POLITIK

Gewalt gegen alte Menschen: „Der Beratungsbedarf ist riesig“

Dtsch Arztebl 2012; 109(26): A-1362 / B-1178 / C-1158

Osterloh, Falk

„Das Ansprechen von Fehlverhalten ist keine Denunziation, sondern kollegiale Hilfe.“ Roscha Schmidt, Caritas-Altenhilfe. Foto: dpa

Psychische und körperliche Gewalt gegen Pflegebedürftige ist vielerorts noch ein Tabuthema. Notruftelefone unterstützen Betroffene durch Beratung und psychologische Betreuung. Doch sie können die zahlreichen Anfragen nicht alle bearbeiten.

Die meisten Menschen, die anfangen zu pflegen, sind sehr liebevoll und engagiert. Bei einer durchschnittlichen Pflegedauer von zehn Jahren stoßen sie aber irgendwann an ihre Grenzen.“ Gabriele Tammen-Parr weiß, wovon sie spricht. Bei dem Berliner Beratungstelefon „Pflege in Not“ hilft die Sozialpädagogin Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, wenn es zwischen ihnen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

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„Gewalt gegen alte Menschen ist vor allem psychische Gewalt“, erklärte Tammen-Parr auf einer Fachtagung der „Bundesarbeitsgemeinschaft der Krisentelefone, Beratungs- und Beschwerdestellen für alte Menschen in Deutschland“ (BAG) anlässlich des 7. Welttags zur Sensibilisierung und Ächtung von Diskriminierung und Misshandlung alter Menschen am 15. Juni. Es werde gedroht, geschimpft und entwertet. „Der Zündstoff dabei ist die Beziehungsebene“, sagte die Berliner Beraterin. „Denn Pflegender und Gepflegter sind oft emotional eng miteinander verbunden.“

Die drei Beraterinnen von „Pflege in Not“ führen etwa 150 bis 200 Telefonate im Monat. „Der Beratungsbedarf ist riesig“, betonte Tammen-Parr. „Wir können ihn nicht abdecken.“ Neben telefonischer Beratung bieten sie und ihre Kolleginnen auch Hausbesuche sowie eine psychologische Betreuung an. „Die psychologischen Gespräche sind sehr erfolgreich. Wir erhalten die Rückmeldung, dass sich die häusliche Situation danach oft sehr entspannt“, berichtete Tammen-Parr.

„Mehr als die Hälfte der über 60-Jährigen werden Opfer von Vermögens-, Gewalt- oder Sexualstraftaten. Nur wenige dieser Gewaltsituationen werden jedoch aktenkundig“, sagte Prof. Dr. med. Dr. Rolf D. Hirsch von der BAG, zu der auch „Pflege in Not“ gehört. Er kritisierte, dass es noch zu wenige Beratungsstellen für alte Menschen gebe. Derzeit umfasst die BAG bundesweit 17 Einrichtungen in unterschiedlicher Trägerschaft. Gerne würde Hirsch auch stärker mit den Hausärzten zusammenarbeiten. „Zum Beispiel würden wir uns wünschen, dass die Ärzte ihre Patienten darüber informieren, dass es Krisentelefone für alte Menschen gibt, oder dass sie in ihren Praxen unsere Flyer auslegen“, betonte der Gerontopsychiater.

Gewalt gegen alte Menschen findet nicht nur im häuslichen Umfeld, sondern auch in stationären Pflegeeinrichtungen statt. Der Psychiater Prof. Dr. med. Karl-Heinz Beine von der Universität Witten/Herdecke hat die grausamste Form dieser Gewalt, das Ermorden von Heimbewohnern durch Pflegekräfte, untersucht. „Die Täter sind selbst unsichere Personen, und sie sind häufig Außenseiter im Team“, erklärte er auf der Fachtagung. In allen von ihm beschriebenen Fällen hatten sich zuvor Patienten und Angehörige über die Pflegerinnen oder Pfleger beschwert. Daraufhin hätte es eine Rücksprache mit dem Betreffenden geben müssen. „Genau das ist aber nicht geschehen“, kritisierte Beine. Es gebe auch eine kollegiale Verantwortung. Die werde aber nicht immer wahrgenommen. „Einige Täter haben hinterher gesagt: Ich dachte, die Kollegen seien einverstanden gewesen. Die haben ja nichts gesagt, obwohl sie es alle gesehen haben“, sagte der Psychiater. Warnzeichen seien die Häufung von unerklärlichen Todesfällen, Fehlstände bei Medikamenten oder die Vergabe von Spitznamen für die Pfleger wie „Todesengel“.

Die Caritas hat vor zwei Jahren ein Programm zur Gewaltprävention in ihren Einrichtungen eingeführt. Zu Beginn hatte Beine die Mitarbeiter für das Thema sensibilisiert. Danach hat sich eine Pflegerin erstmals getraut, auf den groben Umgang einer Kollegin mit den Heimbewohnern hinzuweisen. Dieser Kollegin wurden daraufhin Grenzen gesetzt, und ihr wurde Hilfe angeboten. „Das war für uns alle eine wichtige Erfahrung“, sagte Roscha Schmidt von der Caritas-Altenhilfe. „Das Ansprechen von Fehlverhalten ist keine Denunziation, sondern kollegiale Hilfe.“

Falk Osterloh

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