Leere Kassen: In Ungarn erhalten die Eltern von Neugeborenen eine lange Liste mit den Dingen, die sie mitbringen müssen in die Klinik: Windeln, Wundheilsalbe, Watte etc. Foto: picture alliance, Fotolia/Michanolimi [m]
Eine ungarische Kinderneurologin hatte die Nase voll von der Versorgungssituation in ihrer Heimat und praktiziert heute in Erlangen.
Als Dr. Erzsébet Vörös* nach Erlangen kam, konnte sie erst einmal gar nicht glauben, was sie sah. Auf der Kinderstation des zehn Jahre alten Krankenhauses gab es nur Zweibettzimmer, Rooming-in der Eltern ist dort übliche Praxis. Die 20-Betten-Kinderstation im Erlanger Krankenhaus hat ein Spielzimmer und einen eigenen Spielplatz. Von einer derartigen Ausstattung und Betreuung konnte Vörös in ihrer ungarischen Klinik nur träumen. Und auch von der Bezahlung: Schon vor der Anerkennung ihrer Facharztqualifikation verdient sie knapp 4 500 Euro brutto im Monat; wenn ihre Aus- und Weiterbildung erst einmal in vollem Umfang anerkannt ist, steigt das Gehalt auf 6 500 Euro. Das ist fünfmal so viel, wie sie als erfahrene Fachärztin in Ungarn verdient.
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Als Vörös 1986 in einem kleinen Krankenhaus in der Nähe von Budapest ins Berufsleben startete, betrug ihr Einstiegsgehalt 4 100 Forint im Monat. Damals reichte das nicht einmal für den großen Nelson, die englischsprachige „Bibel“ der Kinderheilkunde, die 4 800 Forint kostete. Anders als die meisten Kollegen bekam sie nie „Trinkgeld“, wie das bei Ärzten anderer Fachgebiete üblich ist.
Zu Beginn ihrer klinischen Tätigkeit wurde die junge Ärztin gleich ins kalte Wasser geworfen. Sie hatte Krupp, Arznei- und Lebensmittelvergiftungen zu behandeln oder mal ein drei- oder vierjähriges Kind, das sich in einem Weinkeller bis zur schweren Trunkenheit abgefüllt hatte. Sie musste ein 600 Gramm schweres Frühchen mit dem Ambubeutel beatmen, während sie es mit ihrem Team in einem klapprigen polnischen Nysa-Minibus in eine Klinik in Budapest brachte. Sie lernte die Durchführung von Pleura- und Lumbalpunktionen ebenso wie die damals übliche Druckentlastung bei Hydrozephalus mittels kranieller Punktion. Und sie hängte Säuglingen Riesenkanülen für Infusionen an, weil es damals im Krankenhaus keine Flügelkanülen, geschweige denn Braunülen gab.
Nach zweieinhalb Jahren kehrte sie in die ungarische Hauptstadt zurück und arbeitete 15 Jahre lang auf einer Frühgeborenenintensivstation der dortigen Universitätsklinik. Wenn sie sagt, „Ich habe meine Arbeit geliebt“, muss man es ihr glauben. Im Nachhinein ist ihr bewusst, dass dies ihre große Zeit war. Damals kamen zeitgerechte Beatmungsgeräte, neue Laborverfahren und der Ultraschall auf den Markt. Sie legte drei Fachprüfungen ab: erst in allgemeiner Kinderheilkunde, danach in Neonatologie und später in Kinderneurologie.
Als ihre Tochter auf die Welt kam, wurde ihr die Arbeit auf der Intensivstation zu viel, und sie wechselte auf die Neugeborenenstation eines anderen großen Budapester Krankenhauses. Die letzten sieben Jahre in Ungarn hat sie dort gearbeitet. Ihr Bruttogehalt betrug 300 000 Forint, umgerechnet etwa 1 000 Euro. Auf dieses Gehalt kam sie nur, weil sie neben ihrer regulären Arbeit eine Kollegin vertrat, die gerade im Mutterschutz war.
