78 Artikel im Heft, Seite 58 von 78

BILDUNG

Schüleraustausch: „Es hat mich verwöhnt, dieses Jahr“

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1253 / B-1077

Weiland, Sabine

Der internationale Schüleraustausch trotzt dem G8. Er verschiebt sich in jüngere Jahrgänge, aber er bleibt. Wichtiger dafür wird die Qualität der Betreuung.

Schuld sind Hanni und Nanni, die Roman-Zwillinge des Mädcheninternats in Cornwall. Sie standen Pate, als Clara sich entschied, mit der Fulford Academy nach Brockville/Kanada zu gehen. Seit fünf Monaten lebt sie im Internat und besucht als Stipendiatin die öffentliche Schule. In vier Wochen hat Deutschland sie wieder: „Ich wäre so gern noch geblieben.“

Anzeige

Paul ist Returnee. Zehn Monate lebte er bei dem alleinstehenden Dave in der Universitätsstadt St. Cloud/Minnesota. „Den Paul, der dort gelebt hat, mag ich eigentlich viel lieber als den, der jetzt wieder hier ist“, sagt er. Zwar sei er heute zielstrebiger und leistungsbereiter, aber dort war er dankbarer, impulsiver und offener. Begeistert haben ihn die Schönheit der Natur, das gigantische Land und der Sport.

Clara und Paul sind zwei von 19 000 Gastschülern, die pro Jahr für drei Monate oder länger Familie, Schule und Freunde verlassen, um Sprachen, Kulturen und sich selbst besser kennen und schätzen zu lernen. 2010 nahm knapp ein Prozent aller 15- bis 17-Jährigen in Deutschland an einem Austauschprogramm teil, zwei Drittel davon sind Mädchen und gehen in die USA, Kanada oder Neuseeland. Jeder Schüler, der mindestens befriedigende Schulergebnisse zeigt, ist ein potenzieller Kandidat für einen Schüleraustausch. Vorausgesetzt, er ist ernsthaft interessiert und bereit, sich auf neue, fremdartige Situationen einzulassen, darauf angemessen zu reagieren und sich zu integrieren. Sprachkenntnisse sind wichtig, aber nicht vordergründig. Chronische Erkrankungen (Allergien/Bulimie/ADS) oder Teilleistungsstörungen (LRS) müssen nicht limitieren, sie sollten offen thematisiert werden.

Die Statistik lügt nicht: Aufgrund von G8 (Zwölf-Jahres-Abitur) werden Gastschüler immer jünger. Einige gehen schon in Klasse 9, viele für drei bis sechs Monate im ersten Halbjahr der Zehn, so wie Clara, oder für ein ganzes Jahr nach Klasse 10, so wie Paul. Laut Kultusministerkonferenz ist dies Gymnasiasten der Klasse 10 als Schulzeit anzuerkennen – ohne zu wiederholen. Vorausgesetzt, ein regelmäßiger, adäquater Schulbesuch von zwei Fremdsprachen (Gastland plus eine weitere) kann nachgewiesen werden, ebenso Mathe und je ein natur-/gesellschaftswissenschaftliches Fach. Der Grund: Die Versetzung in Klasse 11 beziehungsweise den mittleren Bildungsabschluss erhält nur, wer in Deutschland seine Noten erbrachte oder anerkannt bekam. Auch Realschülern soll ein Auslandsschuljahr nach Klasse 10 anerkannt werden, wenn dem ein höherer Schulbesuch folgt. Die Umsetzungshoheit dieser Ministerempfehlung liegt bei den Bundesländern. Austauschpläne gehören deshalb in ein Gespräch mit der Schulleitung.

Derzeit können Eltern und Schüler zwischen etwa 50 Veranstaltern und 64 Ländern wählen, oder sie organisieren den Aufenthalt selbst. Die Vielfalt der Anbieter, Programme, Preise und Geschäftsbedingungen ist groß, deren Qualitätsunterschiede auch. Da es in Deutschland weder ein Qualitätssiegel noch einen „TÜV“ gibt, sollten Familien gründlich recherchieren, vergleichen und prüfen. Nicht bei allen Ländern entspricht die Nachfrage dem Angebot – insbesondere in den USA sinkt die Anzahl der Plätze. In Deutschland gibt es zwei Interessenverbände, den Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen und den Deutschen Fachverband High School. Ihnen gehören 18 Veranstalter an, die sich selbst nach definierten Qualitätskriterien evaluieren und erste Orientierung bieten. Grundsätzlich unterliegen Schüleraustauschprogramme für deutsche Schüler dem deutschen Pauschalreiserecht und dem speziellen § 651/1 BGB für Gastschulaufenthalte.

