VARIA: Feuilleton
Bernhard-Hoetger-Ausstellung: Gänsemarsch der Stile
Dtsch Arztebl 1998; 95(36): A-2102 / B-1783 / C-1678


Eine großangelegte Retrospektive trägt dazu bei, den westfälischen Künstler
neu zu entdecken und sich ein Bild von seiner Vielfältigkeit zu machen.
Die Tänze beeindruckten die Zeitgenossen über alle Maßen. Wenn sie nackt, nur mit hauchdünnen Schleiern
bedeckt, über die Bühne wirbelte, verselbständigten sich die Stoffbahnen zu Ornamentgebilden. Die
"Serpentinentänzerin" Loie Fuller war das Symbol ihrer Zeit - des Jugendstils. Als der deutsche Künstler
Bernhard Hoetger 1900 die Pariser Weltausstellung besuchte, war auch er beeindruckt von der Kunst Loie
Fullers und überwältigt vom künstlerischen Klima der französischen Metropole. Inspiriert vom skulpturalen
Werk Auguste Rodins, entschied er sich, in Paris zu bleiben.
Die nächsten zehn Jahre schuf er dort Skulpturen,
in denen er diese künstlerischen Eindrücke verarbeitete. Während seiner Pariser Zeit besuchte der Wuppertaler
Bankier und Kunstsammler Baron August von der Heydt den Künstler und kaufte eine Marmorstatue, den
"Elberfelder Torso", der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Der Mäzen beauftragte den jungen Künstler mit
seinem ersten großen Auftrag, dem "Gerechtigkeitsbrunnen" auf dem Exerzierplatz in Elberfeld. Für diesen
Auftrag kehrte Hoetger Paris den Rücken und ging nach Wuppertal.
Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal widmete nun dem gebürtigen Westfalen (geboren 1874 in Hörde)
eine großangelegte Retrospektive. Hoetgers Werk umfaßt alle Bereiche der Bildenden Kunst: Bildhauerei,
Architektur und Kunstgewerbe; zudem war er Zeichner und Maler. Seine frühe Formensprache war geprägt von
einer weichen, beinah skizzenhaften Pinselführung und einer starken raumeinnehmenden Bewegung der
Skulpturen, angelehnt an seine Vorbilder Rodin und Constantin Meunier. Doch noch während der Pariser Jahre
wandte sich Hoetgers Bildhauerei stilisierten Köpfen und Formen mit glatter Oberfläche und klarem
symmetrischen Aufbau zu, wie beispielsweise in dem Porträt "Kopf der jungen Frau" von 1913 oder der
hinreißend eleganten Büste der Tänzerin Sent M’Ahesa.
Hoetgers Werk zeigt ein breites Spektrum an Ausdrucksformen und Stilformen. Die Veränderungen in seinem
Werk führten Berliner Kunstkritiker bereits Anfang des Jahrhunderts zu dem Urteil, Hoetger sei ein talentierter
Eklektiker, ein Bildhauer, der gekonnt verschiedene Stile kombiniere, ohne je seinen eigenen Stil zu finden. Der
Gang durch seine Ausstellung verdeutlicht diesen "Gänsemarsch der Stile". Hoetgers künstlerische Vielfalt war
eng verbunden mit den Aufträgen, die er ausführte, und mit ihren Auftraggebern; das waren vor allem Hermann
Bahlsen in Hannover und der Kaffeehändler Ludwig Roselius in Bremen. Für den Keksfabrikanten Bahlsen
plante er Arbeits- und Wohnstätten für die Arbeiter seiner Keksfabrik. In Bremen gestaltete Hoetger für Ludwig
Roselius, seinen wichtigsten Auftraggeber und Freund, einige Neubauten in der Boettcherstraße (1926/27 bis
1931).
Als Hoetger trotz vorhandener Sympathien für die Nationalsozialisten 1938 wegen abweichender
Kunstauffassung aus der NSDAP ausgeschlossen wurde, klagte er vergeblich auf Wiederaufnahme. Sein
plastisches Werk paßte sich formal und inhaltlich weitgehend dem Geschmack der Nationalsozialisten an.
Wechsel und Brüche im Werk Hoetgers werden begleitet von seinen biographischen und inhaltlichen
Lebensveränderungen. Die Bekanntheit, die ein Zeitzeuge dem deutschen Künstler in Paris am Anfang dieses
Jahrhunderts bezeugte, hat Hoetger später nie mehr erlangen können. Christiane Hoffmanns
Die Bernhard-Hoetger-Ausstellung war in Wuppertal, Von der Heydt-Museum, bis 23. August zu sehen. Sie
wird in Berlin, Georg Kolbe Museum, bis 25. Oktober und in Darmstadt, Institut Mathildenhöhe, vom 21.
November bis 11. April 1999 gezeigt.
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