POLITIK

Transplantationsskandal: „Kein systemisches Versagen“

Dtsch Arztebl 2012; 109(33-34): A-1676 / B-1360 / C-1340

Richter-Kuhlmann, Eva A.; Siegmund-Schultze, Nicola

Sie wollen bedingungslos aufklären und Regeln ändern: Georg Baum, Frank Ulrich Montgomery und Hans Lilie (v.l.). Fotos: dpa

Ärzte, Kliniken, Kassen und Politik ziehen Konsequenzen aus dem Skandal um gefälschte Daten bei Organempfängern: mehr Transparenz und schärfere Kontrollen. Aber auch bestimmte Regeln zur Organverteilung kommen auf den Prüfstand.

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um Leben oder Tod. Organspende und Transplantation stehen im öffentlichen Interesse ganz oben. Kein Wunder also, dass der große Sitzungssaal der Bundesärztekammer (BÄK) in Berlin am 9. August mit Pressevertretern gefüllt war wie selten. Mit Spannung erwarteten sie die Ergebnisse des Spitzengesprächs der BÄK mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und den Prüf- und Überwachungskommissionen von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen.

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Anlass zu dem Krisentreffen waren die zuvor bekanntgewordenen Vorgänge in der Transplantationsmedizin (DÄ, Heft 31–32/2012). Ärzten der Universitätskliniken Göttingen und Regensburg wird vorgeworfen, Krankenakten gefälscht zu haben, damit ihre Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan nach oben rutschen. Der Skandal hatte den Eindruck in der Bevölkerung erweckt, das gesamte Transplantationssystem sei manipulationsanfällig. Dabei gibt es offenbar nur wenige „schwarze Schafe“, die versuchen, die konkreten Regeln für die Zuteilung der Organe, die in den Richtlinien der BÄK verankert sind, zu umgehen. So habe es bei 30 000 Organtransplantationen seit Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes Ende der 90er Jahre nur in 20 Fällen einen gemeldeten Verdacht auf Fehlverhalten gegeben, bestätigte Prof. Dr. jur. Hans Lilie, Strafrechtler an der Universität Halle und Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation.

Treffen mit dem Minister

Der Schaden, den die jüngsten Manipulationen angerichtet haben, ist trotzdem immens. Die BÄK will deshalb nun durch noch mehr Transparenz und schärfere Kontrollen das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen. „Wir haben uns dazu auf ein Maßnahmenbündel verständigt, das wir am 27. August bei einem Spitzentreffen mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr diskutieren wollen“, erklärte BÄK-Präsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „Es liegt kein systemisches Versagen vor“, betonte auch DKG-Geschäftsführer Georg Baum. Die Beratungen hätten jedoch verdeutlicht, dass die Richtlinien überarbeitet werden müssten.

Im

Das Medieninteresse an den Ergebnissen des Krisentreffens war riesig.
Einzelnen solle künftig nach dem Mehraugenprinzip geprüft werden, welche Patienten zur Organzuteilung gemeldet werden, sagte Montgomery. Das bedeutet: Ärzte, die nicht in die Transplantation involviert sind, wie beispielsweise Labormediziner, sollen die Daten nochmals kontrollieren. Interdisziplinäre Transplantationskonferenzen in den Zentren sollen obligatorisch werden.

Die Vorschläge zur Änderung der Richtlinien sollen in der nächsten Sitzung der Kommission im September diskutiert werden und könnten dann gegebenenfalls unmittelbar nach der Zustimmung durch den Vorstand der BÄK im Herbst in Kraft treten, erläuterte Lilie. Zu diesen Vorschlägen gehören ferner verdachtsunabhängige, flächendeckende Kontrollen. Zudem forderte Montgomery eine engere Zusammenarbeit von Behörden und Ärzteschaft.

Pläne, der BÄK die Aufsicht zu entziehen, wies der Präsident jedoch zurück: In Regensburg habe die staatliche Ebene versagt, sagte er. Von der Ärztekammer seien die Verstöße gegen das Transplantationsgesetz benannt worden, sie selbst habe keine Möglichkeit gehabt, diese zu ahnden. Künftig brauche man eine „polizeiähnliche“ Kompetenz, forderte deshalb Montgomery. Der Staat wiederum brauche den Sachverstand der Transplantationsmediziner. Es bringe nichts, einen künstlichen Konflikt zwischen Selbstverwaltung und Staat zu konstruieren. „Wir müssen zusammenarbeiten“, betonte er.

Bald härtere Konsequenzen

„Bei nachgewiesenem schwerem ärztlichen Fehlverhalten ist das Ruhen oder der Entzug der Approbation von den jeweils zuständigen Institutionen anzuordnen“, erklärte Montgomery weiter. Als letzte Konsequenz müsse im Falle von Fehlverhalten auch die vorübergehende oder dauerhafte Schließung von Transplantationsprogrammen durch die jeweils zuständigen Institutionen möglich sein. Um die Vorgänge in den Transplantationszentren Göttingen und Regensburg umfassend aufzuklären, soll die Arbeit der Kontrollgremien durch Sonderprüfer verstärkt werden.

Aber auch das – regelkonforme – beschleunigte Vermittlungsverfahren stehe in der Kritik: Es werde zu häufig angewendet und unterminiere das gesetzlich verankerte Prinzip der Chancengleichheit. „Das beschleunigte Vermittlungsverfahren von Organen ist von den Krankenkassen, dem Bundesverband der Krankenhausträger und der Bundesärztekammer so gewollt, um die vorhandenen Organe bestmöglich zu nutzen“, sagte Montgomery. „Es gibt nachgewiesene medizinische Gründe für diese Ausnahmeregelungen bei der Organvergabe“, betonte er. Das Verfahren werde aber nochmals genau unter die Lupe genommen. „Der Sonderfall darf nicht zur Regel werden.“ Es fänden dazu bereits Beratungen in der Ständigen Kommission Organtransplantation statt.

