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POLITIK

Hauptstadtkongress: „Gefragt ist der 360-Grad-Blick“

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1297 / B-1121 / C-1105

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

IGeL: Alles nur Abzocke? Mechthild Rawert (SPD) und Klaus Reinhardt (Hartmannbund) beim verbalen Schlagabtausch. Foto: Svea Pietschmann

Konkurrenz um Ärzte, Energiekostensenkung in Kliniken, Neues zum Patientenrechtegesetz – der Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit bot eine Vielzahl von Themen. Im Mittelpunkt standen nicht Klagen, sondern Lösungen.

Roland Koch beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit? Was hat der ehemalige hessische Ministerpräsident als heutiger Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger und Berger mit Gesundheit zu tun? Mehr als viele wissen, verdeutlichte Koch in seinem Vortrag zur Eröffnungsveranstaltung. Zu Bilfinger gehört die „ahr Gruppe“, die für etwa 200 Krankenhäuser Dienstleistungen übernimmt. Dazu zählen das Reinigungssystem „kes“, Mittagsmenüs unter dem Label „essquisite“ sowie weitere Serviceangebote: der Einsatz von medizinischem Schreibpersonal, Bettenaufbereitungen oder die Müllentsorgung.

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Die Bevölkerung werde älter, aber der Ehrgeiz, bessere medizinische Angebote für sie zu entwickeln, bestehe nach wie vor, sagte Koch. Weil allerdings deren kollektive Finanzierung an Grenzen stoße, würden effizientere Strukturen einerseits und attraktive Selbstzahlerangebote andererseits künftig eine größere Rolle spielen als bisher. Den Wettbewerb der Zukunft im Gesundheitswesen entdeckt Koch heute bereits in Apotheken. Vom Verkauf verschreibungspflichtiger Arzneimittel könnten Apotheker nicht mehr leben. Frei verkäufliche Medikamente und anderes spielten eine beträchtliche Rolle. „Das mag man nicht mögen“, räumte Koch ein. Aber der Herausforderung, eine attraktive Kombination aus Medizin und zusätzlichen Angeboten zu finden, werden sich aus seiner Sicht alle stellen müssen.

Krankenhäuser könnten ein Drittel Energiekosten sparen

Noch ist viel Spielraum für die, die wie die „ahr Gruppe“ Serviceangebote machen. Die Energiekosten pro Klinikbett lägen bei durchschnittlich 3 500 Euro, rechnete der Bilfinger-Vorstandsvorsitzende vor. „Davon können Sie ein Drittel einsparen.“ Das habe jedoch kaum jemand in Deutschland im Blick. Auch die Verpflegung in Kliniken gelte nicht als deren Kernkompetenz: „Dabei kann man es so machen, dass die Patienten am Ende denken, es sei eine gute Verpflegung.“ Nach Kochs Auffassung wird es in Zukunft zumindest in den Ballungszentren einen Wettbewerb geben, der Patienten überlegen lässt, wohin sie gehen. Ob etwas angenehm sei oder ein attraktives Angebot, werde dann wichtig.

Als zweiten, in Sachen Gesundheitswesen eher unbekannten Experten hatten die Veranstalter René Obermann eingeladen, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom. Mit seinen Stichworten konnten die Zuhörer allerdings auf Anhieb mehr anfangen: Telematik, Kommunikationstechnik für ein selbstbestimmtes Leben im Alter, Telemonitoring, digitale Prozesse statt Papier – darüber wird schon häufiger diskutiert. Informations- und Kommunikationstechnologien könnten die Medizin darin unterstützen, schneller und flexibler zu arbeiten, sagte Obermann. Allerdings werde vieles noch zu selten im Dienst des Patienten genutzt. Um auf all diesen Geschäftsfeldern noch erfolgreicher zu sein, müsse man die Sicherheit der Anwendungen so gut es gehe garantieren und „den Nutzen überzeugender vermitteln“, räumte Obermann ein.

Kongresspräsident Ulf Fink hatte Gründe, in diesem Jahr auch Männer der Wirtschaft und nicht nur solche der Gesundheitspolitik zur Eröffnungsveranstaltung einzuladen. Es gebe noch viele Möglichkeiten im Gesundheitswesen, ohne Beeinträchtigung der Versorgungsqualität die Effizienz zu erhöhen, befand Fink. Dass jeder sich auf das konzentriere, was er besonders gut mache, könne auch eine gute Maxime für diesen Sektor werden. Im Gesundheitswesen müssten Berufsbilder neu gedacht und neue, kreative Aufgabenfelder für die Erfordernisse von morgen geschaffen werden, betonte der Ärztliche Direktor des Unfallkrankenhauses Berlin, Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp, der den wissenschaftlichen Teil des Kongresses leitete: „Gefragt ist der 360-Grad-Blick.“

Auch ohne diesen wissen viele, dass etwa 6 000 Arztstellen an deutschen Kliniken nicht besetzt sind. Wie man Nachwuchs in die Landarztpraxis oder in eine Klinik bekommt, war Thema mehrerer Kongressveranstaltungen. Denn der Markt hat sich gewandelt. „Nach einem 45-minütigen Bewerbungsgespräch sagte mir ein junger Arzt: Herr Professor, Sie kommen in die engere Auswahl“, berichtete der stellvertretende Direktor der Abteilung Anästhesiologie am Zentrum Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin der Georg-August-Universität Göttingen, Prof. Dr. med. Dr. Martin Bauer. Auch sei einmal ein junger Assistenzarzt zu ihm gekommen und habe um ein Personalentwicklungsgespräch gebeten. „Aber nicht nur das“, sagte Bauer. „Er wollte auch Elternzeit beantragen und zum Ende des Jahres noch zum Oberarzt befördert werden. Ich hätte mich nie getraut, diese Wünsche miteinander zu verknüpfen.“ Für die neue Generation sei das aber üblich, und die Arbeitgeber müssten sich darauf einstellen.

