MEDIZINREPORT

Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts: Zivilisationskrankheiten nehmen zu

Dtsch Arztebl 2012; 109(26): A-1376 / B-1191 / C-1171

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Foto: dpa

Nach der Studie zur „Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ sind Adipositas und Diabetes auf dem Vormarsch. Die Untersuchung liefert Ansätze für die Prävention.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr macht seinem Amt alle Ehre: Am Abend des 15. Juni nahm der versierte Läufer, der auch schon Marathonläufe absolviert hat, am Berliner Staffelfest teil. Seine Teilnahme untermauerte wirkungsvoll sein Statement vom Vormittag: „Wir müssen Lust und Laune auf gesundheitsbewusstes Verhalten machen“, sagte Bahr bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS) des Robert- Koch-Instituts (RKI). Der erhobene Zeigefinger sei dabei fehl am Platz.

Stattdessen will der Minister die Präventionsmaßnahmen der Krankenkassen hinterfragen und plant für den Herbst auch gesetzgeberische Maßnahmen. Diese sollen eng mit dem Nationalen Krebsplan und einem Aktionsplan Diabetes verknüpft sein. Grundlage für diese Initiative seien die im Rahmen der DEGS gewonnenen Daten zum Gesundheitsstatus der Bevölkerung. Die DEGS liefert als die größte Studie dieser Art seit dem Bundesgesundheitssurvey 1998 unter anderem Daten zu Übergewicht, Diabetes, körperlicher Aktivität, psychischer Gesundheit und Funktionseinschränkungen im Alter.

Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums seien zwischen 2008 und 2011 Daten von mehr als 8 000 Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren aus 180 Studienorten erhoben und ausgewertet worden, teilte RKI-Präsident Prof. Dr. med. Reinhard Burger mit. Auf dem Programm standen Befragungen, Laboruntersuchungen von Blut- und Urinproben sowie körperliche Untersuchungen.

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Zeitliche Veränderungen der Adipositasprävalenz

„Die Ergebnisse sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Dr. med. Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung am RKI. In den wenigen Monaten nach Abschluss der Messungen habe man nur deskriptiv ausgewertet, später wolle man sich noch grundlegender mit dem Datensatz beschäftigen und kausale Zusammenhänge und zeitliche Abläufe erfassen. Denn das Besondere an der DEGS ist die Vergleichbarkeit mit den Daten des Bundesgesundheitssurveys von 1998: Von den jetzt untersuchten Teilnehmern waren knapp 4 000 bereits damals dabei. So lasse sich nicht nur feststellen, woran die Deutschen gerade leiden, sondern auch, wie sich die Krankheiten über die Jahre entwickelten, erklärte Kurth. Dabei sind folgende Trends zu erkennen:

Die adipösen Deutschen werden noch dicker: Der DEGS zufolge stagniert beziehungsweise sinkt sogar die Zahl der übergewichtigen Deutschen seit der letzten Erhebung 1998 – allerdings auf hohem Niveau: Mehr als zwei Drittel (67,1 Prozent) der deutschen Männer zwischen 18 und 79 Jahren sind übergewichtig. Bei den Frauen weisen 53 Prozent einen Body-mass-Index (BMI) über 25 auf. „Besorgniserregend“ ist für Kurth jedoch, dass die Anzahl der adipösen Menschen – also mit einem BMI größer als 30 – weiter steigt.

Vor allem bei den Männern nahm die Adipositasprävalenz in den letzten zehn Jahren zu (von 18,9 Prozent auf 23,3 Prozent), wobei besonders junge Männer betroffen sind. Bei den Frauen veränderte sich dieser Wert dagegen nur leicht von 22,5 Prozent auf 23,9 Prozent. Auffallend ist jedoch, dass der Anteil Adipöser mit steigendem sozioökonomischem Status kleiner wird.

Grafik 2
Zeitlicher Trend Lebenszeitprävalenz des Diabetes

Die Zahl der Diabetiker steigt: Der hohe Anteil der Übergewichtigen in Deutschland scheint seinen Preis zu haben: Der DEGS zufolge stieg die Lebenszeitprävalenz eines Diabetes mellitus von 5,2 Prozent der Gesamtbevölkerung 1998 auf heute 7,2 Prozent. Die erfasste Prävalenz sei jedoch noch niedriger als bisherige Schätzungen aus Versorgungsdaten, erklärte Dr. med. Christa Scheidt-Nave vom RKI.

Diabetes mellitus verbreitet sich jedoch nicht nur besonders unter Adipösen, sondern auch unter Männern über dem 70. und Frauen unter dem 40. Lebensjahr. Im Hinblick auf die Dunkelziffer gehen die RKI-Forscher nach Untersuchung des Blutzuckers (Nüchtern- oder Gelegenheitsglukose im Serum) sowie des HbA1c davon aus, dass bei 0,7–2,1 Prozent der Bevölkerung ein unerkannter Diabetes vorliegt.