Paul zum Beispiel zog mit Youth for Understanding (YFU), einem der führenden gemeinnützigen Anbieter für internationalen Schüleraustausch, in die USA. „Die haben einfach den Ruf, es besser zu machen, und sie haben mich wirklich sehr gut vorbereitet“, sagt Paul. Fünf Tage präparierte ihn YFU in Hamburg. Doch während Paul von zu hohen Erwartungen und Kulturschock hörte, in Rollenspielen probte, wie man bei Konflikten in Gastfamilien reagiert, schwieg sich Claras Organisation aus. Vorbereitung ja, aber nur zentral in London und extrabudgetär. Sie verzichtete lieber. YFU bot Paul ein Nachbereitungstreffen an, Clara geht auch hier leer aus. Nach einer Studie hiesiger Veranstalter brachen von 2003 bis 2008 mehr als fünf Prozent der Gastschüler ihren Aufenthalt ab, und 27 Prozent wechselten die Gastfamilie. Beschwerden wurden dabei nicht erhoben.

Wo, und vor allem wie Gastschüler ihren Aufenthalt verbringen, entscheidet das gewählte Programm. Drei Varianten gibt es: Länder-, Regions- und Schulwahlprogramme. Paul wählte den Länderklassiker, das heißt, er gab sein Wunschland an, Gastfamilie und öffentliche Schule wurden vor Ort für ihn gesucht. Je länger die Dauer und je detaillierter Wünsche und Programme sind, desto teurer wird es – zwischen 5 000 bis 30 000 Euro kann eine Gastschulzeit kosten. Stipendien, Bildungskredite, BAföG (ab sechs Monate Dauer, maximal 465 Euro) und ein Kostenzuschuss pro Reise (250 Euro Europa/500 Euro Außereuropa) können dabei entlasten. Nach Schätzungen beläuft sich der Umsatz des Schüleraustauschmarktes auf etwa 150 Millionen Euro pro Jahr.

Die Bilanz eines Gastschulbesuches ist individuell. Dennoch zeigte eine Soziologiestudie der Universität Konstanz 2009, dass etwa die Hälfte der Austauschschüler nach einem Jahr den bilingualen/fortgeschrittenen Sprachlevel erreichte und die Schulnoten sich in den Hauptfächern verbesserten. Zudem gewinnen Austauschschüler nach der Educational Results Study 2005 des American Field Service eine lebenslang internationale Perspektive und interkulturelle Sensitivität. Auch Paul fand in St. Cloud einen Strauß an Werten, Haltungen und Lebensweisen, wie sie ihm in Deutschland wohl nie begegnet wären. Dass er sich ein Jahr von der Schule beurlauben ließ und wiederholte, ist für ihn keine verlorene Zeit, im Gegenteil: „Es hat mich verwöhnt, dieses Jahr.“

Sabine Weiland

Infos & Beratung

Aktion Bildungsinformation e.V. (ABI): Verbraucherschutz für Bildungsfragen und Schüleraustausch, kostenfreie und unabhängige Beratung, Telefon: 0711 22021630 oder www.abi-ev.de. Versendet gegen geringe Gebühr aktuelle, länderspezifische Infobroschüren.

Weltweiser: kommerzieller, kostenpflichtiger Beratungsdienst ohne Rechtsberatung, Veranstalter der Jugendbildungsmesse; Herausgeber von Handbuch Fernweh.


Drucken Versenden Teilen Leserbrief
78 Artikel im Heft, Seite 58 von 78

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Entdecker
am Mittwoch, 20. Juni 2012, 09:56

Etwas einseitig

Liest man den durchaus interessanten Artikel könnte man (zu) schnell den Eindruck bekommen, dass gemeinnützige Anbieter automatisch die bessere Wahl sind.

Unsere Tochter z.B. war mit einer "kommerziellen" Agentur in Ozeanien und hatte dort von der ersten bis zur letzten Minute ein unvergessliches Jahr. Vorbereitung, Betreuung vor Ort und Nachbereitung waren hervorragend. Da sie sich für ein Schulwahlprogramm entschieden hatte, blieb ihr nur die Wahl einer kommerziellen Organisation. Non-Profits bieten das meiner Kenntnis nach in der Regel nicht oder nur selten.

So komme zumindest ich zu dem Schluss, dass man bei der Suche nach dem für sich idealen Anbieter, mit Ruhe und Bedacht genau schauen sollte. Ob dieser dann gemeinnützig oder kommerziell ist, spielt erstmal keine Rolle.

Allen zukünftigen Austauschschülern wünschen wir eine tolle Zeit!

PS:
Auslandsbafoeg haben wir auch beantragt. Hier sollte man noch erwähnen, dass der Förderhöchstsatz von maximal € 465,00 pro Monat (!) möglich ist. Also nicht einmalig "nur" € 465,00

 Zeitraum HTML PDF 
5 / 2013 17 0
4 / 2013 13 0
3 / 2013 21 0
2 / 2013 14 2
1 / 2013 7 0
12 / 2012 16 0
2013 72 2
2012 251 31
Total 323 33

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in