72 Artikel im Heft, Seite 55 von 72

MEDIZIN: Diskussion

Schwammige Darstellung

Woolly Explanation

Dtsch Arztebl Int 2012; 109(22-23): 416; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0416a

Albers, Ludger

Die „erste deutsche S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom“ krankt an einer schwammigen Darstellung der sogenannten „psychogenen“ Faktoren und ihrer Behandlung. Die vegetative Anamnese, früher Basiswerkzeug jedes souveränen Arztes, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Der organische Körper steht in der Medizin völlig im Vordergrund, seine Empfindungsfähigkeit und ihre subjektiven sensiblen Korrelate scheinen irrelevant. Doch müssen wir nach Damasio das Wort „Psyche“ neu definieren und erweitern um das Körpergefühl (1).

Das Reizdarmsyndrom (Region des Hypochondriums) tritt selten als alleiniges vegetatives Syndrom auf. Alle vegetativen Syndrome, Fibromyalgie, Müdigkeit, Erschöpfung und vieles anderes haben zu tun mit einer Störung der zentralen Wechselwirkungen zwischen Mandelkern, Hypothalamus, Hypophyse und den ausgelösten Regelkreisveränderungen. Einschlägige Publikationen sprechen von mindestens 120 Substanzen, die im Rahmen der Stressreaktion als Mediatoren und Modulatoren eine Rolle spielen (2). Danach entsteht das Reizdarmsyndrom insbesondere als Folge einer biografisch durch verschiedenste Stresserfahrungen ausgelöste Verselbstständigung von Mandelkernaktivitäten. Diese zeigen in wechselnder Intensität „Alarm“ an, obwohl die aktuellen Umstände nicht erkennen lassen, warum. Derartige Reaktionsformen nennen wir Phobie. Die unangemessenen Stresszeichen laufen bei einer Spinnenphobie situativ und selbstbegrenzend ab. Bei der Mandelkernautonomie besteht ein wechselhaftes Ungleichgewicht über Jahre und Jahrzehnte mit verschiedensten Körperempfindungsstörungen. Literaturstelle (3) beinhaltet eine Beschreibung der wichtigsten Beschwerden bei Reizdarmsyndrom und anderen funktionellen Syndromen in ihrer funktionellen Verbindung zur Stressreaktion und zur Propriozeption. Eine professionelle medikamentöse Behandlung mit SSRI oder SSNRI führt fast immer zu durchschlagenden Erfolgen, insbesondere auch wenn psychotherapeutische Erfolge unvollständig bleiben.

DOI: 10.3238/arztebl.2012.0416a

Dr. med. Ludger Albers
Wiesbaden

Dr.L.Albers@t-online.de

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Damasio A: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. München 2010.
2.
Rensing L, Koch M, Rippe B, Rippe V: Mensch im Stress – Psyche, Körper. Heidelberg – Berlin: Akademischer Verlag 2006.
3.
Albers L, Leiss O: Vegetative Anamnese, dreiteilige Kasuistik und Rekonstruktion von Trauma und Empfinden. In: Verdauungskrankheiten 29/3, Sonderheft Psychosomatische Medizin 3/2011, 136–48.
4.
Andresen V, Keller J, Pehl C, Schemann M, Peiss J, Layer P: Irritable bowel syndrome—the main recommendations. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(44): 751–60. VOLLTEXT

Drucken Versenden Teilen Leserbrief
72 Artikel im Heft, Seite 55 von 72

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

 Zeitraum HTML PDF 
6 / 2013 4 0
5 / 2013 18 3
4 / 2013 14 0
3 / 2013 21 1
2 / 2013 10 3
1 / 2013 29 1
2013 96 8
2012 408 43
Total 504 51

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in