Menschen sind körperlich aktiver als vor zehn Jahren: Allerdings gibt es seit 1998 auch positive Veränderungen – die Deutschen werden sportlicher. 51,7 Prozent der Männer und 49,5 Prozent der Frauen sind der DEGS zufolge regelmäßig mindestens einmal pro Woche körperlich aktiv. Damit ist der Anteil der sportlich Aktiven seit 1998 um 13,1 Prozentpunkte bei den Männern und um 16,2 Prozentpunkte bei den Frauen gestiegen.

Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das aber noch zu wenig: Ihr zufolge sollten Menschen idealerweise 2,5 Stunden pro Woche Sport treiben. Diese empfohlene körperliche Mindestaktivitätszeit erreichen in Deutschland jedoch nur 25,4 Prozent der Männer und 15,5 Prozent der Frauen. Die Erhebung zeigte ferner, dass Frauen viel häufiger als Männer von Sportangeboten angesprochen werden: 9,4 Prozent der Männer, aber 19,5 Prozent der Frauen nehmen diese wahr.

Möglicherweise mehr psychische Erkrankungen: Mit großer Spannung erwartet wurden die Ergebnisse zur psychischen Gesundheit der Deutschen. Die Frage: Sind wir wirklich psychisch stärker belastet als vor zehn Jahren?, bewegt viele Menschen. „Möglicherweise“, meint Prof. Dr. med. Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität Dresden. „Gewisse Zunahmeeffekte“ gebe bei der Prävalenz der Depression, jedoch keine epidemische Zunahme, erklärte der Psychiater. Vor allem unter jüngeren Menschen scheine die Wahrscheinlichkeit, dass psychische Erkrankungen aufträten, erhöht zu sein.

Das Thema psychische Gesundheit sei in einem Zusatzmodul bei mehr als 5 000 Teilnehmern vertieft worden, erläuterte Wittchen. Da der Zeitraum von zehn Jahren seit der letzten Untersuchung jedoch relativ klein sei, sei erst genau zu prüfen, ob ein bedeutsamer Zunahmeeffekt vorliege. Von der weiteren Auswertung erwarte er auch im internationalen Vergleich einmalig differenzierte und umfassende Daten.

Bei nahezu allen 8 000 DEGS-Teilnehmern wurde hingegen mittels Fragebogen und computergestützten ärztlichen Interviews das Vorliegen einer Depression, von Schlafstörungen und chronischem Stress untersucht. Dabei berichteten 8,1 Prozent der Befragten von aktuellen Symptomen einer Depression (10,2 Prozent der Frauen und 6,1 Prozent der Männer). Die Wahrscheinlichkeit war dabei unter den 18- bis 29-Jährigen mit fast zehn Prozent am höchsten. Die niedrigsten Werte fanden die Forscher bei den über 65-Jährigen (6,3 Prozent).

Eine starke Abhängigkeit zeigte die Prävalenz von Depressionen mit dem sozioökonomischen Status. Während 13,6 Prozent der Menschen mit niedrigem Status über Symptome klagten, waren es unter denjenigen mit hohem Status nur 4,6 Prozent.

Zudem gaben 4,2 Prozent der Teilnehmer an, dass ein Arzt oder Psychotherapeut bei ihnen ein Burn-out-Syndrom festgestellt hat (Frauen 5,2 Prozent, Männer 3,3 Prozent). Betroffen sind vor allem die 50- bis 59-Jährigen (6,6 Prozent), deutlich weniger die 18- bis 29-Jährigen (1,4 Prozent). Während ein höherer sozioökonomischer Status eher vor Depression „schützt“, ist er jedoch häufiger mit dem Burn-out-Syndrom assoziiert.

Eine Schlafstörung von mindestens dreimal pro Woche gab etwa jeder Vierte an (30,8 Prozent der Frauen, 22,3 Prozent der Männer).

Nationales Gesundheitsziel: Gesund älter werden. Untersucht (aber noch nicht ausgewertet) wurde mit der DEGS auch die Gesundheit im Alter. Dazu wurden bei mehr als 1 800 Personen im Alter von 65 bis 79 Jahren international etablierte Tests zur Erfassung alltagsrelevanter Funktionsfähigkeiten eingesetzt, etwa zu Greifkraft, Mobilität, Gleichgewicht (Balancetest) und kognitiven Leistungen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Eine ausführliche wissenschaftliche und alle Themen umfassende Basispublikation zu den Ergebnissen der DEGS soll 2013 erfolgen.

Grafik 1
Zeitliche Veränderungen der Adipositasprävalenz
Grafik 2
Zeitlicher Trend Lebenszeitprävalenz des Diabetes

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