
Der 115. Deutsche Ärztetag hat in Nürnberg für den Hausarztberuf geworben. Ein Positionspapier, das die Delegierten einstimmig annahmen, stellt die Vielseitigkeit und die guten Berufsperspektiven der Allgemeinmedizin heraus.
Für Dr. med. Max Kaplan war es Werbung in eigener Sache. „Wir wollen junge Ärztinnen und Ärzte für die Allgemeinmedizin begeistern“, sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer (BÄK), der noch immer – zumindest tageweise – als Landarzt in Pfaffenhausen im Unterallgäu tätig ist. Kaplan legte den Delegierten des 115. Deutschen Ärztetages in Nürnberg ein Positionspapier zur Abstimmung vor, das die „Positivpotenziale“ des Berufs vermitteln soll.

Erläuterte die „Positivpotenziale“ des Hausarztberufs: Max Kaplan. Der Vizepräsident der Bundesärztekammer präsentierte den Delegierten deren Positionspapier.
Das Papier, das die Bundesärztekammer gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und dem Deutschen Hausärzteverband erarbeitet hat, war im Auftrag des 114. Deutschen Ärzte- tages entstanden, der sich im vergangenen Jahr in erster Linie mit den Schwierigkeiten der hausärztlichen Tätigkeit beschäftigt hatte. In den Eckpunkten, die der Ärztetag im Mai 2011 verabschiedet hatte, hieß es, die flächendeckende Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung sei gefährdet, wenn es nicht rasch gelinge, die Rahmenbedingungen hausärztlicher Tätigkeit attraktiver zu gestalten. Insbesondere hatte der Ärztetag den Abbau von Bürokratie, den Wegfall von Regressandrohungen und ein angemessenes Honorar gefordert.
In diesem Jahr nun sollte der Fokus nicht auf den Problemen liegen. „Mit unserem Arbeitspapier haben wir einen Paradigmenwechsel in der Darstellung des hausärztlichen Berufsbildes eingeläutet, indem wir auch die positive Seite des Berufs darstellen“, erklärte Kaplan, der auch Präsident der Bayerischen Landesärztekammer ist. „Denn die Allgemeinmedizin ist ein abwechslungsreiches, interessantes, patientenzentriertes Berufsbild.“ Das will das Positionspapier nachzeichnen. Es beschreibt den Arbeitsauftrag der Allgemeinmedizin ebenso wie die umfangreichen Kompetenzen der hausärztlichen Versorgung, die Kooperation mit anderen Fachgebieten, dem Krankenhaus und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe sowie Perspektiven in der allgemeinmedizinischen Forschung.
„Hausärzte sind die zentralen Ansprechpartner für die akute Versorgung und die kontinuierliche, oft lebenslange Betreuung der Bürger bei allen gesundheitlichen Problemen“, heißt es in dem Papier, das die Delegierten schließlich einstimmig annahmen. Der hausärztliche Versorgungsbereich sei unverzichtbar für eine hochwertige Patientenversorgung und biete jungen Ärztinnen und Ärzten hervorragende berufliche Perspektiven.

