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Transplantationsskandal in Göttingen: Mehr Transparenz und Kontrolle

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): A-1521 / B-1309 / C-1289

Siegmund-Schultze, Nicola

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

Noch ist kein Gerichtsurteil gesprochen, noch ermittelt die Staatsanwaltschaft: zurzeit gegen zwei Ärzte der Universitätsklinik Göttingen, denen vorgeworfen wird, durch Fälschung von Krankenakten eigenen Patienten einen Vorteil auf der Warteliste für eine Leber verschafft zu haben. Und zwar in großem Stil, sollten sich die derzeitigen Erkenntnisse der Überwachungskommission bei der Bundesärztekammer bestätigen. Bei mehr als 20 Patienten, die an der Abteilung Transplantationschirurgie der Uniklinik eine postmortale Leber erhalten hatten, sind Auffälligkeiten festgestellt worden, darunter zwei, die aus Ländern außerhalb des Eurotransplantbereichs stammen.

Die Akten über die gesamte Zeit, in der der für die Transplantationen verantwortliche Chirurg tätig war, sind noch gar nicht geprüft. Aber schon jetzt erschüttert das Ausmaß, in dem in Göttingen anscheinend manipuliert worden ist, Öffentlichkeit, Ärzteschaft und Politik. Denn Organtransplantation ist für eine Verletzung ethischer Werte extrem störanfällig: Sie ist wie kein anderes Gebiet der Medizin auf die altruistische Einstellung und Akzeptanz der Bevölkerung angewiesen. Die Bereitschaft, Organe zu spenden, ist für die Akzeptanz ein sensibler Messfühler, und sie wird wesentlich davon beeinflusst, inwieweit von Chancengleichheit ausgegangen wird.

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Die „Spitze eines Eisbergs“, wie teilweise in der Öffentlichkeit spekuliert wird, sind die Vorgänge in Göttingen sicher nicht. Dazu sind nicht nur Strukturen und Prozessabläufe in der Transplantationsmedizin schon jetzt zu stark ausgeprägt, sondern auch die Sozialkontrolle der Ärzteschaft. Schwieriger zu beantworten ist derzeit die Frage, inwiefern es sich im Göttinger Fall „nur“ um ein oder zwei schwarze Schafe mit krimineller Energie handelt oder ob es nicht Randbereiche in der Transplantationsmedizin gibt, die ein „schleichendes Hineingehen in dieses Desaster“ begünstigt haben könnten, wie andere meinen. Unter dem hohen Druck, dem sich Transplantationsmediziner durch Organmangel und durch den vielen Schwerkranken drohenden Tod auf der Warteliste ausgesetzt sehen, hätten sich solche Randbereiche ausgebildet in Form einer „für eigene Patienten günstigen Befundung unter Ausschöpfung des medizinisch Machbaren“, sagt ein Arzt. Um Einheitlichkeit zu gewährleisten, wären generelle Prüfungen der Indikation durch von der Transplantation unabhängige Mediziner ebenso denkbar wie unangemeldete stichprobenhafte Audits externer Gutachter. „Es gilt, Strukturen bei der Bundesärztekammer so auszubauen, dass sie Kontrollfunktionen wahrnehmen kann, die durch die gerade in Kraft getretene Novellierung des Transplantationsgesetzes gestärkt wurden“, sagt Prof. Dr. med. Hartmut Schmidt, Universitätsklinik Münster.

Normverletzungen sollten offengelegt werden und absichtliche Verstöße gegen Regeln erkennbare Konsequenzen haben. Schließlich wäre es sinnvoll, teilweise schwierige, immer wieder kontrovers diskutierte Aspekte transparent zu machen wie die Frage, welche Zentren wie viele Patienten aus einem Land außerhalb von Eurotransplant auf die Warteliste aufnehmen. Wenn Behandlungen durch Kooperationsverträge mit den Herkunftsländern abgesichert und mit einer Reziprozität verbunden wären, also einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen der Zahl transplantierter Patienten und den an Eurotransplant vermittelten Spenderorganen, könnte sich die Akzeptanz innerhalb und außerhalb der Ärzteschaft erhöhen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

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