POLITIK

Leitlinien: Noch bestehende Vorbehalte abbauen

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1798 / B-1462 / C-1438

Meißner, Marc; Gerst, Thomas

Vor zehn Jahren war das Guidelines International Network gegründet worden, um für die Förderung und Verbreitung evidenzbasierter Leitlinien zu sorgen. Auf einer Tagung zog man Bilanz und diskutierte über die Aufgaben der nächsten Jahre.

Medizinische Versorgungsleitlinien sind unverzichtbar für den Wissenstransfer aus der Forschung in die alltägliche medizinische Versorgung. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Günter Ollenschläger will sie nicht als verbindliche Handlungsanweisungen missverstanden sehen; anlässlich der Konferenz von Guidelines International Network (G-I-N) Ende August in Berlin betonte der Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), dass Leitlinien vielmehr einen Handlungskorridor für die individuelle Patientenversorgung vorgeben würden.

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Aufgaben für das nächste Jahrzehnt

Gastgeber der Konferenz unter dem Leitmotiv „Global Evidence – International Diversity“ waren das ÄZQ und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Vor zehn Jahren war G-I-N gegründet worden, um für die Förderung und Verbreitung evidenzbasierter Leitlinien zu sorgen. Ollenschläger sprach zur Konferenzeröffnung von einer Erfolgsgeschichte, die schon darin zum Ausdruck komme, dass G-I-N heute 86 Organisationen aus 36 Ländern angehörten. G-I-N sei mittlerweile das anerkannte Diskussionsforum, wenn es um Versorgungsleitlinien gehe. Mit Blick auf die deutsche Versorgungslandschaft entwarf Ollenschläger das Aufgabenspektrum für die kommenden Jahre:

  • Immer noch bestehende Vorbehalte gegen evidenzbasierte Leitlinien müssten abgebaut werden, um den Wissenstransfer aus der Forschung in das medizinische Versorgungsgeschehen erfolgreich umzusetzen.
  • Notwendig seien mehr Forschungen dazu, wie sich die Anwendung von Leitlinien tatsächlich auf die Behandlungsergebnisse auswirkten.
  • Schließlich – sagte der ÄZQ-Leiter – müsse eine dauerhafte industrieunabhängige Finanzierung der Leitlinienarbeit sichergestellt werden. Gesundheitspolitik, Selbsthilfegruppen oder auch Krankenkassen würden zunehmend nach hochwertigen medizinischen Leitlinien verlangen, öffentliche Mittel würden dafür aber kaum bereitgestellt. Dies müsse sich ändern.

Prof. Dr. med. Ina Kopp wies als Vertreterin der AWMF auf einen weiteren Schwerpunkt der künftigen Arbeit von G-I-N hin, der bereits im Leitmotiv dieser Konferenz anklang. Auf internationaler Ebene gehe es darum, in abgestimmten Verfahren und ohne Ressourcen zu verschwenden für einen möglichst einheitlichen Wissenstransfer in das Versorgungsgeschehen zu sorgen und gleichzeitig den Unterschieden in den Ländern gerecht zu werden.

Diskussion über die Umsetzung von Leitlinien

Im Vorfeld der G-I-N-Konferenz fand ein Symposium „Leitlinien und Qualitätsförderung“ statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Podiumsdiskussion mit Entscheidungsträgern aus Wissenschaft, Politik und Selbstverwaltung zum Thema: „Leitlinien: Hoffnungsträger für das Deutsche Gesundheitssystem?“ Mangelnde Zeit und fehlende Strukturen seien die größten Probleme bei der Umsetzung von Leitlinien im Praxisalltag – so die Meinung der Podiumsteilnehmer.

„Wenn Sie sich die zehn Nationalen Versorgungsleitlinien anschauen, dann sind das mehr als 1 000 Seiten. Die muss ein Arzt erst mal lesen und dann auch noch in seinen Praxisalltag integrieren“, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery.

Bereits im Studium lernen, mit Leitlinien umzugehen

Dr. med. Monika Mund von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sprach sich für alltagstaugliche Leitlinienempfehlungen aus. „Es ist nicht damit getan, dass ich einem multimorbiden Patienten fünf leitliniengerechte Medikamente verschreibe. Ich muss ihn auch motivieren, diese regelmäßig zu nehmen.“ In den Praxen müssten auch entsprechende Strukturen vorhanden sein. Ein regelmäßiger Austausch der Ärzte über den praxisnahen Umgang mit Leitlinien sei deshalb notwendig. „Dazu müssen wir ihnen aber die Freiräume schaffen“, sagte Mund. „Mehr als 80 000 Ärzte nehmen an Qualitätszirkeln teil. Diese müssen auch entsprechend organisiert und bezahlt werden.“

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften bietet derzeit mehr als 700 Leitlinien an. Wie diese interpretiert und umgesetzt werden könnten, lernten Ärzte jedoch in ihrer Aus- und Weiterbildung nicht, stellte Prof. Dr. med. Martin R. Fischer, Vorsitzender der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung, fest: „Was fehlt, ist eine wissenschaftliche Ausbildung der Studenten.“ Doch bestehe nicht nur ein Problem dabei, das Wissen zu vermitteln. „Wir wissen auch nicht genau, was von den Leitlinien in der Versorgung ankommt.“ Hierzu sei verstärkt Versorgungsforschung notwendig, betonte Fischer.

Dr. rer. nat. Marc Meißner, Thomas Gerst

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