Einstimmig angenommen: Obwohl einigen Delegierten das Berufsbild zu rosig erschien, stimmten am Ende alle dem Positionspapier zu.
Doch diese Art der Werbung für den Hausarztberuf ging einigen Delegierten zu weit. „Das Papier ist eine Illusion“, erklärte Dr. med. Susanne Blessing, Baden-Württemberg. „Wir würden ja gerne so arbeiten. Aber die Bürokratie, Manager, die uns Vorschriften machen, und die voranschreitende Ökonomisierung vergällen uns die Freude am Beruf.“ Davon stehe nichts in dem Papier, warf sie den Autoren vor. „Das ist ein falsches Bild.“ Dr. med. Ulrich Mohr, Baden-Württemberg, erklärte, das „wunderschöne Idealbild“, das das Papier entwerfe, beschreibe die eierlegende Wollmilchsau. „Wir müssen aufpassen, dass wir die jungen Kollegen nicht verprellen.“
BÄK-Vizepräsident Kaplan hielt dem entgegen, das Papier enthalte eine Vision. „Ich weiß, wo die Probleme liegen“, räumte er ein. Die habe der Ärztetag aber bereits 2011 in Kiel formuliert und einen Forderungskatalog verabschiedet.
Viele Delegierte fühlten sich durch die überraschende Kritik an dem Positionspapier aber offenbar auch angespornt, eine Lanze für die Allgemeinmedizin zu brechen – und zwar nicht nur die Hausärzte unter ihnen. So erklärte der Neuroradiologe Prof. Dr. med. Bernd Haubitz, Niedersachsen: „Wenn die Hausarztmedizin nicht funktioniert, bin ich nicht mehr arbeitsfähig.“ Allgemeinmediziner, die allesamt gut ausgebildete Generalisten seien, gehörten eigentlich in die Notaufnahme jeder Klinik. Haubitz kritisierte jedoch zugleich den akademischen Auftritt der Allgemeinmedizin. Das Fach sei in der klinischen Wahrnehmung nicht präsent und konzentriere sich zu sehr auf die Versorgungsforschung.
Für den von Kaplan zuvor geforderten Paradigmenwechsel hin zu einer positiven Darstellung der Allgemeinmedizin trat Dr. med. Thomas Lipp, Sachsen, ein: „Ich kann das Nörgeln und Jammern nicht mehr ertragen“, erklärte der Allgemeinarzt. „Wir können für unsere Arbeit kein Rundum-Wohlfühlpaket erwarten. Das müssen wir uns selbst schaffen.“ Als Hausarzt habe man einen ungeheuren Gestaltungsspielraum. Auch das Einkommen sei gut. „Man kann Wohlstand erwarten. Reich wird man mit ehrlicher Arbeit sowieso eher nicht.“ Ähnlich argumentierte Jan Hesse, Bayern: „Man braucht Visionen, um ein Ziel zu erreichen. Ich höre seit Jahren nur Klagen aus der Allgemeinmedizin. Damit findet man keinen Nachwuchs.“
Gute Gründe für die Zustimmung zum Positionspapier lieferte Rolf Granseyer, Westfalen-Lippe: „Das Papier bildet meinen Alltag ab.“ Er hält die Darstellung auch deshalb für wichtig, weil „viele junge Kollegen die Praxis des Hausarztes nur aus den Vorabendserien im Fernsehen kennen“. Er selbst habe ein gutes Einkommen und ein abwechslungsreiches Arbeitsspektrum. „Ich arbeite viel, aber dann vergeht die Zeit auch schnell.“
Heike Korzilius
FAZIT
TOP VI: Tätigkeitsbericht – Die Rolle des Hausarztes in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung
- Der Deutsche Ärztetag will junge Ärztinnen und Ärzte für den Beruf des Hausarztes begeistern.
- Der Ärztetag hat deshalb ein Positionspapier verabschiedet, das die positiven Seiten des Berufs darstellt.
- Das Papier beschreibt den Arbeitsauftrag, die Kompetenzen sowie Forschungsperspektiven der Allgemeinmedizin.
3 Fragen an . . .
Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer

Dr. med. Max Kaplan
Herr Dr. Kaplan, haben Sie beim Werben für den Hausarztberuf mit Kontroversen gerechnet?
Kaplan: Über den einen kontroversen Beitrag war ich zunächst schon überrascht, wobei ich die Bedenken nachvollziehen kann. Wenn man einen Beruf, wie in den vergangenen Jahren geschehen, schlechtredet, muss man sich nicht wundern, wenn sich niemand mehr dafür interessiert. Es war wichtig, auf Defizite hinzuweisen. Das muss man tun, wenn man etwas erreichen will. Aber irgendwann muss Schluss sein. Ich glaube, mit dem Positionspapier haben wir jetzt einen überfälligen Paradigmenwechsel eingeläutet.
Vielen Delegierten war es offenbar ein Anliegen, auch einmal darzustellen, wie zufrieden sie sind.
Kaplan: Ich habe noch nie so viele positive Redebeiträge zu unserem Berufsbild erlebt. Zum einen, dass der Beruf Spaß macht, dass er anspruchsvoll und abwechslungsreich ist. Zum anderen, dass das Einkommen zwar nicht in den Himmel wächst, aber man gut davon leben kann. In dieselbe Richtung zielt eine Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ab. Da haben 90 Prozent der Kolleginnen und Kollegen geantwortet, dass sie mit ihrer Tätigkeit zufrieden sind. Allerdings kritisieren viele zugleich das Ausmaß an Bürokratie, die hohe Arbeitsbelastung, und dass sie zu wenig Zeit für die Patienten haben. Dabei haben wir ja alle – Niedergelassene wie Krankenhausärzte – den Beruf ergriffen, um mit den Patienten zu arbeiten.
Sind die Hausärzte inzwischen selbstbewusster als in der Vergangenheit?
Kaplan: Die Hausärzte genießen in der Bevölkerung ein hohes Ansehen. In der Kollegenschaft haben sie dies vielleicht noch nicht ganz geschafft. Aber ich sehe hier einen Gesinnungswandel. Das hängt auch damit zusammen, dass der Facharzt für Allgemeinmedizin mit seiner fünfjährigen Weiterbildung inzwischen wirklich auf einer Augenhöhe mit allen anderen Fachärzten ist. Deshalb hielte ich es auch für katastrophal, wenn wir aufgrund des Nachwuchsmangels die Weiterbildungszeit wieder auf drei Jahre verkürzten.
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