THEMEN DER ZEIT

Kultursensible Altenpflege: Kein Ansturm auf Pflegeleistungen

Dtsch Arztebl 2012; 109(27-28): A-1424 / B-1230 / C-1208

Protschka, Johanna

Pflegeeinrichtungen stellen sich vermehrt auf ältere Menschen mit Migrationshintergrund ein. Doch die Unsicherheiten bezüglich des deutschen Pflegesystems sind bei vielen Familien nach wie vor groß. Foto: dapd

Insbesondere Migranten und Migrantinnen aus der Türkei, die sich dafür entschieden haben, in Deutschland alt zu werden, nehmen Hilfsangebote der Altenpflege wenig in Anspruch. Die Gründe hierfür sind vielschichtig.

Das Thema Pflege und Pflegebedürftigkeit betrifft die meisten Menschen irgendwann einmal im Leben. Doch gerade der zunehmende Bedarf an Pflegeleistungen, bedingt durch das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung, beschäftigt nicht nur die immer älter werdenden Menschen, die hier aufgewachsen sind und deren Muttersprache Deutsch ist. Auch die Familien, die ab den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, um hier zu leben und zu arbeiten, wie beispielsweise die größte Gruppe der Migranten aus der Türkei, sind gezwungen, sich mit diesen Veränderungen auseinanderzusetzen. Ein Grund, weshalb sich Altenpflegeheime immer häufiger auf eine kultursensible Pflege einrichten. Doch von einem „Run“ der Migranten auf Hilfsangebote kann keine Rede sein. So steht die Frage im Raum: Was sind die Gründe dafür?

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Aktuell sind acht Prozent der Migranten über 65 Jahre alt

Das Risiko der Pflegebedürftigkeit ist hochgradig altersabhängig. Insgesamt sind etwa 83 Prozent der Leistungsempfänger älter als 65 Jahre. Die niedersächsische Gesundheitsministerin, Aygül Özkan, sprach dieses Thema auch am Rande des diesjährigen Deutsch-Türkischen Medizinerkongresses in Hannover an: „Im Moment sind es acht Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund, die älter sind als 65. In 20 Jahren werden es über 25 Prozent sein. Somit steigt das Risiko auch in dieser Bevölkerungsgruppe, pflegebedürftig zu werden.“ Die Ministerin werbe deshalb immer wieder bei jungen Migrantinnen und Migranten dafür, einen Ge-sundheitsberuf zu ergreifen. Das könne eine Bereicherung für alle sein, und der Bedarf sei da.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben zusammengenommen etwa acht Prozent der Pflegebedürftigen in Privathaushalten einen Migrationshintergrund. Darunter befinden sich 25 Prozent mit einer ausschließlich ausländischen Staatsbürgerschaft. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat in einem aktuellen Forschungsbericht festgestellt, dass 54 Prozent aller Pflegebedürftigen mit einem Migrationshintergrund in die Pflegestufe I eingestuft sind. Ohne Migrationshintergrund sind es 59 Prozent. Anders sieht es dagegen in der Pflegestufe III aus: Während neun Prozent der Pflegebedürftigen ohne Migrationshintergrund dort eingestuft werden, sind es bei pflegebedürftigen Migranten 15 Prozent. Einen weiteren Unterschied gibt es in der Wohnsituation. Der Anteil der Alleinlebenden ist mit 21 Prozent bei Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund deutlich kleiner als bei Menschen ohne Migrationshintergrund; bei letztgenannten beträgt der Anteil 35 Prozent.

Grafik
Schätzung von pflegebedürftigen Personen mit Migrationshintergrund, Frauen und Männer, 2005–2009