Zusätzlich arbeitete sie aber auch an der Universitätsklinik weiter und betreute dort die Nachsorge in der neurologischen Entwicklung von Frühgeborenen. Ursprünglich zweimal, zuletzt aber nur noch an einem Tag in der Woche, da ihre Stundenzahl aus finanziellen Gründen auf die Hälfte gekürzt wurde. Für die 16 Stunden, die sie im Monat in der kinderneurologischen Nachsorge arbeitete, bekam sie 45 000 Forint – gerade einmal 150 Euro. Außerdem übernahm sie im ganzen Land als selbstständige Leasingärztin Bereitschaftsdienste auf Neugeborenenstationen. Dafür bekam sie 2 000 bis 4 000 Forint, also zwischen 6,50 und gut 13 Euro pro Stunde; für telefonischen Bereitschaftsdienst gab es 1 000 Forint je Stunde, etwas mehr als drei Euro.
In dem Budapester Krankenhaus wurde die Lage immer aussichtsloser. Manchmal konnte Vörös den Neugeborenen ihren Vorsorgepass für die kinderärztlichen Untersuchungen nicht ausstellen, weil das Krankenhaus gerade kein Geld hatte. Mittlerweise war es so, dass Eltern eine lange Liste mit den Dingen bekamen, die sie selbst für ihre Kinder ins Krankenhaus mitbringen mussten, weil es sie in ungarischen Krankenhäusern nicht mehr gab: Windeln, Wundheilsalbe, Watte etc. Anfangs war das Vörös und ihren Kollegen sehr unangenehm, aber mit der Zeit gewöhnten sie sich daran.
Inzwischen hatte die engagierte Kinderärztin aber endgültig die Nase voll von den schlechten Bedingungen in ihrem Heimatland. Sie bewarb sich im Internet bei einem Arbeitsvermittler für einen Job im Ausland. Nach nur einem Monat lud sie das Krankenhaus in Erlangen zum Bewerbungsgespräch ein. Sie hatte Glück, der Abteilungsleiter stellte sie spontan ein. Monatelang büffelte sie Tag und Nacht für die Sprachprüfung, die zur Anerkennung ihrer Approbation erforderlich ist. Die Behörden verlangen unendlich viele Papiere, den sogenannten Konformitätsnachweis eingeschlossen, der die Gleichwertigkeit von berufsqualifizierenden Abschlüssen innerhalb der Europäischen Union bescheinigt. Allein die ganzen Papiere und Übersetzungen haben sie bis jetzt fast 350 Euro gekostet, für den Rest kommt noch einmal mindestens genauso viel auf sie zu.
Diese Ausgaben nimmt sie allerdings für ihr neues Leben gern in Kauf. Immerhin 4 500 Euro verdient sie jetzt bereits in der Probezeit; sind ihre Facharztzeugnisse erst einmal offiziell anerkannt, bekommt sie ein Bruttogehalt von 6 300 Euro. Aber der gute Verdienst ist nur das eine. Wichtiger noch: In dem kleinen deutschen Krankenhaus hat Vörös Ruhe und Frieden gefunden. Hier stößt sie auf ausgeglichenere Ärzte und Krankenschwestern – anders als in Budapest, wo sie nur mit erschöpften, überforderten und ausgebrannten Kollegen zusammenarbeiten musste. Dabei gilt die 20-Betten-Kinderstation in Erlangen mit sieben Ärzten als unterbesetzt, die Klinik sucht noch mehr Kinderärzte. In Ungarn müssten drei Ärzte die Stationsarbeit meistern.
Ihre ungarischen Kollegen bedauern, dass die beliebte Kinderneurologin weggegangen ist. Einige überlegen, es ihr nachtzutun. Auch einige Pflegekräfte sind auf dem Sprung. Zwei kümmern sich bereits um die benötigten Papiere, um im Ausland arbeiten zu können. Die Pflegekräfte ackern in Ungarn für 80 000 Forint im Monat (280 Euro) einschließlich der Schichtzulage, wobei die Spätschichtzulage gerade gestrichen wurde.
Vörös plant langfristig und möchte zehn bis 15 Jahre, vielleicht sogar bis zu ihrer Berentung, in Deutschland bleiben. Sorgen bereitet ihr vor allem, dass sie sich seit Jahren nicht mehr mit allgemeiner Kinderheilkunde befasst hat. Außerdem hat sie Angst vor der Sprache. Nicht zuletzt wegen ihres Kindes bereut sie aber auch, diesen Schritt nicht schon früher getan zu haben. Ihr Sohn wird mit Leichtigkeit Deutsch und später Englisch lernen und sich den neuen Lebensstil aneignen. Und sie werden mehr Zeit miteinander verbringen können als in Ungarn.
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