
Es braucht keine geschlechtsspezifische Psychotherapie, um einen Zugang zu Männern zu finden. Ein therapeutischer Prozess kann in Gang gesetzt werden, wenn der Patient sich in seiner Konfliktlage ernst genommen und anerkannt fühlt.
Männern wird derzeit nicht viel zugetraut, auch in der Psychotherapie nicht. Seit einigen Jahren sind sie die Bildungsverlierer. Männliche Werte, wie Rivalität oder Ehrgeiz, haben im öffentlichen Wertekanon zunehmend an Ansehen verloren, von der Aggressivität ganz zu schweigen. Mit Empathie, Kooperation oder gar mit Multitasking können viele nicht so recht punkten. Seit es den traditionellen Mann nicht mehr gibt, ist eine klare Identität schwierig geworden. Ohne öffentliche Vorbilder und ohne tradierte Rollen müssen sie eine Vorstellung von Männlichkeit entwickeln. Viele Männer reagieren mit Abwehr: Sie verstecken sich hinter einer harten, narzisstischen Schale, suchen Bestätigung durch Statussymbole und wollen schneller, besser, größer sein. Sie flüchten oft in unrealistische Größenvorstellungen, oder sie ziehen sich in eine passive Haltung zurück. Und so finden sich viele Männer in der Therapie ein, die sich unmännlich fühlen und darunter leiden.
Es gibt nicht die Männer
Aber es gibt nicht die Männer, genauso wenig, wie es die Frauen gibt. Es gibt natürlich auch Männer, die ein Interesse an ihrem Innenleben haben, genauso wie es die Hardliner gibt, die nur funktionieren wollen. Wer sich einseitig am Leistungsprinzip orientiert, möchte sich nicht mit seinen Schwächen und Ängsten auseinandersetzen. Leider trifft das gleichfalls zunehmend für Frauen zu. Auch Menschen, die sich nur über Äußerlichkeiten definieren und sich zum Beispiel schönheitschirurgisch manipulieren lassen, werden Probleme haben, selbstreflexiv mit sich umzugehen. Deswegen ist es auch nicht sinnvoll, von einer Männertherapie zu sprechen. Man kann allenfalls differenzierte Zugangsweisen bei Männern und Frauen herausarbeiten.
Etwa die Hälfte meiner Patienten sind Männer. Manche kommen aus eigenem Antrieb in die Therapie, weil sie endlich etwas ändern und an ihren Hemmungen und Konflikten arbeiten wollen. Andere sind eher auf ein aktuelles Thema fixiert und wollen die Therapie auf eine schnelle Lösung begrenzen. Aber alle wollen reden, weil sie mit sich allein nicht mehr weiterkommen. Sie kommen dann an die Bereiche, wo es wehtut, und schon setzen die Vermeidung, die Angst und der Wunsch nach Kontrolle ein. Sie fangen an, sich zu schämen, und ihre Schwächen werden ihnen peinlich. Ist in der Therapie nun alles verloren? Haben wir nun den verstockten, sprachunfähigen Mann vor uns sitzen, der Therapeuten zur Verzweiflung bringt?
Warum fällt es vielen Jungen und Männern so schwer, über Ängste, Unsicherheiten und Verletzungen zu reden? Noch vor einigen Jahren gab es die entwicklungspsychologische Annahme, dass der Junge schon als Baby von seiner Mutter in Erwartung des künftigen Mannes intensiver bewundert wird als das Mädchen. Mittlerweile wird dagegen die geschlechtliche Differenz zwischen Mutter und Sohn als ein frühes trennendes Element verstanden, das bei der Mutter zu einer größeren Erwartung an die Eigenständigkeit und Exploration des Jungen im Vergleich zur Tochter führt, ohne dass diese Erwartung aber unbedingt von einer Bewunderung für die Männlichkeit getragen ist.
Ab dem dritten Lebensmonat bekommen Mädchen mehr zärtlichen Körperkontakt, während bei den Jungen die Muskelaktivität stärker gefördert wird. Auch unterstützen Mütter von da an bei den Jungen stärker ein explorierendes, selbstständiges und loslösendes Verhalten. Die körperlichen Aktionen werden stärker narzisstisch bestätigt. Die Trennung aus der primären Beziehung zur Mutter kann aber zu einer verfrühten Anforderung an die Selbstständigkeit führen, der die Jungen oft noch nicht gewachsen sind. Diese Trennung trägt dann zu der stärkeren Verdrängung der Gefühls- und Fantasiewelt bei, die bei den Jungen mittlerweile als problematisch angesehen wird.
In einer solchen Dynamik ist es für den Jungen hilfreich, wenn er auf einen Vater trifft, der ihm die Trennung aus der primären Identifikation erleichtert, indem er ihn zu einer Beziehung von Mann zu Mann einlädt. Wenn sich der Sohn aber wenig auf den Vater stützen kann, wie es inzwischen oft der Fall ist, bleiben die Gefahr einer lebenslangen Bindung an die Mutter, und, darauf aufbauend, bevorzugt narzisstische Lösungen, bei denen ständig überzogene Stärke und Unverletzbarkeit demonstriert werden müssen.