Es gibt in Deutschland mittlerweile einige Hilfsangebote von Pflegeheimen in Großstädten, die sich auf pflegebedürftige Menschen mit Migrationshintergrund einstellen. Das Seniorenzentrum Theo-Burauen-Haus in Köln-Ehrenfeld hatte sich bereits vor einigen Jahren dazu entschlossen, eine kultursensible Pflege anzubieten, denn Ehrenfeld ist ein Viertel mit einem hohen Anteil an Migranten aus aller Welt. Die größte Gruppe stellen auch dort Menschen mit türkischem Hintergrund. Die Umstellung der Küche wurde geplant, das Personal geschult, doch die große Nachfrage blieb aus. Auch der angegliederte ambulante Pflegedienst versorgt aktuell lediglich eine Familie mit türkischem Hintergrund. Bundesweit sprechen die Zahlen ebenfalls für sich. Insgesamt gibt es 12 026 zugelassene ambulante Pflegedienste (Stand 2009). Von diesen hat circa die Hälfte überhaupt keine Patienten mit Migrationshintergrund zu betreuen. Der Unterschied zwischen Ost und West kommt dabei noch deutlich zum Vorschein: In den neuen Bundesländern haben 71 Prozent der Pflegedienste keine Patienten mit Migrationshintergrund, in den alten Bundesländern sind es 38 Prozent. Lediglich 33 Prozent dieser Dienste verfügen über Pflegepersonal, das dieselbe Muttersprache der zu Pflegenden spricht.

Kultursensible Pflege ist kein Garant für eine Nachfrage

In Berlin-Kreuzberg eröffnete bereits 2006, unter großem Medienecho, die erste Einrichtung, die sich auf die Pflege von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund spezialisierte. Das Haus Türk Bakim Evi, was so viel wie „Haus des Wohlbehagens“ bedeutet, wurde unlängst wieder umbenannt in „Pflegehaus Kreuzberg“. Dies habe nach Auskunft des Pflegeheims mit einer neuen Spezialisierung auf Abhängigkeits- und Demenzerkrankungen zu tun. Auf Nachfrage teilte der Klinikbetreiber jedoch mit, dass man mit Blick auf die kulturelle Tradition türkischer Familienverbände mit Respekt erkannt habe, dass es für die Angehörigen schwierig werde, ältere Familienmitglieder in die Obhut einer Pflegeeinrichtung zu geben. Eine kultursensible Pflege biete das Haus aber nach wie vor an und halte diese auch für sehr wichtig.

Es scheint also für Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste generell komplizierter zu sein, genau diese Zielgruppe anzusprechen.

Die Inanspruchnahme eines professionellen Pflegedienstes bei Familien mit Migrationshintergrund wird dem Bericht des BAMF zufolge häufiger mit dem Argument abgelehnt, dass ein Familienangehöriger nicht von Fremden gepflegt werden solle. Ein Argument, das Elisabeth Römisch, Leiterin des Ehrenfelder Seniorenzentrums, kennt: „Durch die enge Bindung in den Familien entstehen sehr hohe Erwartungen an die Pflege. In Familien mit türkischem Migrationshintergrund ist der Anspruch an die Betreuung oft so hoch, dass dem kaum eine Einrichtung gerecht werden kann“, sagt Römisch. Diesen Anspruch in den Familien selbst durchzuhalten, etwa die durchgängige Präsenz eines Betreuenden, werde aber zunehmend schwieriger. Denn das Pflegepotenzial der Frauen, die in der Regel in Familien als Pflegende auftreten, wird durch deren wachsende Erwerbstätigkeit weiter abnehmen. In deutschen Familien ist dies schon Realität. Aktuell liegt die Frauenerwerbsquote (im Alter zwischen 25 und 64 Jahren) bei deutschen Frauen mittlerweile bei 78 Prozent und damit (noch) um etwa 13 Prozentpunkte höher als bei Frauen mit Migrationshintergrund.

Die familiären Solidar- und Unterstützungspotenziale bei Migranten scheinen kurzfristig immer noch häufig zu greifen. Foto: Photothek

Darüber hinaus stellt der mangelnde Informationsaustausch ein Problem dar. Viele pflegerische Angebote sind bei Migranten wenig oder gar nicht bekannt. Den Beruf Altenpfleger gebe es so in der Türkei auch gar nicht, merkt Römisch an. Sie vermutet, dass das auch ein Grund dafür ist, dass junge Migranten seltener einen Pflegeberuf ergreifen. Zudem geben Familien mit Migrationshintergrund, so der Forschungsbericht des BAMF, häufiger an, dass das Pflegegeld für den laufenden Unterhalt benötigt werde. Eine Studie, die sich auf die Stadt Bremen beschränkte, belegt, dass Leistungen in der Regel nur in Anspruch genommen werden, wenn gleichzeitig ein soziales Unterstützungssystem funktioniert. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe fand zudem heraus, dass bei einer Inanspruchnahme von Leistungen 91 Prozent der türkischen Migranten Geldleistungen präferieren. Die meisten älteren Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund verfügten über wenige Finanzmittel, weshalb eine professionelle Hilfe oftmals unerschwinglich erscheine, so dass die familiäre Pflege also auch aus finanziellen Gründen vorgezogen werde.

