POLITIK

Ambulante Palliativversorgung: Eine umfassende Versorgung

Dtsch Arztebl 2012; 109(35-36): A-1746

Klinkhammer, Gisela

In vier von fünf Fällen ist der Wunsch „zu Hause bleiben zu können“ erfüllbar. Das ist eines der Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Analyse in Bayern.

Todkranke sollen am Lebensende von spezialisierten Arzt-Pflege-Teams zu Hause versorgt werden können. Das ist der Kerngedanke der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV). In den Jahren 2010/2011 untersuchte ein multidisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Werner Schneider in enger Kooperation mit bayerischen SAPV-Diensten beziehungsweise Palliativteams erstmalig in Deutschland diese neue Versorgungsform aus einer umfassenden sozialwissenschaftlichen Perspektive.

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Viele Tumorpatienten

Die Studie wurde vor kurzem in Nürnberg vorgestellt. Ein wichtiges Ergebnis sei, dass SAPV neben der Kontrolle körperlicher Symptomatik eine umfassende Versorgung und Betreuung in der existenziellen Krisensituation am Lebensende enthalten müsse. Außerdem sei neben der körperlichen Symptomkontrolle auch „das Aufrechterhalten von gewohnten Alltagsroutinen und -ritualen trotz fortschreitender Krankheit“ ein weiteres wichtiges Ziel der SAPV. Für die Patienten und Angehörigen bedeutete das, dass sie trotz gravierender krankheitsbedingter körperlicher und psychosozialer Beeinträchtigungen ihren häuslichen Gewohnheiten so weit wie möglich nachgehen könnten und dass weiterhin eine Art Alltag sichergestellt werde.

60 qualitative Interviews mit Patienten und Angehörigen sowie die Auswertung von knapp 1 500 Patientenbogen haben gezeigt: Im Unterschied zur allgemeinen Sterbestatistik unter SAPV sterben überdurchschnittlich viele Tumorkranke. SAPV ermöglicht ein Sterben zu Hause auch für Patienten, deren Krankheits- und Lebenssituation durch komplexe Symptome und Probleme gekennzeichnet ist. In mehr als 80 Prozent der Fälle konnte dem Wunsch, „zu Hause bleiben zu können“, entsprochen werden. Schneider et al. betonten jedoch: „Der Sterbeort für sich genommen ist noch kein Qualitätskriterium für SAPV, geht es aus Sicht der Patienten und Angehörigen doch weniger um das konkrete ,Zu-Hause-Sterben‘ als vielmehr darum, möglichst lange und von Leiden uneingeschränkt ,zu Hause bleiben zu können‘.“ Drei Viertel der SAPV-Verordnungen sind der Studie zufolge Teilversorgungen; Beratung und Koordination machen knapp ein Fünftel der Verordnungen aus. 97 Prozent der SAPV-Fälle kommen ohne Notarzteinsatz aus, für 84 Prozent der Betreuungen sind keine Klinikaufenthalte dokumentiert.

Auf der Grundlage dieser ersten Studie werden von Schneider und seinen Kooperationspartnern, dem bayerischen Gesundheitsministerium und der Paula-Kubitscheck-Vogel-Stiftung, in einer weiteren Studie die Struktur -und Prozesseffekte der SAPV in Bayern untersucht. Der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer und Vizepräsident der Bundesärztekammer, Dr. med. Max Kaplan, wies anlässlich der Vorstellung des Projekts darauf hin, dass die zunehmende Ökonomisierung in der Medizin zu großen Problemen in der Palliativversorgung führen könne. Notwendig sei deshalb der Teamgedanke. „Und auch der Hausarzt gehört mit zum Team“, betonte Kaplan.

Gisela Klinkhammer

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