POLITIK

„Versorgung in Gesundheit und Pflege“: Mahnung an die Politik

Dtsch Arztebl 2012; 109(29-30): A-1476 / B-1271 / C-1251

Klinkhammer, Gisela

Immer weniger Menschen werden immer mehr Menschen zu versorgen haben. Darauf machte Politikberater Fritz Beske aufmerksam und diskutierte die Folgen mit Ärzten und Vertretern von Verbänden.

Ein Appell an die Politik stand am Beginn der zwölften gesundheitspolitischen Veranstaltung im Rahmen der Kieler Woche. Prof. Dr. med. Fritz Beske, Leiter des Fritz-Beske-Instituts für Gesundheits-System-Forschung Kiel, fordert von den Verantwortlichen, endlich die Wahrheit über die Probleme zu sagen, die künftig das Gesundheitswesen beherrschen werden. „Bis 2060 nimmt die Bevölkerungszahl um 17 Millionen, die nachwachsende Generation um fünf Millionen und die Altersgruppe im erwerbsfähigen Alter ebenfalls um 17 Millionen ab.

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Steigende Lebenserwartung

Die Altersgruppe der über 67-Jährigen nimmt dagegen um fünf Millionen zu. Während heute drei Personen im erwerbsfähigen Alter für eine Person im Rentenalter zur Verfügung stehen, beträgt diese Relation im Jahr 2060 nur noch eins zu eins.“ Die Lebenserwartung könne von 41 Jahren für Jungen und 44 Jahren für Mädchen im Jahr 1900 auf bis zu 88 Jahre für Jungen und 91 Jahre für Mädchen steigen. Die Zahl der Demenzkranken verdoppele sich von 1,1 auf 2,2 Millionen, die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,25 auf 4,5 Millionen. Zwar werde keine Prognose so eintreten, wie dies vorausgesagt werde, dennoch „haben wir eindeutig eine Situation, in der immer weniger Menschen immer mehr alte Menschen zu versorgen haben“, betonte Beske.

Bisher würden diese Probleme weggeschoben und verdrängt. Der Leiter des Kieler Instituts verweist jedoch mahnend auf die Situation im Ausland: „Es muss vermieden werden, was in verschiedenen Ländern Europas aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise und einer hohen Staatsverschuldung beobachtet wird: Kürzungen im Gesundheits- und Sozialbereich in Milliardenhöhe, und dies praktisch über Nacht und ohne Vorwarnung. In Griechenland bekommen Sie zum Beispiel kein Arzneimittel mehr, ohne dafür bar zu bezahlen.“

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender der AOK NordWest, ergänzt, dass die Probleme nicht nur durch den demografischen Wandel, sondern auch durch den medizinischen Fortschritt entstanden seien. Dr. med. Klaus Bittmann, Sprecher des Vorstandes der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein, schlägt zur Lösung der Probleme eine bessere Zusammenarbeit der Heilberufe vor. Auch Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, plädiert für ein solches Bündnis: „Partikularinteressen sollten nicht verhindern, dass Druck auf die Politik ausgeübt wird.“ Und wenn man über die Zukunft der Pflege rede, müsse man auch diejenigen einbeziehen, die die Pflege erbringen, forderte der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus.

Diskussion über Priorisierung

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer in der Forderung einer Priorisierungsdebatte, was letztendlich auch zu Leistungseinschränkungen führen werde. Dr. Rainer Hess, damaliger unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, bezweifelt diese Notwendigkeit zwar nicht. Er äußerte sich dennoch skeptisch. Hess geht davon aus, dass die Politik aktuell nicht in der Lage sein wird, eine Diskussion über Leistungseinschränkungen zu führen: „Der Leistungskatalog ist eine heilige Kuh, an die niemand herangehen will.“

Gisela Klinkhammer

Fritz Beske nimmt Abschied

Foto: Institut für Gesundheits-System-Forschung

Prof. Dr. med. Fritz Beske wurde am 12. Dezember 1922 in Wollin (Pommern) geboren. Trotz widriger Umstände begann Beske 1946 das Studium der Humanmedizin an der Universität Kiel. 1951 wurde er zum Dr. med. promoviert. An der Universität Michigan in Ann Arbor, USA, erwarb er den Abschluss Master of Public Health. Von 1971 bis 1981 bekleidete er das Amt des Staatssekretärs im schleswig-holsteinischen Sozialministerium. Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Staatssekretär widmete sich Beske ganz der wissenschaftlichen Arbeit in dem 1975 von ihm gegründeten Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel. Dieses trägt heute den Namen Fritz-Beske-Institut für Gesundheits-System-Forschung. Beske, Träger der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft, wurde in diesem Jahr mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Zum zwölften Mal veranstaltete das Fritz-Beske-Institut vor kurzem im Rahmen der Kieler Woche eine Podiumsdiskussion. Und die Zahl zwölf habe für ihn eine besondere Bedeutung, berichtete Beske, der seinen Rückzug aus dem Alltagsgeschäft ankündigte. „Am 12.12. feire ich nämlich meinen 90. Geburtstag. Und mit 90 Jahren ist es Zeit, mit dem Arbeiten aufzuhören“, sagte er unter Standing Ovations.

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