POLITIK

Multimorbidität: Beim Hausarzt eher die Regel

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A-906 / B-780 / C-773

Osterloh, Falk

Die Hausarztpraxis bietet eine große Chance, multimorbide Patienten angemessen zu behandeln. Foto: Your Photo Today

Viele Patienten in der hausärztlichen Versorgung sind multimorbide. In Baden- Württemberg wird derzeit ein Case-Management erprobt, das die Versorgung dieser Patienten verbessern und Krankenhauseinweisungen reduzieren soll.

Als multimorbide gilt ein Patient, wenn er über einen längeren Zeitraum an mehr als einer Erkrankung leidet. Die Zahl dieser Patienten nimmt seit Jahren zu. „Zwischen 1985 und 2005 hat sich die Prävalenz chronischer Erkrankungen in Industriestaaten verdoppelt. Doch die Anzahl von Patienten mit vier oder mehr Krankheiten hat sich im selben Zeitraum verdreifacht“, erklärte der Ärztliche Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg, Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, auf der Fachtagung Multimorbidität beim AOK-Bundesverband. „Multimorbidität nimmt sowohl mit steigendem Alter als auch mit abnehmendem sozioökonomischem Status zu.“ Betroffen seien insbesondere Frauen.

Anzeige

Szecsenyi berichtete von einer 79-jährigen multimorbiden Frau, die in einer US-amerikanischen Studie untersucht worden war. Sie litt unter anderem an koronarer Herzkrankheit, Osteoporose, Hypertonie und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung. „Hätte man diese Frau leitliniengetreu behandelt, hätte sie zwölf verschiedene Arzneimittel nehmen und ihre Ernährung in acht Bereichen auf die Therapie abstimmen müssen“, sagte Szecsenyi. Das sei aber für den Arzt und für den Patienten unmöglich. Deshalb müsse man bei multimorbiden Patienten Prioritäten setzen.

Behandelt werden Menschen mit mehreren Erkrankungen vor allem von ihrem Hausarzt. „Multimorbide Patienten sind in der Hausarztpraxis eher die Regel als die Ausnahme“, so Szecsenyi. Daher habe man dort eine große Chance, eine angemessene Versorgung zu organisieren.

Krankenhauseinweisungen stehen im Fokus der Studie

Wie eine solche aussehen kann, wird zurzeit in Baden-Württemberg getestet. Dort nehmen 115 Praxen aus der hausarztzentrierten Versorgung und mehr als 2 000 Patienten an dem indikationsübergreifenden Hausarztpraxis-basierten Case-Management bei chronisch kranken Patienten teil, kurz PraCMan. Das Projekt wurde in Szecsenyis Abteilung der Uniklinik Heidelberg entwickelt und wird gemeinsam vom AOK-Bundesverband und der AOK Baden-Württemberg finanziert.

„Das primäre Studienziel ist eine Reduktion der Krankenhauseinweisungen innerhalb von zwölf Monaten“, erklärte der Projektkoordinator Dr. med. Tobias Freund. Zunächst spricht eine geschulte Medizinische Fachangestellte (MFA) mit dem Patienten, erfragt seine Therapietreue bei der Medikamenteneinnahme, seine Befindlichkeit und besucht ihn zu Hause, um zum Beispiel Gefahrenquellen für Stürze zu erkennen. Gemeinsam mit dem Patienten planen Arzt und MFA dann die individuellen Ziele für das Case-Management: etwa ein Selbstmonitoring, mehr Bewegung oder den Beginn einer Suchttherapie. Alle sechs Wochen, bei Bedarf auch häufiger, ruft die MFA dann beim Patienten an und fragt anhand von Checklisten nach Befinden, Therapietreue und Umsetzung der vereinbarten Ziele.

Der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Jena, Prof. Dr. med. Jochen Gensichen, wies darauf hin, dass die Depression eine relevante Komorbidität sei. Sie werde bei 45 Prozent der Patienten mit Angststörungen, bei 40 Prozent der Patienten mit Herzinsuffizienz und bei 60 Prozent der Schmerzpatienten diagnostiziert. Sie gelte als komplizierender Faktor, der die Behandlungsergebnisse negativ beeinflusse. Deshalb sei es sinnvoll, so Gensichen, bei multimorbiden Patienten eine Depression frühzeitig zu behandeln, um den Patienten überhaupt in die Lage zu versetzen, an seiner Therapie mitzuarbeiten.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige