POLITIK

Medizinischer Einsatz von Cannabis: Kein Geld für Cannabis

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): A-1074

Bühring, Petra

Fotos: Fotolia/LianeM

Die Grünen fordern in einem Antrag an die Bundesregierung einen besseren Zugang zu Cannabismedikamenten. Ärzte und Patienten unterstützen die Forderungen weitestgehend. Die Krankenkassen sind dagegen.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen setzt sich in einem Antrag (Drucksache 17/6127) für einen besseren Zugang von Patienten zu medizinischem Cannabis ein. Denn: „Die Versorgung von bedürftigen Patienten ist nach wie vor unzureichend.“ Dabei sei wissenschaftlich belegt, dass Cannabis bei HIV, multipler Sklerose, chronischen Schmerzen, Epilepsie oder Krebs Linderung bewirken könne. Unterstützung erhielten die Grünen bei einer öffentlichen Anhörung ihres Antrags im Gesundheitsausschuss von Ärzten und Patienten. Der GKV-Spitzenverband hingegen lehnte Vorschläge zur leichteren Kostenerstattung von Cannabis-medikamenten ab.

Anzeige

Die Grünen fordern in dem Antrag einen Gesetzentwurf, durch den ein betäubungsmittelrechtliches Strafverfahren ausgeschlossen wird, wenn Patienten Cannabis aufgrund einer ärztlichen Empfehlung besitzen, anbauen oder sich verschaffen. Gleichzeitig schlagen die Abgeordneten eine Liste von Indikationen vor, nach denen eine solche ärztliche Empfehlung ausgestellt werden kann.

Weiter fordern die Grünen, eine Expertengruppe nach § 32 c Absatz 1 Sozialgesetzbuch V (off-label use) einzuberufen, um eine zulassungsüberschreitende Anwendung von Cannabismedikamenten durch Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) auch schwerstkranken, jedoch nicht an einer regelmäßig tödlich verlaufende Erkrankung leidenden Patienten zu ermöglichen. Bei todkranken Patienten ist die Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen im Off-label-Gebrauch bereits möglich. Als einziges Fertigarzneimittel steht in Deutschland seit Mai 2011 ein Extrakt aus Cannabis sativa (Sativex) zur Verfügung, zugelassen zur zusätzlichen Symptomverbesserung bei Multiple-Sklerose-Patienten mit schwerer Spastik, die nicht auf eine andere Therapie ansprechen. Der G-BA wird allerdings erst Mitte dieses Jahres über den Zusatznutzen dieses Medikaments entscheiden. Weiter gibt es die Cannabinoide Dronabinol und Nabilon, die Ärzte im Rahmen eines individuellen Heilversuchs auf Betäubungsmittelrezept verordnen können. Medikamente mit den Wirkstoffen sind in den USA und in Großbritannien zugelassen; in Deutschland übernehmen die Krankenkassen die Kosten (300 bis 600 Euro pro Monat) in der Regel nicht. Außerdem können Patienten eine Ausnahmeerlaubnis nach § 3 Absatz 2 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) zum therapeutischen Einsatz von Cannabisextrakt oder -blüten durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Die Kosten betragen bis zu 1 500 Euro monatlich. Das BfArM hat diese Ausnahmegenehmigungen seit 2007 bisher in etwa 60 Fällen erteilt.

In Konflikt mit dem Betäubungsmittelgesetz

„Selbst die Schwerstkranken, die eine Ausnahmegenehmigung erhalten haben, können sich die Therapie meist nicht leisten“, sagte Gabriele Gebhardt von der Patientenvereinigung Selbsthilfenetzwerk Cannabis als Medizin (SCM) in der Anhörung. Cannabis werde dann selbst angebaut oder auf dem Schwarzmarkt bezogen. Da die Patienten somit unweigerlich mit dem BtMG in Konflikt geraten, forderte Gebhardt strafrechtliche Ausnahmen für die schwer kranken Patienten.

Die Ärzte waren sich einig, dass eine Selbstmedikation mit nichtstandardisiertem Cannabis nicht empfohlen werden kann. „Der Wirkstoffgehalt variiert stark. Außerdem können Kontaminationen die kranken Patienten gefährden“, sagte Prof. Dr. med. Lukas Radbruch, Bonn, der die Bundesärztekammer (BÄK) und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) vertrat. Die Behandlung müsse unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Eine Aufhebung der Strafverfolgung, wie von den Grünen vorgeschlagen, lehnte Radbruch deshalb ab. Eine Therapie mit Cannabismedikamenten könne aber für einige Patienten sinnvoll sein, bei denen eine Standardtherapie nicht wirksam ist. „Es gibt ein sehr enges therapeutisches Fenster.“

Hausärzte müssen die Therapie beenden

Grundsätzlich sei die Zulassung von cannabinoiden Fertigarzneimitteln auch für andere Indikationen „sinnvoll und wünschenswert“, erklärte Radbruch. BÄK und AkdÄ befürworten deshalb die Forderung der Grünen, eine Expertengruppe zu berufen, die Empfehlungen zum Off-label-Gebrauch erstellt. Radbruch sieht häufig das Problem, dass Patienten, zum Beispiel in Schmerzzentren, auf Cannabismedikamente eingestellt werden, die Hausärzte die Therapie aber beenden müssen, weil die Kosten nicht übernommen werden.

Der GKV-Spitzenverband blieb bei seinem Standpunkt: Der Vorschlag der Grünen zur zulassungsüberschreitenden Anwendung von Cannabismedikamenten stelle einen Missbrauch der Ausnahmeregelung zum off-label use dar und sei deshalb abzulehnen.

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

aXXLJ
am Dienstag, 29. Mai 2012, 17:11

Was die Bundesregierung augenscheinlich NICHT will...

Forschungen zu Cannabis als Medizin fördern,

Ärzte auf den neuesten Erkenntnisstand in Sachen Cannabismedizin bringen

Kosten für cannabisbasierte Medikamente erstatten (lassen)

eine Cannabis-Agentur nach niederländischem oder israelischem Vorbild einrchten

Patienten von Strafverfolgung ausnehmen, sofern sie Canabis aus med. Gründen gebrauchen

die bis ca. 1930 gültige Indikationsliste Cannabis in ihrer zwischenzeitlich erweiterten Form anerkennen

und die Kostenersparnis-Möglichkeit Nr. 1 - den Eigenanbau - genehmigen.

Ich fürchte, die Bundesregierung will nichts Gutes.
aXXLJ
am Montag, 28. Mai 2012, 12:08

Selbstmedikation aus Eigenanbau nicht empfehlenswert?

Man fragt sich als Patient unwillkürlich welcher medizinisch enorm bedeutsame Behandlungsunterschied zwischen einer eigenverantwortlich durchgeführten, ärztliche begleiteten Therapie mit Cannabis aus niederländischer Importware - und einer eigenverantwortlich durchgeführten, ärztlich begleiteten Therapie mit Cannabis aus sorgfältigstem Eigenanbau bestehen soll, wenn Patienten doch nachweislich in der Lage sind per Stecklingsanbau wirkstoff-identische Pflanzen ohne jedwedes Kontaminierungsrisiko zu züchten...

Welche Hinderungsgründe sollte es ergo geben nicht nach dem in USA und Kanada mit großem Erfolg praktizierten "Caregiver-Sytem" zu verfahren?

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige