SPEKTRUM: Akut
Tamoxifen und Mammakarzinom: Zweifel an Primärprophylaxe
Dtsch Arztebl 1998; 95(33): A-1936 / B-1638 / C-1451


Die Hoffnung, durch den Wirkstoff Tamoxifen besonders gefährdete Frauen vor Brustkrebs schützen
zu können, hat einen Dämpfer erhalten. Zwei europäische Studien konnten das optimistische Resultat nicht
bestätigen, das im April vom Nationalen Krebsinstitut der USA als Zwischenergebnis einer nordamerikanischen
Studie verkündet worden war (Lancet 1998; 352: 93 und 98). In dieser Studie an 13 000 Frauen hatte die bis zu
fünfjährige Einnahme von Tamoxifen das Brustkrebsrisiko fast halbiert: Die Rate der Erkrankungen pro 1 000
Frauen und Jahr war von etwa 6,6 auf 3,6 gesunken. Allerdings waren die mit Tamoxifen behandelten Frauen
etwas häufiger an Gebärmutterhalskrebs und Thrombosen erkrankt.
Weil diese Nebenwirkungen die Gabe zu einer heiklen Abwägung machen und die US-Studie wichtige Fragen
offengelassen hatte, rieten einige Experten dazu, vor einer Empfehlung noch weitere Studien abzuwarten. Diese
Skepsis erweist sich nun als berechtigt. In der britischen Studie waren pro Jahr von 1 000 Frauen etwa fünf
erkrankt, in der italienischen etwa zwei; dabei war es gleichgültig, ob sie Tamoxifen oder Plazebo eingenommen
hatten. Während ein Nutzen also nicht zu erkennen war, waren die Nebenwirkungen der Therapie aber genauso
häufig wie in der US-Untersuchung. Die Autoren der Studien sind sich nicht sicher, was diese Diskrepanzen
erklären könnte.
Ein wichtiger Unterschied aber sind die Kriterien, nach denen die Teilnehmerinnen ausgewählt wurden. An der
US-Studie nehmen vor allem Frauen über 60 Jahre teil, deren Brustkrebsrisiko zwei- bis fünffach über dem
Bevölkerungsdurchschnitt lag. Hingegen konzentriert sich die italienische Studie auf Frauen nach
Hysterektomie, die ein eher unterdurchschnittliches Risiko aufweisen. Die britische Studie wiederum hat nur
Frauen ausgewählt, bei denen Mutter oder Schwester bereits früh an Brustkrebs erkrankt war, also ein erblich
erhöhtes Risiko besteht. Zuverlässige Antworten über die Wirkung von Tamoxifen bei diesen verschiedenen
Frauengruppen versprechen sich die Experten erst in einigen Jahren, wenn diese drei und eine vierte Studie an
über 7 000 Frauen endgültig ausgewertet werden. Bis dahin, kommentiert Kathleen Pritchard (Universität
Toronto), sei es zweifelhaft, ob es klug ist, bereits jetzt Tamoxifen aufs Geratewohl zur Vorbeugung zu verschreiben. Klaus Koch
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