MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Freiheitseinschränkende Massnahmen in der Pflege: Weniger Gitter und Gurte ohne höhere Risiken möglich

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): A-1557 / B-1341 / C-1317

Siegmund-Schultze, Nicola

Obwohl freiheitseinschränkende Maßnahmen (FEM) in der Pflege ethisch umstritten und rechtlich als letztes Mittel der Wahl vorgesehen sind, sind Einschränkungen durch Bettgitter, feste Tische an Stühlen oder mit Gurten keine Seltenheit, auch in Deutschland. In den USA wird die Prävalenz auf mindestens 20 % geschätzt. Gesundheitswissenschaftler der Universität Hamburg haben gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Klinische Pflegeforschung der Universität Witten/
Herdecke untersucht, ob sich durch ein leitliniengestütztes Schulungsprogramm die Rate der FEM reduzieren lässt, ohne das Risiko für Stürze und Frakturen zu erhöhen.

36 Pflegeheime wurden 1 : 1 in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe randomisiert. Die Einrichtungen hatten angegeben, dass bei mindestens 20 % der Bewohner FEM vorgenommen würden. Die Zahl der Bewohner in den beteiligten Heimen variierte im Beobachtungszeitraum von 6 Monaten zwischen 3 701 und 3 670. In Bezug auf Alter, Geschlecht, Behinderung und Anwendung von FEM (31,5  % Interventions-, 30,6 % Kontrollarm) waren die Gruppen vergleichbar. Externe Untersucher hatten das Vorliegen von FEM zum Ausgangszeitpunkt bewertet und besuchten die 678 Bewohner mit FEM erneut unangekündigt nach 3 und 6 Monaten. In der Interventionsgruppe wurden alle Pflegekräfte nach einer neuen Leitlinie (www.leitlinie-fem.de) geschult, die auf Basis internationaler Empfehlungen und systematischer Literaturrecherche in einem multidisziplinären Team mit Beteiligung aller relevanten Gruppen erarbeitet worden war. Außerdem wurden FEM-Beauftragte benannt und Informationsmaterialien für Bewohner, Angehörige, gesetzliche Betreuer und Pflegekräfte bereitgestellt. Die Kontrollgruppe erhielt kurze schriftliche und mündliche Informationen über FEM.

Nach 6 Monaten war die Anzahl der Bewohner mit FEM in den Interventionsheimen auf 22,6 % gesunken, in der Kontrollgruppe blieb sie mit 29,1 % fast unverändert, eine statistisch signifikante Differenz zwischen den Gruppen von 6,5 %. Im Interventionsarm wurden alle Arten von FEM reduziert. Der Vergleich mit Pflegeheimen der Kontrollgruppe ergab weder eine Zunahme von Stürzen ( tendenziell sogar weniger Stürze und Frakturen), noch vermehrte Verordnungen von Psychopharmaka.

Fazit: Das Studienergebnis belegt nach Meinung der Autoren, dass es unter den finanziellen und personellen Bedingungen der Pflegeheime möglich ist, freiheitseinschränkende Maßnahmen sicher zu reduzieren. Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Köpke S, Mühlhauser I, Gerlach A, et al.: Effect of a guideline-based multicomponent intervention on use of physical restraints in nursing homes. A randomized controlled trial. JAMA 2012; 307: 2177–84.

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