Das beschleunigte Vermittlungsverfahren ist stärker zentrumsorientiert als das Standard- oder das modifizierte Vermittlungsverfahren. Es kommt immer dann zur Anwendung, wenn Organe über die ersten beiden Vergabemodi nicht zugeteilt werden können: wegen Funktionseinbußen oder Vorerkrankungen des Spenders. Eine exakte Definition schwer vermittelbarer Organe sei nicht möglich, heißt es in den BÄK-Richtlinien. Genannt werden aber Malignome in der Anamnese des Spenders, Drogenabhängigkeit, Virushepatitis, Sepsis mit positiver Blutkultur und Meningitis. Die Vermittlungsstelle bietet solche Organe im modifizierten Verfahren patientengerichtet jenen Zentren an, für die sie nach Patienten- und Zentrumsprofil infrage kommen.

Droht aus logistischen Gründen ein Organverlust oder lehnen drei Zentren das Angebot von Herz, Lunge, Pankreas oder einer Leber ab oder fünf Zentren eine Niere, folgt dann das beschleunigte Verfahren: Organe werden primär benachbarten Zentren angeboten: Sie erhalten eine Liste potenzieller Empfänger und wählen selbst den in der Reihenfolge am besten geeigneten Patienten.

Nach Ansicht der Kritiker lassen sich diese Entscheidungen schwerer objektivieren als die patientenzentrierte Vergabe von Organen, und sie wecken immer wieder Zweifel an der Fairness. So wird mit Argwohn betrachtet, dass in den letzten Jahren häufiger Organe nach dem beschleunigten Verfahren zugeteilt wurden: 2011 waren es 22 Prozent der Herzen (2002: 8,4 Prozent), fast 29 Prozent der Lungen (2002: 10,6 Prozent), 38,5 Prozent der Lebern (2002: 9,1 Prozent) und 47,4 Prozent der Pankreata (2002: 6,3 Prozent).

Als Gründe für die rasante Zunahme der im beschleunigten Verfahren allozierten Organe nennen die BÄK und die Vermittlungsstelle Eurotransplant einen Anstieg des durchschnittlichen Spenderalters. Zum Beispiel sei das Alter bei den Leberspendern von 25 Jahren im Jahr 1990 auf 53 Jahre im Jahr 2010 gestiegen. Aber auch der Anteil derer, die mindestens eines der leberspezifischen erweiterten Spenderkriterien nach den Richtlinien der BÄK erfüllen, erhöhte sich.

Ergebnisregister gefordert

„Die klinische Relevanz erweiterter Spenderkriterien bei der Leber und dabei besonders die Frage, welche Spender-Empfänger-Kombinationen vermieden werden sollten, ist für Deutschland völlig ungenügend evaluiert“, sagte Prof. Dr. med. Günter Kirste, Medizinischer Direktor der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zum Deutschen Ärzteblatt. Eine unter Federführung der DSO publizierte Studie an 2 095 deutschen Leberempfängern hatte nach einer Cox-Regressionsanalyse nur für das Spenderalter, nicht aber die übrigen erweiterten Kriterien ein erhöhtes Risiko für Tod des Empfängers oder Organverlust ergeben (Transplantation 92; 2011: 1378–84). Durch eine Modifikation der erweiterten Spenderkriterien könnte möglicherweise die Zahl der Organe nach Ausnahmeregeln gesenkt werden. „Wir brauchen flächendeckende Register für Transplantationsergebnisse, um vergleichbar den USA Spender- und Empfängerrisiken realistisch abzuschätzen“, sagte Kirste.

Der Bundesgesundheitsminister begrüßte die Vorschläge von Ärzten, Kliniken und Kassen. „Das Vertrauen in die Organspende und die Verfahren bei der Vermittlung müssen wieder hergestellt werden. Das gelingt uns nur gemeinsam“, erklärte er. Rufen nach einer Organvergabe durch staatliche Stellen erteilte er eine Absage. Allerdings soll sich auch die DSO „einer kritischen Prüfung“ unterziehen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Leserkommentare

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stundenbuch
am Montag, 27. August 2012, 09:21

Pfeifen im Wald und Beschönigung

beim nächsten Skandal werden wieder alle nichts gewußt haben.....
klausenwächter
am Sonntag, 26. August 2012, 20:02

Es gibt mehr anhängige Verfahren als Meldungen!

Wenn Fehlverhalten nur in 20 Fällen von 30.000 Transplantationen gemeldet worden ist, so muß nach den Bedingungen dieser niedrigen Anzeigerate gefahndet werden. Die Anzahl der anhängigen Verfahren von strafrechtlich eingeordneten Anzeigen ist größer als die reportierten Meldungen.
bach
am Freitag, 24. August 2012, 16:04

Die BÄK hatte schon in Regensburg 2005 versagt,

denn der damals bekannt gewordene schwere Verstoß des Transplantationsmediziners wurde nicht geahndet, obwohl es die Möglichkeit laut Montgomery gab:
"Bei nachgewiesenem schwerem ärztlichen Fehlverhalten ist das Ruhen oder der Entzug der Approbation von den jeweils zuständigen Institutionen anzuordnen“

Stattdessen konnte der Arzt in Regensburg weiter arbeiten und ab 10/2008 in Göttingen das Lebertransplantationsprogramm leiten. Nur ein Einzelfall?
Wieviele Mitwisser es gab, muss nun die Staatsanwaltschaft klären.

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