sich Dekan Rothmund auch für ein gänzlich anderes Organisationsmodell am Universitätsklinikum Gießen und Marburg ausgesprochen, „in dem wissenschaftliche, ärztliche und kaufmännische Leitung kooperativ an der gedeihlichen Entwicklung der fusionierten mittelhessischen Hochschulmedizin arbeiten“. Das wäre dann ein Abschied von dem bisher in Hessen praktizierten Modell mit der irreführenden Bezeichnung „Kooperationsmodell“, in dem Klinikum und Fachbereich organisatorisch bewusst mit der Zielsetzung getrennt worden waren, jeweils ihre eigenen Ziele bestmöglich zu verfolgen und zu vertreten. Rothmund: „Sicher ist, dass ein solches Integrationsmodell große Zustimmung und neues Engagement bei den Beschäftigten auslösen würde.“ Bemerkenswerterweise sprach sich der Vorsitzende der Helios-Geschäftsführung, Dr. Francesco De Meo, bei einem Presseworkshop am 26. März in Bad Homburg genau dafür aus. Auf die Frage, wie er die Entwicklungen in Gießen und Marburg bewerte, sagte er damals: „Das Beispiel zeigt, dass das Integrationsmodell die Zukunft für die Universitätsklinika sein muss.“

Jens Flintrop


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