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KUNST + PSYCHE

Jahresthema Tabu: Political Correctness: Das „N-word“

PP 11, Ausgabe Mai 2012, Seite 194

Kraft, Hartmut

Salz- und Pfefferstreuer „Aunt Jemima“ und „Uncle Mose“. Roter Kunststoff, zum Teil farbig gefasst (gespritzt und gemalt). Höhe jeweils 12,8 cm. Made in USA, Alter unbekannt (vermutlich 40er Jahre des 20. Jahrhunderts). Foto: Eberhard Hahne

Wer zum ersten Mal den Begriff „N-word“ hört, wird nur aus dem Zusammenhang folgern können, wofür hier mit allen Anzeichen der bereitliegenden Entrüstung eine Abkürzung verwendet wird. Es geht um den Begriff „Nigger“, der in den USA zum Unwort deklariert und weder geschrieben noch ausgesprochen werden soll. Er gilt als entwertend, beleidigend, diskriminierend, rassistisch, kurzum: Er ist politisch nicht korrekt. Die unbedachte Verwendung des N-words in einer öffentlichen Diskussion kann zum Ende einer beruflichen, vor allem politischen Karriere führen – zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, wie es für Tabubrüche typisch ist. Zweifellos ist die Political Correctness das moderne Sprachtabu schlechthin.

In einer etwas abgeschwächten Form sind die Auswirkungen des „N-word“ auch in Deutschland festzustellen. Kein „Nickneger“ sammelt mehr Cents für arme Negerkinder in katholischen Kirchen, und „Mohrenköpfe“ und „Negerküsse“ sind zwar nicht unbedingt aus unseren Cafés verschwunden, haben aber ihre Benennung gewechselt. Es besteht auch bei uns eine erhöhte Sensibilität für Diskriminierungen von Menschen schwarzer Hautfarbe, wie sie nicht nur in Worten, sondern auch in unzähligen Objekten zum Ausdruck kamen. Das Spektrum reichte vom allseits bekannten, eher liebenswürdig dargestellten „Sarotti-Mohren“ über Aschenbecher in Form eines Mohrenkopfes und Korkenzieher mit unzweideutigen sexuellen Anspielungen bis hin zu den hier gezeigten Salz- und Pfefferstreuern. „Uncle Mose“ (Pfeffer) und „Aunt Jemima“ (Salz) schauen uns breit lächelnd und dienstbereit entgegen. Antikgeschäfte und vor allem Flohmärkte sind eine Fundgrube für diese keineswegs von allen als witzig betrachteten Objekte. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Schwarze in dienender, wenn nicht sogar grob karikierender Form und Funktion zeigen.

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Aufschlussreich ist ein Vergleich mit in Afrika geschnitzten Skulpturen, welche Weiße zeigen. Sie werden als „Colon-Figuren“ bezeichnet, also als Darstellungen von „Kolonisatoren“, Kolonialbeamten. Die geschnitzten Objekte zeigen besonders häufig Beamte oder Soldaten mit einem Gewehr. Als Salz- oder Pfefferstreuer sind bislang keine Colon-Figuren bekanntgeworden.

Dr. med. Hartmut Kraft

1.
Kennedy R: Nigger – The strange Career of a Troublesome Word. New York: Pantheon Books 2002.
2.
Kraft H: Tabu – Magie und soziale Wirklichkeit. Düsseldorf: Walter 2002.
3.
Schenz V: Political Correctness. Eine Bewegung erobert Amerika. Frankfurt: Peter Lang 1994.

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