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Referiert

ADHS: Zu häufig diagnostiziert

PP 11, Ausgabe Juni 2012, Seite 277

MS

Dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (AHDS) wird seitens Experten, Öffentlichkeit, Presse und Medien große Aufmerksamkeit gewidmet. Nicht selten wird dabei ADHS als „Modediagnose“ tituliert. Zudem steht ADHS im Verdacht, zu häufig diagnostiziert und medikamentös behandelt zu werden. Dass dies den Tatsachen entspricht, konnten jetzt die Psychologen Dr. Katrin Bruchmüller von der Universität Basel sowie Prof. Dr. Silvia Schneider und Prof. Dr. Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum nachweisen.

Sie legten 473 deutschen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiatern vier unterschiedliche Fallgeschichten mit Patienten im Kindesalter vor und baten sie, eine Diagnose zu stellen und eine Therapie vorschlagen. In drei der vier Fallgeschichten lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als ADHS diagnostizierbar.

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16,7 Prozent der Therapeuten vergaben eine ADHS-Diagnose bei den Fallgeschichten, in denen kein ADHS vorlag. Dies werteten die Autoren als Überdiagnostizierung von ADHS. Darüber hinaus wurden für Jungen signifikant mehr ADHS-Diagnosen vergeben als für Mädchen, insbesondere in den Fallgeschichten, in denen kein ADHS vorlag. Dies bestätigt nach Meinung der Autoren den Verdacht, dass bei Jungen vorschnell und zu häufig ADHS diagnostiziert wird. Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche Therapeuten. In den Fallgeschichten, in denen kein ADHS vorlag, empfahlen Therapeuten, die trotzdem ADHS diagnostiziert hatten, signifikant häufiger eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung als Therapeuten, die keine ADHS-Diagnose vergeben hatten. Die Studie zeigt, dass ADHS in vielen Fällen auch dann diagnostiziert wird, wenn die Diagnosekriterien nicht erfüllt sind. Als Ursache vermuten die Autoren, dass Therapeuten häufig einem heuristischen Vorgehen folgen und dadurch für Denk- und Wahrnehmungsfehler anfällig sind, statt systematisch die geforderten ICD-Kriterien abzuklären. Daneben ist zu vermuten, dass Therapeuten dazu neigen, die Diagnose „ADHS“ zu stellen, um die Patienten und ihre Familien zu entlasten.

Um solche Fehldiagnosen zu vermeiden, sollten sich Therapeuten generell bewusst sein, dass die Anwendung von Heuristiken problematisch ist, und sich daher nicht auf ihre Intuition verlassen, sondern sich an den diagnostischen Kriterien orientieren, sich entsprechend schulen lassen und standardisierte Befragungsinstrumente einsetzen. ms

Bruchmüller K, Schneider S: Fehldiagnose Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom? Empirische Befunde zur Frage der Überdiagnostizierung. Psychotherapeut 2012, DOI: 10.1007/s00278–011–0883–7
Bruchmüller K, Margraf J, Schneider S: Is ADHD diagnosed in accord with diagnostic criteria? Overdiagnosis and influence of client gender on diagnosis. Journal of Consulting and Clinical Psychology 2012, DOI: 10.1037/a0026582
Prof. Dr. Silvia Schneider, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Psychologie, Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, GAFO 02/921, 44780 Bochum, E-Mail: silvia.schneider @rub.de


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