VARIA: Schlusspunkt
Wladimir: Irgendwann mußt auch Du verlieren!
Dtsch Arztebl 1998; 95(33): [68] / [68] / [68]


Köln ist eine bedeutende Stadt. Zum einen ist es Sitz des Deutschen Ärzteblatts, zum anderen wird dort
alljährlich der Fernsehschachpreis des WDR ausgetragen, bereits zum 16. Mal. Von Kasparow über Karpow und
Anand bis zu Judit Polgar gab sich jeder schon die Ehre. Dabei sitzen die beiden Protagonisten in einer
schalldichten Glaskabine, um durch die Kommentare im Studio keine Anregung zu erfahren. Schließlich geht die
Trefferquote des verantwortlichen Redakteurs Dr. Spahn und der Großmeister Hort und Pfleger statistisch
signifikant über das blinde Huhn, welches auch einmal ein Korn findet, hinaus, zumal sie in Zeiten größter Not
und menschlichen Umherirrens im Dschungel der Varianten immer wieder bei Schachprogramm "Fritz 5"
nachfragen können.
Am Sonntag, dem 16. August, wird also ab 23.40 Uhr (live bei 3sat) der Titelverteidiger Wladimir Kramnik aus
Rußland gegen den Engländer Michael Adams spielen, wobei beide für die ganze Partie je eine Stunde Zeit
haben. Adams hat sich durch seinen zweiten Platz beim kürzlichen Dortmunder Sparkassen-Chess-Meeting für
die
TV-Partie qualifiziert, und Kramnik - der scheint hierzulande unschlagbar zu sein. Beim Dortmunder Turnier
feierte er zu Beginn seinen 23. Geburtstag, wobei ihm der Pressesprecher Carsten Hensel bedeutete: "Wladimir,
wir mögen Dich hier alle sehr, aber irgendwann mußt Du doch eine Partie verlieren!" Am Schluß war’s wieder
nichts - seit über 50 Partien, und das gegen Weltklassegegner, ist Kramnik in Dortmund ungeschlagen, die
WDR-Fernsehpartien gar nicht eingerechnet. Doch gegen den jungen Ungarn Peter Leko stand er auf der Kippe.
Hier erwarteten die Zuschauer im Dortmunder Opernhaus von Leko als Schwarzem den Zug 1. ... Tf3, wonach
der weiße f-Bauer nicht mehr zu halten ist. Auf 2. Txa7 Tf5xf4+ 3. Txf4+ Txf4+ 4. Kxh5 e5
ist das Turmendspiel für Schwarz gewonnen. Doch nach langem Nachdenken griff Leko zum passiven 1. ... Tb7
und erreichte (auch) nur ein Remis. Wegen welcher Tücke nahm er vom natürlichen 1. ... Tf3 Abstand?
Lösung: Auf 1. ... Tf3 wäre das überraschende Turmopfer 2. Txe6+! gefolgt. Nach dem Nehmen mit dem König
2. ... Kxe6 verfolgt der zweite weiße Turm den schwarzen König mit Schachgeboten, um sich bei Bedarf auch
jederzeit zu opfern. Danach blieben Weiß, sprich Kramnik, nur noch König und Bauer, die beide nicht ziehen
können, ohne daß der König im Schach stünde - also remis durch Patt!
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