Seitdem in der Medizin vor circa 20 Jahren der katastrophale Mangel an Studien mit belastbarer Evidenz bekanntgeworden war, wurde einiges unternommen, die Bedeutung von „grauer Eminenz“ durch „Evidenzbasierung“ zu ersetzen. Inzwischen gilt die evidenzbasierte Forschung zwar als „Goldstandard“. Doch wurde schon in den 90er Jahren gerade von prominenten Verfechtern der Evidence based Medicine, wie zum Beispiel Trisha Greenhalgh, auf die starken Begrenztheiten dieses Ansatzes hingewiesen und eine „Narrative based Med- icine“ gefordert, um die enorme Kluft zwischen medizinischer Forschung und ärztlichem Alltag zu überwinden. Seitdem geht es um angemessenere Zugänge zum Patienten: „Storytelling“ (illness narratives, life narratives, organizational narratives) soll die Subjektverleugnung beziehungsweise Subjektvernichtung der evidenzbasierten Medizin kompensieren.
Ganz auf dieser Linie liegt das Buch von Brigitte Boothe, das sich allerdings mit der Bedeutung und der Notwendigkeit der Narration in der Psychotherapie sowie einem entsprechenden qualitativen Forschungsansatz befasst. Denn auch in der Psychotherapie geht im Gefolge der Medizin die Mär von der allein seligmachenden Evidenzbasierung (dazu noch verkürzt auf RCT-Studien) umher, was zum Ausschluss derjenigen Psychotherapieverfahren führt, die sich sozialwissenschaftlich orientierten Behandlungs- und Forschungsansätzen unter Einschluss der subjektiven und intersubjektiven Dimensionen des menschlichen Lebens und Leidens verpflichtet sehen.
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Das Besondere des Buches von Brigitte Boothe, die als Psychoanalytikerin an der Universität Zürich lehrt, liegt nun darin, dass sie den narrativen Ansatz auf die psychoanalytische Psychotherapie überträgt. Das könnte relativ problemlos erscheinen, hatte doch Sigmund Freud selbst seine psychoanalytische Behandlung als „talk-ing cure“ charakterisiert. Allerdings wird schnell deutlich, dass die konsequente Konstruktion der Psychoanalyse als Narration zu einem Totalausstieg aus den klassischen metatheoretischen Grundlagen der Psychoanalyse führt. Man müsste hier wohl von einer „narrativen Wende“ sprechen. In der Tat geht es der Autorin um so etwas wie eine Re-Interpretation der psychoanalytischen Trieblehre im narrativen Gewande. Diese mehr inner-psychoanalytische Debatte soll hier aber nicht weiter dargestellt werden.
Nachdem sich Boothe auf dem Hintergrund analytischer Philosophie (Wittgenstein) der grundlegenden Bedeutung des Erzählens für die Konstitution menschlicher Subjekte und sozialer Beziehungen versichert hat und ihre langjährig erprobten erzählanalytischen Forschungswerkzeuge (JAKOB) vorgestellt hat, zeigt sie auf, dass Krankheit (zumal die psychische und psychosomatische Störung) nicht außerhalb des Sprachlichen angesiedelt ist. Krankheiten, so heißt es, sind „gelebtes Kranksein“ und sind im Rahmen eines biopsychosozialen Verständnisses nicht nur auf objektivierbare Befunde hin zu erforschen, sondern „sind immer auch Ausdrucks- und Leidensphänomene“, die „auf soziale Faktoren verweisen“. Kranksein ist ein Geschehen in sprachlich strukturierten Beziehungen. Und besonders bedeutsam ist neben dem Was, das die Patienten erzählen, vor allem das Wie des Erzählens, das durch Modellierungsleistungen der Aktualisierung, der sozialen Integration, der Wunscherfüllung und der Angstbewältigung gekennzeichnet ist. Dies setzt allerdings, soll es zu einer wirklichen Verständigung und tragfähigen Compliance kommen, aufseiten des Arztes oder Psychotherapeuten ein emotional engagiertes Zuhören und erzählanalytisches Können voraus. Sehr differenziert führt Boothe anhand sprachlicher Inszenierungen von Patienten aus, wie hieraus nicht nur diagnostisch wertvolles Verstehen ermöglicht wird, sondern auch prognostisch die pathologischen Stabilisierungs- beziehungsweise produktiven Veränderungsprozesse von Patienten anhand deren Verarbeitungsmodellen erschlossen werden können. Günter Zurhorst
Brigitte Boothe: Das Narrativ. Biographisches Erzählen im psychotherapeutischen Prozess. Schattauer, Stuttgart 2011, 246 Seiten, gebunden, 36,95 Euro
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