BRIEFE
Erstes „PID-Baby“: Wo sind die Grenzen?
Dtsch Arztebl 2012; 109(27-28): A-1436 / B-1240 / C-1218

Bisher hat sich das DÄ sehr verdient gemacht um eine ausgewogene Darstellung von ethischen Problemfällen und sogar oft erstaunlich deutlich Stellung zum generellen Schutz von Leben bezogen.
In dem Titelthema zum „Ersten PID-Baby“ habe ich die sonst so vorbildliche Differenziertheit vermisst.
Schon das Titelbild eines („gesunden“? Eugenisch selektionieren?) Kindes ist fast zynisch. Im Artikel ist nachzulesen, dass es sechs Embryonen waren – davon zwei „gesunde“. Was ist mit den anderen vier „kranken“ geschehen?
Und genau da liegt schon das erste schwerwiegende ethische Problem. Vier kranke Embryonen werden ausselektioniert. Ist das unser ärztliches Verständnis von Medizin, krankes Leben am Anfang und am Ende des Lebens (Euthansie) auszuselektionieren? Wo setzen wir die Grenzen eines Lebensabschnittes, wo ein Mensch für andere Menschen oder die Gesellschaft irgendeinen höheren Nutzen bringt als Last durch eine Erkrankung oder Behinderung?
Die dargestellte Krankengeschichte macht nachdenklich und ist wohl mit Bedacht ausgewählt. Dieses Ehepaar hat jedoch auch eine ethische Einstellung, die nicht jeder haben dürfte: Bei einem an Down erkrankten Kind hätten sie sich für das Leben des Kindes entschieden (90 Prozent aller Kinder, bei denen eine Trisomie 21 pränatal diagnostiziert wird, werden dagegen abgetrieben), und sie wären für eine Adoption bereit gewesen (nur ist es angesichts unserer hohen Abtreibungsquote so, dass auf ein zu adoptierendes Kind elf Elternpaare kommen, die gerne dieses Kind adoptieren würden). Sicher gibt es schwierige ethische Entscheidungen und großes Leid von betroffenen Eltern, dem wir helfend und unterstützend begegnen müssen. Aber kann die Lösung in der Ausselektion eines behinderten Kindes liegen – welches sein eigenes Leben viel wertvoller erachtet, als andere um dieses Kind herum? Das betroffene Kind hat nur dieses eine Leben – welches andere ihm nach einer „Güter- und Interessenabwägung“ nehmen möchten.
Das Elternpaar und Herr Diedrich argumentieren, dass man dieses Leid selbst erfahren müsse, um sich in die Lage und die Entscheidung zu einer PID hineinversetzen zu können. Das vermag ich nicht in Abrede zu stellen, aber wer versetzt sich in die Lage des betroffenen Kindes?
Wer kann oder will sich anmaßen zu entscheiden, welches Leben eines Kindes in wessen Augen wie lebenswert ist? Wird eine solche Problematik auch aus den Augen des betroffenen Kindes gesehen? . . .
Dr. med. Michael Kiworr, 68305 Mannheim
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