POLITIK

Pflegequalität: Weiterhin Nachholbedarf

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A-912 / B-781 / C-776

Hibbeler, Birgit

Gute Pflege ist nicht selbstverständlich: Pflegestandards werden oft nicht umgesetzt – etwa bei der Dekubitusprophylaxe. Foto: dpa

Heime und ambulante Pflegedienste sind auf einem guten Weg, was die Qualität angeht. Allerdings gibt es auch in elementaren Bereichen wie der Nahrungsaufnahme noch immer Missstände.

Besser, aber nicht überall gut: Bei der Qualität von Heimen und ambulanten Pflegediensten besteht nach wie vor Handlungsbedarf. Das ist das Ergebnis des 3. Pflege-Qualitätsberichts des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). Fortschritte gab es im Umgang mit Demenzkranken sowie bei der Versorgung mit Flüssigkeit und Nahrung. Allerdings profitieren nicht alle Pflegebedürftigen davon. So erhalten rund 20 Prozent der Heimbewohner nicht die Hilfe beim Essen und Trinken, die sie brauchten. 2007 waren es mit 36 Prozent noch deutlich mehr. Dr. Peter Pick, MDS-Geschäftsführer, erkennt deshalb in den Ergebnissen einen „erfreulichen Trend“.

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Fixierungen ohne Anordnung

„Trotzdem können wir nicht zufrieden sein, weil sich bei einigen Kriterien zu wenig bewegt hat“, sagte Pick. Das gilt für die Dekubitusprophylaxe. Wer ein Dekubitusrisiko hat, bekommt im Heim nicht immer eine entsprechende Lagerung und Hilfsmittel. Bei 40 Prozent gab es hier Versäumnisse. Missstände sind bei freiheitsentziehenden Maßnahmen zu verzeichnen. Bei jedem fünften Heimbewohner kamen solche Maßnahmen zum Einsatz, also Fixierungen oder Bettgitter. In elf Prozent der Fälle lag keine Einwilligung oder Genehmigung vor.

Das Thema Pflegequalität ist in der Öffentlichkeit immer stärker präsent. Der Druck auf Heime und ambulante Dienste ist deutlich gestiegen. Seit 2008 werden die Einrichtungen regelmäßig durch die Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) kontrolliert und bekommen Noten. Diese Prüfungen werden auch als „Pflege-TÜV“ bezeichnet. Die Ergebnisse sind im Internet abrufbar.

Allerdings wurde die Methodik der MDK-Bewertungen vielfach kritisiert. Die Prozess- und Strukturqualität stünden im Fokus, nicht die Ergebnisse. Mit dem jetzt vorgelegten Bericht, in dem es nicht nur um Dokumentation, sondern um die tatsächliche Pflege geht, sieht MDS-Geschäftsführer Pick sich aber bestätigt. Die Untersuchung belege den Zusammenhang zwischen Pflegeprozess und Ergebnisqualität. So hätten mehr Pflegebedürftige einen Dekubitus, wenn keine Prophylaxe durchgeführt werde (7,4 Prozent statt 4,4 in der Gesamtstichprobe). Erhielten Pflegeheimbewohner keine ausreichende Hilfe bei der Nahrungsaufnahme, zeigten mehr als 30 Prozent einen bedeutsamen Gewichtsverlust. In der Gesamtstichprobe liege der Anteil bei neun Prozent.

Defizite bei Schmerztherapie

Der Pflege-Qualitätsbericht liefert erstmals epidemiologische Daten. Grundlage sind die Ergebnisse aller MDK-Prüfungen in circa 8 100 Heime und 7 800 ambulanten Diensten von Juli 2009 bis Dezember 2010. Sie zeigen den Pflegezustand von mehr als 100 000 Pflegebedürftigen. Die häufigsten gesundheitlichen Probleme sind Inkontinenz und Demenz (siehe Tabelle). Etwa ein Drittel der Pflegeheimbewohner leidet unter chronischen Schmerzen. Beim Schmerzmanagement gibt es dem MDS-Bericht zufolge erheblichen Nachholbedarf.

Diese Zahlen machen deutlich: Nicht nur eine hochwertige Pflege, sondern auch eine gute medizinische Betreuung ist für Pflegebedürftige wichtig. Künftig soll es daher finanzielle Anreize für eine bessere ärztliche Versorgung geben. Ärzte und Heime sollen stärker kooperieren. Das sieht das Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG) vor, das kürzlich vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Der Bundestag hat bereits in erster Lesung über das PNG beraten und muss dem Gesetz noch zustimmen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Informationen zum Bericht und zum „Pflege-TÜV“: www.pflegenoten.de

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