„Junge Ärzte schätzen die weichen Faktoren“

„Es sind die weichen Faktoren, die bei den jungen Ärzten von heute ankommen“, betonte Bauer. Wenn ein Chefarzt zum Beispiel persönlich auf eine E-Mail antworte. Oder wenn man es einem jungen Arzt kurzfristig ermögliche, drei Tage Urlaub zu nehmen.

„Wir haben versucht, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die die Ärzte attraktiv finden“, berichtete Bernhard Inden, Marketingleiter der Marienhaus-Stiftung, zu der zahlreiche Krankenhäuser in ländlichen Regionen zählen. „Wir bieten zum Beispiel eine Verbundweiterbildung oder ein Famulantencamp.“ Im Medical Center des Nürburgrings bekommen die Famulanten dabei Kontakt zu Chefärzten, fahren mit ihnen gemeinsam Gokart, oder sie klettern zusammen. Vor diesen und anderen Maßnahmen hatte die Marienhaus-Stiftung 105 unbesetzte Arztstellen. Heute sind es noch 30.

Parallel zur Diskussion um den Kliniknachwuchs wurde über die künftigen Praxisnachfolger diskutiert. Eingebettet in den Hauptstadtkongress veranstaltete die Kassenärztliche Bundesvereinigung den „Tag der Niedergelassenen“ mit Workshops und Vorträgen rund um das Thema Niederlassung. In diesem Jahr war unter anderem die neue Bedarfsplanung, an der der Gemeinsame Bundesausschuss derzeit arbeitet, ein Thema.

Nachdenklich wandte Stefan Zutz, Landarzt mit eigener Praxis in Neubukow, angesichts der Debatte ein: „Wenn man die Bereiche anders zuschneidet, wird sich auf der Arztseite ja nichts ändern.“ Wichtiger als eine bessere Feinplanung sei vielleicht, die Bürokratie für Ärztinnen und Ärzte zu reduzieren, damit diese mehr Zeit für ihre Patienten hätten. Zutz sprach sich zudem für ein Primärarztsystem mit kostenfreiem Zugang zum Arzt aus. Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, warb für Ehrlichkeit: „Wir werden Regionen haben, in denen wir ehrlich sagen müssen: Das Niveau an Versorgung, das wir einmal hatten, werden wir nicht aufrechterhalten können.“

Um Ehrlichkeit ging es auch bei einem weiteren Thema, das in mehreren Foren des Kongresses zur Sprache kam: die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). In der „Speakers’ Corner“ während des Tags der Niedergelassenen wehrte sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert gegen „Abzocke“ in Arztpraxen: „Wir wollen, dass dieser Markt sich wieder reduziert.“ So wie IGeL derzeit vermarktet würden, gehe „das Vertrauen in die Leistungen der GKV verloren“. Rawert forderte zudem, die Ärzte müssten sich selbst um Missbrauch und um Verwerfungen in diesem Segment kümmern.

Patientenrechtegesetz noch in diesem Jahr

Ihr Gegenredner, Dr. med. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbunds, stimmte Rawert stellenweise zu: „Vieles beim Thema IGeL ist fragwürdig.“ Reinhardt verwies aber auch darauf, dass Ärzte gesetzlich Krankenversicherte wirtschaftlich und nicht optimal zu behandeln hätten. Es gebe also sehr wohl ein „Delta“ zwischen dem, was bezahlt werde, und dem, was im Einzelfall sinnvoll sei. Reinhardt kritisierte zudem, dass Krankenkassen manche IGeL-Leistungen als schädlich und überflüssig einstuften, sie aber zum Teil als Satzungsleistung anböten.

Überflüssig oder nicht – darüber gehen die Meinungen auch beim Patientenrechtegesetz auseinander. Wolfgang Zöller (CSU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, versicherte auf dem Hauptstadtkongress, es werde noch in diesem Jahr in Kraft treten. Ob es darin Vorgaben für IGeL geben wird, wie manche fordern, bleibt abzuwarten.

Falk Osterloh, Sabine Rieser

EIN VOLLES PROGRAMM

Klinikveranstaltungen, Rehathemen, Pflegekongress, Ärzteforum, Tag der Versicherungen – unter dem Dach des Hauptstadtkongresses finden alljährlich zahlreiche Veranstaltungen zu gesundheitspolitischen und -wirtschaftlichen Themen statt. In diesem Jahr kamen nach Angaben der Veranstalter 8 000 Teilnehmer zu mehr als 180 Veranstaltungen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist seit mehreren Jahren mit ihrem eigenen Angebot „Tag der Niedergelassenen“ beim Kongress vertreten.


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