Sie sind eigentlich todlangweilig. Wenn sich Aktionäre, Vorstand und Aufsichtsrat auf der jährlichen Hauptversammlung einer börsennotierten Gesellschaft wiedersehen, dann werden stundenlang Zahlen wiedergekäut, und außerdem müssen die Leute auch noch dröge Reden von irgendwelchen egomanen Aktionärsschützern über sich ergehen lassen. Wirklich Spannendes über Unternehmensinterna und strategische Ausrichtung bleibt oft genug auf der Strecke. Außer Spesen und ein paar Würstchen mit Senf ist dann nicht viel gewesen. Das alles galt weiß Gott nicht für die Hauptversammlung der Commerzbank. Da war richtig Zoff in der Bude.
Die dramaturgisch wunderbare Inszenierung lebte vor allem von den diametralen Kontrapunkten üppigste Erhöhung der Vorstandsgehälter versus Unfähigkeit, eine vernünftige Ergebnisprognose abzugeben, das alles untermalt von miserablen Geschäftszahlen.
Anzeige
Die Seele des anwesenden Volkes kochte regelrecht über, mit Buh- und Pfuirufen quittierten viele erboste Aktionäre die Ausführungen von Aufsichtsrat und Vorstand. Karl Walter Freitag, ein berühmter Berufskläger, blies wütend ins Horn und hielt dem Boss der Commerzbank, Martin Blessing, im Angesicht eines 90-prozentigen Kursverlusts seine Gehaltserhöhung als „Verhöhnung der Anteilseigner“ vor. Aktionär Richard Mayer polterte in Richtung Blessing: „Sie gehören nach Griechenland, Sie Kapitalvernichter.“ Allem Geschrei zum Trotz: Die verbale Generalabrechnung brachte am Ende den Leuten nur das Gefühl, ihrem Unmut Luft verschafft zu haben. Mehr war nicht drin. Bei der zu 25 Prozent staatlichen Commerzbank und einer Präsenz von 46,3 Prozent hatte niemand eine Chance, die Beschlüsse der Hauptversammlung zu blockieren.
Ich weiß am Ende gar nicht so recht, warum die Leute über den armen Commerzbankchef herfielen. Wegen der lumpigen Erhöhung seines Gehalts um gerade mal eben 160 Prozent? Lächerlich! Es ist doch alles eine Frage des Blickwinkels. Hatte nicht Angela Merkel vor geraumer Zeit die schwäbische Hausfrau aufs hehre Schild gehoben, man dürfe schließlich nur das ausgeben, was man auch eingenommen habe? Indem er jetzt mehr einnimmt, ähm viel viel mehr, als vorher, kann Martin Blessing jetzt auch mehr ausgeben als vorher.
Der weitsichtige Mann leistet also – in schwierigen Zeiten – erhebliche Wachstumsbeiträge, und irgendjemand sollte ihn daher für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen oder vielleicht das Kreuz der französischen Ehrenlegion, weil doch François Hollande mehr Wachstum einfordert. Die paar Aktionäre der Commerzbank, die jetzt viel ärmer sind als vorher, werden es klaglos erdulden. Oder auch nicht.
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie
registriert sein.
Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.