POLITIK

Novellierung des Transplantationsgesetzes: Lücke bei Regelung zu Gewebekomplexen

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): A-1072 / B-921 / C-913

Siegmund-Schultze, Nicola

Das Transplantationsgesetz könnte in der Neufassung die zukunftsträchtige Verpflanzung von komplexen Geweben behindern. Das ist einer der Kritikpunkte im noch laufenden Verfahren.

Neue Arme für einen Patienten (hier kurz nach der Operation), der die eigenen bei einem Unfall verloren hatte. Aktuell geht es dem Patienten gut – mehr als drei Jahre nach der Transplantation an der TU München. Foto: Klinikum rechts der Isar, TU München

Weltweit werden immer häufiger vaskularisierte Gewebekomplexe (englisch: vascularized composite allografts, VCA) transplantiert: Hände, Arme, Gesichter. Im Jahr 1999 verpflanzten Chirurgen an der Universität von Louisville, Kentucky, erstmals einem Patienten eine Hand von einem hirntoten Spender. Im Jahr 2001 gaben drei deutsche Kliniken bekannt, dass sie sich auf die Transplantation von Händen und Armen vorbereiteten. Im Sommer 2008 verpflanzte dann ein Team am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München einem 54-jährigen Patienten, weltweit erstmals zwei komplette Arme von einem hirntoten Spender (DÄ, Heft 33/2008).

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Analogien zwischen Organen und Gewebekomplexen

Auch Gesichtsteile werden seit 2005 verpflanzt. Erst kürzlich sind neue Ergebnisse publiziert worden (NEJM 2012; 366: 715–22). Nun aber wird befürchtet, dass bei der Novellierung des Transplantationsgesetzes wichtige Aspekte der VCA-Transplantation ausgeklammert werden. „Auf den ersten Blick könnte das im August 2007 in Kraft getretene Gewebegesetz für Arme, Hände oder Gesichter anwendbar sein“, erklärt Dr. med. Axel Rahmel, Ärztlicher Direktor von Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden. ET ist für die Allokation von vermittlungspflichtigen postmortalen Organen im Verbund von sieben Ländern, darunter Deutschland, zuständig. Andererseits weist die Entnahme, Allokation und Transplantation vaskularisierter Gewebekomplexe viele Gemeinsamkeiten zur Organtransplantation auf (Pühler W, Middel C-D, Hübner M [Hrsg]: Praxisleitfaden Gewebegesetz. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2009: 9 und 201). Denn diese Transplantate lassen sich nur von hirntoten Spendern verpflanzen, die meisten anderen Gewebe werden bei Sektionen entnommen. „Hier sehe ich eine Lücke, vaskularisierte Gewebekomplexe sollten regulatorisch den Organen zugeordnet werden, wie dies zum Beispiel auch in Frankreich der Fall ist“, sagt Rahmel gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Für die Koordination der postmortalen Organspende ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zuständig, nicht aber für die Gewebespende, wie es der Gesetzentwurf der Bundesregierung noch einmal verdeutlicht (§ 10a-neu-TPG; BT-Drucksache 17/7376).

„Für eine Vermittlung wäre ET die geeignete Institution“, meint Rahmel. „Die internationale Kooperation mit einem größeren Spenderpool erleichtert es, für einen Empfänger einen in wesentlichen, auch äußeren Merkmalen geeigneten Spender zu finden.“ Die Anwendung der Regelungen zu den Geweben würde nach Meinung von Rahmel solche Transplantationen sehr erschweren: „Es besteht das Risiko, dass die VCA-Transplantation durch das Transplantationsgesetz bereits im Keim erstickt wird.“

Zugriff auf Willenserklärung vor der Diagnose Hirntod?

Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Frage, zu welchem Zeitpunkt auf den Datensatz zu freiwilligen Hinweisen auf Willenserklärungen zugegriffen werden darf. In einem solchen Datensatz sollen nach Einführung der elektronischen Gesundheitskarte Informationen zum Aufbewahrungsort einer Patientenverfügung und einer Erklärung zur Organ- und Gewebespende vermerkt sein. Nach dem fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf (BT-Drucksache 17/9030, Änderung des Sozialgesetzbuch V § 291 a Abs. 5) sollen erst dann Hinweise zur Organ- und Gewebespende ausgelesen werden dürfen, wenn der Hirntod oder ein seit mindestens drei Stunden bestehender irreversibler Herz-Kreislauf-Stillstand festgestellt ist. Nach Meinung der DSO ist dies zu spät. Denn die Hirntoddiagnostik erfordert eine Weiterführung intensivmedizinischer Maßnahmen, die in einer Patientenverfügung entweder ausgeschlossen oder zum Zweck der Organentnahme ausdrücklich befürwortet werden kann.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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