THEMEN DER ZEIT

Betreuung von Demenzkranken: Zeit für Zuwendung

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1232 / B-1058 / C-1046

Hibbeler, Birgit

Mit Geduld und Empathie: Ruth Hinz mit einer Bewohnerin des Seniorenheims in Köln-Riehl. Fotos: Jardai/Modusphoto

Pflegeheime können Betreuer für Demenzkranke einstellen. Sie haben Zeit für die Bewohner und sind zusätzliche Bezugspersonen. Die Erfahrungen sind positiv.

Es gibt Erdbeertörtchen. Allein das sorgt für gute Laune in der Wohngruppe im Städtischen Seniorenzentrum Köln-Riehl. Die roten Früchte bringen Farbe in den Aufenthaltsraum. Genau wie die Papierblumen, die von der Decke baumeln. Acht Bewohnerinnen sitzen an einem großen Tisch. Die meisten von ihnen schneiden Erdbeeren klein, jeder so gut und schnell es eben geht. „Mach ich das so richtig?“, fragt Frau Hensel*. Sie hat die Aufgabe, die kleinen Tortenböden mit Marmelade zu bestreichen. „Ja, das ist gut so“, antwortet Ruth Hinz (61), die sofort zur Stelle ist und sich zu Frau Hensel hinunterbeugt. Sie bleibt noch einen Moment neben ihr stehen.

Anzeige

Eine Wanduhr aus Holz mit großen Messinggewichten schlägt halb elf. Es ist eine angenehme Atmosphäre, fast wie in einem Wohnzimmer. Man hört das Tschilpen der Wellensittiche, die in einer Voliere am Fenster sitzen. Frau Hensel blickt in die Runde. „Früher hatten wir Erdbeeren im Garten“, sagt sie. „Und mein Vater hatte Bienen.“ Über ihr Gesicht, in dem sonst kaum Mimik erkennbar ist, huscht ein Lächeln. „Fertig“, ruft eine andere Dame, die schon eine ganze Schüssel mit Erdbeeren geschnitten hat. „Jetzt haben wir sie doch wieder ans Arbeiten gekriegt“, scherzt Hinz.

Zeit für gemeinsame Aktivitäten oder Gespräche – das kommt in Altenheimen häufig viel zu kurz. Die Pflegekräfte sind überlastet. In der Kölner Einrichtung ist Ruth Hinz dafür eingestellt. Sie ist keine Pflegekraft, aber auch keine ehrenamtliche Helferin. Seit 2008 können Heime zusätzliche Betreuer für Demenzkranke anstellen (Kasten). Das Geld dafür kommt von den Pflegekassen. Die Alltagsbegleiter sollen mit den Pflegebedürftigen spielen, basteln oder auch spazieren gehen. Die Betreuer müssen zuvor eine Fortbildung absolvieren.

Eine solche Fortbildung hat Ruth Hinz gemacht. „Das Schöne an der Arbeit ist, dass man so unmittelbar die Resonanz bekommt“, meint sie. Und welche Eigenschaften sollte ein Alltagsbetreuer mitbringen? „Geduld, Geduld, Geduld“, sagt sie. Und natürlich Einfühlungsvermögen. Gemeinsam mit Frau Hensel blickt sie auf einen Tortenboden, der beim Bestreichen mit Marmelade kaputtgegangen ist. Frau Hensel ist ratlos: „Mir ist das zerbrochen“, sagt sie. Doch da kommt schon die Rettung: Sozialpädagogin Ursula Krumbach trägt einen dampfenden Topf in den Aufenthaltsraum. Gemeinsam mit Hinz leitet sie heute die Backgruppe. „Mit etwas Tortenguss hält das wieder“, versichert sie. Auf jedes der kleinen Törtchen, die mit Erdbeeren belegt sind, kommt ein Klecks.

Die Alltagsbegleiter sollen mit den Demenzkranken spielen, basteln, kochen oder auch spazieren gehen.

Vom dem Konzept der zusätzlichen Betreuungskräfte ist Krumbach überzeugt: „Das ist für uns ein unheimlicher Gewinn.“ Angebote wie Kochen könne nicht einer allein anbieten. Und so üppig sei die Zahl der Mitarbeiter in der sozialen Betreuung nicht. Die Alltagsbetreuer, die sie kennengelernt habe, seien alle hochmotiviert. „Die Leute, die bei uns arbeiten, sind wirklich mit dem Herzen dabei“, sagt Krumbach. Davon profitierten alle – die Mitarbeiter und die Bewohner. Die Alltagsbegleiter sind der sozialen Betreuung zugeordnet, nicht der Pflege. Da trennt man strikt bei den Sozialbetrieben Köln (SBK), zu denen das Riehler Seniorenheim gehört. Die Betreuer sollen keine Pflegeaufgaben übernehmen. Gleichwohl müsse die Zusammenarbeit funktionieren. Wenn zum Beispiel ein Ausflug stattfinde, müssten die Pflegekräfte die Bewohner vorbereiten.

