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Demenz: Die andere Seite

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A-889 / B-765 / C-761

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Bald wird es keine Familie in Deutschland mehr geben, die diese Erkrankung nicht aus eigenem Erleben bei ihren Angehörigen kennt: die Demenz. Momentan leben 1,2 Millionen Menschen mit einem mittleren bis schweren Verlauf dieser Erkrankung. Demenz ist ein angstbesetztes Thema und gleichzeitig vielleicht die größte medizinethische und soziale Herausforderung unserer Zeit.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

Der Deutsche Ethikrat hat darauf reagiert und Ende April eine Stellungnahme zu „Demenz und Selbstbestimmung“ vorgelegt. Diese hat einen klaren Tenor: Wir brauchen einen menschlicheren Umgang mit den Betroffenen. Demenz dürfe nicht nur als medizinisches Schicksal empfunden und mit der Zerstörung der geistigen Leistung gleichgesetzt werden. Demenzkranke seien empfindende, emotionale und soziale Menschen, heißt es. Deshalb müssten ihre Selbstbestimmung stärker beachtet und ihre vorhandenen Fähigkeiten besser gefördert werden.

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In der Tat wird es die Aufgabe der nächsten Jahre sein, gesellschaftlich und persönlich den Mut aufzubringen, die Demenz auch von dieser anderen Seite zu sehen. Gerade Ärztinnen und Ärzte sollten versuchen, den Blick nicht nur auf die Defizite des Patienten, sondern auf die jeweils noch vorhandenen Ressourcen zu richten und die noch vorhandene Selbstständigkeit der Betroffenen zu stärken. Mehr Augenmerk muss beispielsweise darauf gelegt werden, inwieweit Demenzkranke mit Gittern im Bett oder durch verschlossene Türen im Haus oder im Pflegeheim gehalten werden. Noch zu häufig geschieht dies derzeit aus Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit oder – wie manchmal auch bei Kindern – aus übertriebener Fürsorge.

Der Deutsche Ethikrat bringt das ethische Gebot der nächsten Jahre mit einem Begriff gut auf den Punkt: dem der assistierten Selbstbestimmung. Betreuende und Versorgende sollten sich bemühen, sich stärker an den konkreten Bedürfnissen der Demenzkranken auszurichten. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass dies nicht nur zu mehr Lebensqualität für die Betroffenen beiträgt, sondern auch den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflusst.

Der Rat kritisiert ferner, dass die Forschung in Medizin und Pflege sowie die zugehörige Praxis überwiegend auf die Früherkennung der Demenz und die Symptomlinderung ausgerichtet seien. Künftig müssten jedoch der lange Weg der Erkrankung und die dabei erforderliche Begleitung der Patienten stärker in den Blick genommen werden.

16 wegweisende Empfehlungen richtet das Gremium an die Bundesregierung und benennt damit bestehende Defizite: So bestärkt es sie in ihrer Absicht, einen Nationalen Aktionsplan Demenz zu entwickeln, um das Vorgehen aller Akteure zu koordinieren. Zudem verlangt der Rat mehr Unterstützung und eine bessere finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung für die pflegenden Angehörigen sowie eine stärkere Förderung von ambulant betreuten Haus- und Wohngemeinschaften. Verschiedene entlastende Maßnahmen für Angehörige sollten zügig ausgebaut werden, wie beispielsweise die Tagespflege, die Kurzzeitpflege, aber auch die Fortbildungs- und Gesprächsangebote. Pflegezeiten müssten sich bei der Rente genauso auswirken wie Kindererziehungszeiten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

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