Ein Fallbeispiel: Herr A. ist im mittleren Alter, er ist in seinem Beruf sehr erfolgreich gewesen. Ohne einen beruflichen Abschluss hat er Karriere gemacht. Als er einen angesehenen Posten besetzte, dachte er bei sich: Jetzt habe ich es meinem Vater gezeigt. Er hatte den Beruf nicht in die Wiege gelegt bekommen, der Vater war Landwirt und zwang die Kinder mit körperlicher Gewalt dazu, im Betrieb mitzuhelfen. Er hatte unter dem Vater und unter dessen Beschimpfungen und Schlägen immer gelitten.
Jetzt hat er ernsthafte berufliche Probleme bekommen. Eine Entlassung droht. Er kann nicht kämpfen, obwohl dies angemessen wäre. Er fühlt sich wie gelähmt. Die Lähmung ist aktuell das Hauptproblem. In der Therapie spricht er von seiner Unfähigkeit, einen Platz im Leben zu finden. Er würde am liebsten verreisen, irgendwohin, auf jeden Fall weit weg. Das ist zwar ein nachvollziehbares Vermeidungsverhalten, aber er bleibt doch in seiner Schilderung sehr allgemein und ohne inneren Bezug. Ich mache ihn darauf aufmerksam. Er antwortet, das würde er öfters hören. Ich sage, er wolle angesichts seiner Probleme nicht greifbar werden. Als er eine Zeit lang nachdenklich schweigt, sage ich: „Weil der Vater Sie so oft gegriffen hat.“
Zusammenhänge verstehen
Mit dieser Bemerkung nehme ich sein Kontrollbedürfnis nicht einfach hin, sondern bringe es in einen psychodynamischen Zusammenhang. Er verstand nun zunehmend, was ihn lähmte. Sein ganzes Leben lang hatte er anders als der Vater sein wollen, eben nicht aggressiv. Er hatte ein nur negatives Vaterbild. Er verachtete ihn auch. Der Vater sei ein Angeber gewesen. Nur frage er sich angesichts seiner eigenen Probleme jetzt, ob er wirklich besser als der Vater sei. Ob es vielleicht eine Anmaßung gewesen sei, es dem Vater zeigen, über ihn triumphieren zu wollen. Nun geht es hin und her zwischen Größenfantasien und Selbstentwertung. Er fängt an zu verstehen, dass er nicht kämpfen konnte, weil er dem Vater gegenüber ein Schuldgefühl hat und er seine derzeitigen Probleme wie eine gerechte Strafe empfindet. Am Ende dieser Phase der Therapie, die sich etwa über sechs Stunden hingezogen hat, berichtet der Patient, dass er durch eine entschiedenere Gegenwehr seine berufliche Position verbessern konnte.
Hier wird ein weiteres Problem im Umgang mit Männern deutlich: Der Patient möchte durch sein passives Verhalten und durch seine Zurückhaltung die Kontrolle über den Prozess mit mir behalten. Ich könnte sonst auch einen Zugriff auf ihn bekommen. Das wäre gefährlich. Dass der Patient sich trotz seiner Ängste einlassen konnte, lag wohl daran, dass ich mich für die Gründe seiner Lähmung interessierte, dass ich ihm Zeit für seine Ängste ließ und ihm keine Lösungen aufdrängen wollte. Damit zeigte ich ihm ebenfalls, dass durchaus auch Männer über Konflikte miteinander reden können.
Wenn der Therapeut durch seine Einstellung vermittelt, dass er einen Zugang zu seinem Patienten sucht, und der Patient sich in seiner Konfliktlage ernst genommen und anerkannt fühlt, entsteht in vielen Fällen eine Bewegung, die einen therapeutischen Prozess in Gang bringt. Es ist dann nicht nötig, den Patienten loben zu wollen, ihn zu ermutigen oder ihm praktische Ratschläge geben zu wollen, wie es einige US-amerikanische Psychologen als eine männerspezifische Therapie vorschlagen (siehe PP, Heft 9/2011). Männer sind verführbar, auch zu einem aufgeklärten Dialog, in dem sie einen Zugang zu sich finden können, der ihnen allein oder im Gespräch mit Freunden versperrt geblieben ist. Der psychodynamische Ansatz erschließt einen Zugang, der verhaltensverändernd ist. Wenn Männer anfangen können, sich mit ihren Konflikten auseinanderzusetzen, brauchen sie keine Anleitung, mit der man sie eher zu kleinen Kindern degradieren würde. Sie brauchen Konfrontationen und einen unerschrockenen Therapeuten, der ihnen zeigt, dass er keine Angst vor ihren Ängsten und Nöten hat. Wir sollten mehr auf einen therapeutischen Prozess, auf die Entwicklung des Dialogs vertrauen, und den Fortschritt nicht durch Manipulationen herbeiführen wollen.
- Zitierweise dieses Beitrags:
PP 2012; 11(5): 216–7
Anschrift des Verfassers
Dr. phil. Hans-Geert Metzger
Psychoanalytiker (DPV), Finkenhofstraße 38
60322 Frankfurt am Main
hg.metzger@dpv-mail.de
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