66 Artikel im Heft, Seite 29 von 66

BRIEFE

Onkologie: Mutiges Resümee

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A-928 / B-795 / C-789

Hölzinger, Jürgen

Nach zwölf Jahren Bilanz zu ziehen, ist nicht falsch. Das steht Prof. Weißbach als einem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Krebsgesellschaft zu, der die damaligen Ziele wesentlich mitformuliert hat. Jetzt gehen allerdings die Wogen hoch. Wenn der kollegiale Streit auch eskaliert, seine Fragen und Thesen betreffen nicht nur das onkologische Fachgebiet, sondern den ganzen Medizinbetrieb in Deutschland. Darum ist es wichtig, sie unaufgeregt zu diskutieren . . . Das Grundübel ist die Ökonomisierung der Medizin. Kann man erwarten, dass sich Mediziner dem allgemeinen Dogma vom Primat der Ökonomie entziehen, das seit Jahrzehnten die (westliche) Welt dominiert? Ja, Patienten können dies von Medizinern, die sich als Ärzte verstehen, erwarten.

Die Ökonomisierung der Medizin führt auf der Seite der „Leistungserbringer“ zu Wettbewerb, Renditeerwartungen, Chefarztverträgen mit Bonigarantien, Fangprämien, Drittmitteljagd, Ausbeutung und Selbstausbeutung, Personalabbau, insuffizienter Weiter- und Fortbildung etc. Der ökonomische Druck beschert den Patienten . . . immer mehr unnötige Diagnosen und Therapien mit nicht selten schlimmen Folgen. Weißbach nennt das „Beugung der Indikation“.

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Konkret bedeutet das in der Onkologie, dass Früherkennung massiv propagiert wird, obwohl randomisierte Studien unzureichend sind und nicht korrekt evaluiert wird. Weißbach spricht von Überdiagnosen und Überbehandlung, von Budgetoptimierung und erfolgreicher Lobbyarbeit. Nicht zu vernachlässigen bei der Früherkennung sind natürlich die Angst der Patienten vor Krebs und die Sorge der Ärzte, juristisch belangt zu werden, wenn „nicht alles veranlasst wurde“. Statt ausführlich mit den Patienten zu sprechen, wird lieber agiert, zumal übertherapierte chronisch Kranke zu lebenslänglichem Honorar verhelfen . . .

Die belastbare Evidenz für den Nutzen von Tumorzentren und Leistungsmengen wird zu Recht bezweifelt . . .

Das mächtige Mantra in der Medizin heißt „Qualität“, die messbar und computerkompatibel sein muss. Und der Wettbewerb soll es richten. Doch wie sieht es mit der Qualität im medizinischen Alltag aus? Könnten Ärztekammern statt nur cme-Punkte zu verwalten, nicht besser eine effiziente Weiter- und Fortbildung – industrie- und pharmafern – installieren, um mitzuhelfen, die „verlorene Kunst des Heilens“ (Bernard Lown) wiederzufinden? Das wäre ein mühseliger, aber der richtige Weg.

Weißbach stellt fest: „Wer über die Finanzen steuert, bekommt nur eine finanziell optimierte Versorgung.“ Darüber sollten mal Gesetzgeber, Krankenhäuser, Krankenhauskonzerne, Krankenkassen, Journalisten, Betriebs- und Volkswirte nachdenken. Besonders aber die Krankenversicherten, bevor sie zu Patienten werden . . .

Danke an Kollegen Weißbach für sein mutiges Resümee. Die Konsequenzen zu ziehen, liegt aber an uns.

Dr. med. Jürgen Hölzinger, 14129 Berlin


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