Die positiven Erfahrungen von Krumbach decken sich mit einem Gutachten des IGES-Instituts aus dem Jahr 2011. 96 Prozent der befragten Wohnbereichsleitungen empfanden ihren Einsatz von Betreuungskräften als große Unterstützung. „Das sind zusätzliche Bezugspersonen, die Zeit haben“, bestätigt Susanne Bokelmann, Leiterin der Sozialen Betreuung im SBK-Seniorenzentrum. In der Praxis funktioniert das so: Das Heim stellt bei der Pflegekasse des Bewohners einen Antrag auf zusätzliche Betreuungsleistung. Voraussetzung ist ein „erheblicher Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung“. Es gibt Gruppenangebote wie das Backen und Einzelförderung – je nach Bedarf. Jedem zu betreuendem Bewohner stehen 90 Minuten pro Woche zu. Findet ein Gruppenangebot im Tagesraum statt, dürfen allerdings auch Bewohner teilnehmen, die nicht dement sind. „Da wird natürlich niemand weggeschickt, der keine Bewilligung hat“, stellt Bokelmann klar.

Ende 2009 gab es dem Statistischen Bundesamt zufolge etwa 16 300 Betreuungskräfte nach § 87 b SGB XI. Neuere Zahlen gibt es nicht. Im SBK-Seniorenzentrum sind es derzeit 18, einige von ihnen in Teilzeit. Etwa 500 Bewohner in vier Häusern leben hier, viele sind dement. Die Alltagsbegleiter seien häufig selbst schon älter, zwischen 50 und 60, so die Erfahrung Bokelmanns. Die meisten sind Frauen. Dem IGES-Gutachten zufolge waren 39 Prozent zuvor arbeitslos, 17 Prozent geringfügig beschäftigt.

Auch Ruth Hinz war vor ihrer Tätigkeit im Seniorenzentrum arbeitslos. In ihrem ursprünglichen Beruf sah die ausgebildete Numismatikerin – also Expertin für Münzen – keine Chancen für sich mehr. Das Thema Pflegebedürftigkeit war ihr bereits vertraut, da sie sich lange Zeit um Angehörige gekümmert hatte. Von der Fortbildung zum Alltagsbetreuer erfuhr sie im Fernsehen. Sie ging zur Arbeitsagentur, wo man ihr einen Ein-Euro-Job anbot, um reinzuschnuppern. So kam sie in das Kölner Pflegeheim. Dort erfuhr sie, dass auch das Fachseminar für Altenpflege der SBK den Lehrgang anbietet. Sie beantragte einen Bildungsgutschein, und die Arbeitsagentur zahlte.

Arbeitslose ins Heim – zunächst hatte es gegen die Alltagsbegleiter massive Vorbehalte gegeben. „Am Anfang waren ja alle relativ skeptisch“, erinnert sich Bokelmann. Die Regelung habe darauf abgezielt, dass gerade auch Arbeitslose ohne Vorerfahrung in dem Bereich tätig werden. Negative Erfahrungen hat sie aber nicht gemacht. Die meisten, die die Fortbildung im Fachseminar für Altenpflege der SBK absolvierten, seien zuvor im Rahmen eines Praktikums oder Ein-Euro-Jobs in dem Bereich tätig gewesen und hätten genau gewusst, worauf sie sich einlassen. Für Sozialpädagogin Krumbach ist es wichtig, dass man ohnehin niemanden zwingen kann, mit Pflegebedürftigen zu arbeiten. „Es ist letztendlich das Menschliche, was stimmen muss – und die Haltung“, sagt sie.

Der Weg von Ruth Hinz ist auch eine persönliche Erfolgsgeschichte: Ein-Euro-Job, Ausbildung nach § 87 b SGB XI, heute Festanstellung in der sozialen Betreuung mit 30 Stunden. Sie hat also nicht mehr den Status der Alltagsbegleiterin. Gleich steht für Hinz noch eine Einzelbetreuung an. Aber nun isst sie erst einmal mit den Bewohnern die restlichen Erdbeeren, die keinen Platz mehr auf einer Torte gefunden haben. Für das Kölner Seniorenzentrum ist Ruth Hinz ein Glücksfall.

Dr. med. Birgit Hibbeler

*Name geändert

DemenzBetreuer

Seit 2008 können Pflegeheime zusätzliche Betreuer einstellen – eine Vollzeitkraft für 25 Bewohner mit einem erheblichen Betreuungsbedarf (§ 87 b SGB XI). Die Heime bekommen dafür von den Pflegekassen pro zu betreuendem Bewohner circa 100 Euro. Für eine Vollzeitkraft erhält man also im Monat etwa 2 500 Euro. Nahezu 500 Millionen Euro gaben die gesetzlichen Pflegekassen 2011 für Betreuungsleistungen nach § 87 b SGB XI aus.

Die Alltagsbetreuer müssen eine Qualifikation vorweisen. Dazu hat der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen eine Richtlinie erlassen. Vorgesehen sind mindestens 160 Unterrichtsstunden und Praktika.

Das geplante Pflegeneuausrichtungsgesetz sieht mehr Leistungen für Demenzkranke vor – allerdings nur im ambulanten Bereich, nicht in Heimen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige