El Greco: „Laokoon“, 1610–1614, Öl auf Leinwand, 137,5 × 172,5 cm: Im Zentrum des Bilds hält Laokoon auf dem Rücken liegend eine Schlange von sich fern. Er wirkt mutlos, in sein Schicksal ergeben. Der rechts hinter ihm hingestreckte Sohn hat bereits sein Leben ausgehaucht. Laokoons zweiter Sohn kämpft verzweifelt mit einer weiteren Schlange. Die zwei Figuren am rechten Bildrand – eine dritte ist angedeutet – stellen vermutlich Gottheiten dar, die die Szene beobachten. Angesichts der Dramatik nimmt der Betrachter kaum das kleine Pferd wahr, das sich auf die Stadt im Hintergrund zu bewegt – ein Hinweis El Grecos auf sein mythologisches Motiv: die Vernichtung Trojas. National Gallery of Art, Washington, Samuel H. Kress Collection 1946.18.1; Foto: Museum Kunstpalast
Die nackten Leiber des Laokoon und seiner Söhne sind von radikaler Modernität: real und mystisch zugleich, überlang und ekstatisch gekrümmt, theatralisch beleuchtet und den Bildraum sprengend. Ihre bizarren Verdrehungen ähneln den Windungen der angreifenden Schlangen. El Grecos „Laokoon“, der vor 400 Jahren kurz vor seinem Tod entstand, sollte sein letztes Motiv und angesichts des fast expressionistisch wirkenden Stils und der revolutionären Komposition von Raum und Figur sein visionäres künstlerisches Vermächtnis werden. Die leichenblassen Körper als Symbol für Sterben und Vergänglichkeit faszinierten Künstler der Moderne von Beckmann bis Picasso.
Das einzige mythologische Gemälde El Grecos gehört zu den Stars einer aufsehenerregenden Ausstellung in Düsseldorf. Der aus Kreta stammende Maler des Manierismus, der eigentlich Domenico Theotocopuli hieß, griff mit 70 Jahren erstmals eine griechische Tragödie als Thema auf und setzte diese vor der Kulisse seiner langjährigen Wahlheimat Toledo ins Bild. Nach Vergils Aeneis war Laokoon ein trojanischer Priester, der entgegen den Vorschriften heiratete und Kinder zeugte. Troja war lange vergeblich von den Griechen belagert worden. Bei ihrem Abzug hinterließen sie vor der Stadt ein hölzernes Pferd, in dem ihre Krieger versteckt waren. Laokoon schleuderte eine Lanze gegen das Pferd und warnte die Trojaner, den Griechen nicht zu vertrauen. Als er anschließend den Göttern ein Opfer darbrachte, erschienen aus dem Meer Schlangen und töteten ihn und seine Söhne. Die Trojaner sahen darin eine göttliche Strafe für den Lanzenwurf, holten das Pferd in die Stadt und besiegelten so ihren Untergang.
Anzeige
Die Sage war sehr populär, nachdem 1506 in Rom die berühmte antike Laokoongruppe entdeckt worden war. El Greco kannte die Skulptur wahrscheinlich, aber er löste sich weit davon. In seiner psychologisierenden Darstellung ist Laokoon kein Held und heroischer Kämpfer, sondern bereits gefallen und von der Niederlage gezeichnet, bevor die Schlange zubeißt. El Grecos dramatische Szene erzählt von Tragik und Leid als notwendigen Bestandteilen des Menschseins. Er schuf drei großformatige Versionen des Laokoon, davon ist noch das vorliegende Gemälde erhalten. Als Leihgabe der National Gallery in Washington ist es nun erstmals seit 100 Jahren im Original in Deutschland zu sehen. Sabine Schuchart
Ausstellung
„El Greco und die Moderne“
Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4–5, Düsseldorf, www.smkp.de
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie
registriert sein.
Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.