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Bluttest auf Down-Syndrom: Es geht um mehr

Dtsch Arztebl 2012; 109(29-30): A-1459 / B-1259 / C-1239

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

Der vom Konstanzer Unternehmen „LifeCodexx“ für diesen Monat angekündigte pränatale Bluttest auf das Down-Syndrom hat die Debatte um die Pränataldiagnostik erneut entfacht. Im Gegensatz zur Amniozentese, die bei einem Prozent der Schwangeren ungewollt eine Fehlgeburt auslöst, müssen beim „PraenaTest“ nur zweimal zehn Milliliter Blut der Mutter untersucht werden, um mit hinreichender Sicherheit festzustellen, ob das ungeborene Kind vom Down-Syndrom betroffen ist. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten der Tests nicht, er soll für etwa 1 200 Euro auf dem deutschen Markt zu haben sein.

„Der Test ist illegal“, erklärte Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Er diene weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken. Dies sei jedoch nach dem Gendiagnostikgesetz für eine vorgeburtliche Untersuchung unerlässlich. „Das Down-Syndrom ist weder therapierbar noch heilbar. Es geht bei diesem Bluttest fast ausschließlich um die Selektion von Menschen mit Down-Syndrom“, sagte Hüppe. Der Behindertenbeauftragte befürchtet, dass durch das neue Verfahren die „Rasterfahndung“ nach Menschen mit Down-Syndrom noch verstärkt werde. Gestützt wird Hüppes Argumentation durch ein jetzt veröffentlichtes Rechtsgutachten des Bonner Juristen Prof. Dr. Ferdinand Gärditz. Er sieht in der Etablierung von „PraenaTest“ nicht nur einen Verstoß gegen das Gendiagnostikgesetz, sondern auch gegen das Diskriminierungsverbot im Grundgesetz sowie gegen das Medizinproduktegesetz.

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Diese Ansicht ist sowohl unter Juristen als auch unter Ärzten umstritten: Ein Teil sieht in dem Test lediglich eine Weiterentwicklung bestehender legaler diagnostischer Verfahren. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, hält es für besser, den neuen Bluttest anzuwenden, als eine mit Risiken behaftete Fruchtwasseruntersuchung vornehmen zu lassen.

Beide Argumentationen sind nachvollziehbar und enthalten eine Wahrheit. Denn das eigentliche Problem ist nicht der Test an sich, der für einige Frauen in der Tat ein Segen sein kann. Ihn könnten mit einem erhöhten Risiko behaftete Mütter übrigens auch relativ problemlos im Ausland machen. Nein, zu diskutieren ist vielmehr die künftige Praxis der Pränataldiagnostik in Deutschland.

Entscheidend wird sein, welchem Druck werdende Eltern ausgesetzt sein werden, Pränataltests, die risikoarm sind, auch durchführen zu lassen. Wesentlich wird dabei sein, ob Ärztinnen und Ärzte jeder Schwangeren unabhängig von ihrem individuellen Risiko raten, sämtliche pränatalen Tests vornehmen zu lassen – einfach nur, um „sicherzugehen“. Und ausschlaggebend wird sein, welche Stellung Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft haben und in welchem Maße es künftig gesellschaftlich anerkannt sein wird, dass Schwangere bewusst auf pränatale Tests verzichten und möglicherweise auch ein behindertes Kind austragen.

Eine Garantie auf ein gesundes Kind gibt es sowieso nicht. Viele Behinderungen von Kindern entstehen durch Komplikationen unter der Geburt, durch spätere Erkrankungen oder Unfälle. Paare müssen sich frei für oder gegen pränatale Tests entscheiden können. Es wäre schlimm, wenn sie nach der Freude über eine Schwangerschaft bald nicht mehr einfach nur „guter Hoffnung“ sein könnten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

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kosmo
am Samstag, 18. August 2012, 00:23

Bluttest gerechtfertigt

„Das Down-Syndrom ist weder therapierbar noch heilbar. Es geht bei diesem Bluttest fast ausschließlich um die Selektion von Menschen mit Down-Syndrom“ - besser kann man das nicht formulieren. Und gerade deshalb ist der Bluttest völlig gerechtfertigt.

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