Die Unsicherheiten bezüglich des deutschen Pflegesystems bei den Familien mit Migrationshintergrund sind zudem nach wie vor groß. Sprachbarrieren, kulturelle Barrieren und der meist immer noch vorhandene Wunsch, „irgendwann einmal zurückzukehren“, stellen für alte Menschen weitere Hindernisse für einen Anschluss an das bestehende Versorgungsangebot dar. Um die Hürden abzusenken, empfehlen Migrantenorganisationen deshalb das Angebot der kultursensiblen Pflege, die Schamgrenzen, unterschiedliche Hygienebedürfnisse und Essensgewohnheiten berücksichtigt.

Niedrigschwellige Angebote kommen besser an

Doch auch das ist nicht ausreichend, wie das Beispiel in Köln zeigt. „Hilfsangebote sollten erst einmal so niedrigschwellig wie möglich sein“, meint Römisch dazu. Das habe sie gelernt. Deshalb ist das Seniorenzentrum Theo-Burauen-Haus dazu übergegangen, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen in dem Projekt „Veedel für alle – Semtimiz Ehrenfeld“, die selbst einen türkischen Migrationshintergrund haben, zu schulen und als Lotsen im deutschen Pflegesystem einzusetzen. Sie informieren die Familien über Angebote und fungieren als erster Ansprechpartner. Da sie über denselben kulturellen Hintergrund verfügen, soll der Kontakt zu ihnen auch Berührungsängste abbauen. Sie können damit ein erster „Türöffner“ für den Pflegedienst und gleichzeitig Multiplikatoren in ihrem Umfeld und Freundeskreis sein. Nagihan Arslan-Yüregir, die das Projekt leitet und koordiniert, ist der Ansicht, dass es in jedem Falle gut ist, sich auf eine kultursensible Pflege einzurichten, auch wenn die Inanspruchnahme von ambulanten Diensten und stationären Einrichtungen noch nicht so hoch ist. Ein erhöhter Beratungsbedarf sei bereits vorhanden. Vor allem die wachsende Anzahl von Demenzerkrankungen treibe viele Familien um, sagt sie. Die meisten wünschen sich zunächst eine schnelle und unkomplizierte Telefonberatung. Yüregir bekommt oft Anrufe von Angehörigen, die wissen wollen, wie sie sich verhalten können. Den in der offenen Altenhilfe angebotenen Gesprächskreis im Theo-Burauen-Haus, bei dem Informationen und Erfahrungen ausgetauscht werden können, nehmen die Senioren mit türkischem Migrationshintergrund zudem gerne in Anspruch – Tendenz steigend.

Yüregir hält ein vertrauensvolles Verhältnis und den Dialog für die Basis aller erfolgreichen Hilfsangebote: „Kultursensible Pflege ist Individualpflege“, meint die Koordinatorin, „man muss sich gegenseitig kennenlernen, und das Pflegepersonal kann durch Nachfragen auch viel über die Bedürfnisse der Familien erfahren. Vorgefertigte Schubladen helfen nicht weiter.“

Wie sich die Pflegesituation in den Familien mit Migrationshintergrund entwickeln wird, ist nicht eindeutig vorherzusagen. Die familiären Solidar- und Unterstützungspotenziale bei Migranten scheinen kurzfristig immer noch häufig zu greifen, zu diesem Schluss kommt jedenfalls der Bericht des BAMF. Langfristig wird sich die Lebenssituation von vielen Migrantinnen und Migranten jedoch ändern. Man geht davon aus, dass der Anteil Alleinlebender, auch unter den älteren Migranten, größer wird. Schließlich müssen sich die Jungen auf einem unsichereren Arbeitsmarkt immer flexibler zeigen und für einen Beruf oder ein Studium womöglich von der Familie wegziehen. Die Pflege eines Angehörigen innerhalb der Familie würde damit erheblich schwieriger.

Johanna Protschka

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