THEMEN DER ZEIT

Psychiatrie: Heroische Therapien, ausgelieferte Patienten

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1868 / B-1512 / C-1484

Jachertz, Norbert

Ausschnitte aus einem Lehrfilm von 1917: Max Nonne suggeriert einem traumatisierten Soldaten unter Hypnose, nicht zittern zu müssen.

Beim „therapeutischen Aufbruch“ zwischen den beiden Weltkriegen setzten sich riskante Schocktherapien weit stärker durch als psychotherapeutische Verfahren. Im In- und Ausland. Weshalb aber kam es in Deutschland zu einer weiteren Radikalisierung? Die Psychiater sind dabei, die jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die „Kriegszitterer“, die im Ersten Weltkrieg in großer Zahl auftraten, wurden mit der Kaufmann-Kur, benannt nach einem Psychiater aus Mannheim, so lange malträtiert, bis sie aufhörten zu zittern und wieder „frontfähig“ waren. Die „Kur“ bestand aus Stromstößen, die in die zitternden Gliedmaßen oder in besonders schmerzempfindliche Körperpartien wie Hoden oder Lippen blitzartig eingeleitet wurden. Max Nonne, der Hamburger Psychiater, versuchte es mit Hypnose, in der er dem Soldaten suggerierte, nicht zittern zu müssen. Kaufmann wie Nonne legten Wert darauf, den Patienten kleinzuhalten. Der musste sich vor Nonne zum Beispiel nackt ausziehen, während der große Nonne im weißen Kittel, allein mit dem Patienten in einem dunklen Raum, ihm militärisch knapp seine Kommandos gab (Abbildung unten).

Carl Schneider, überzeugter Nazi und führender Vertreter seines Faches, bevorzugte die Arbeitstherapie, die er als psychagogische Heilweise auffasste. Foto: PH Heidelberg
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Die Psychiater der Zeit glaubten, die „Kriegsneurose“ beruhe auf einer erblich bedingten Willensschwäche, der mit Strenge zu begegnen sei. Mit dieser Auffassung setzten sich führende Psychiater wie Robert Gaupp und Karl Bonhoeffer 1916 auf einer Tagung der Militärpsychiater gegen Hermann Oppenheim durch, der an einen kausalen Zusammenhang von Neurose und Kriegserleben glaubte. Beide Seiten konnten ihre Sicht zwar nicht beweisen, die Verfechter der Theorie der Willensschwachheit hatten aber immerhin den Zeitgeist auf ihrer Seite, dem Schwächlinge, zumal in Kriegszeiten, verhasst waren. Die „Kriegszitterer“ mussten demzufolge auch für eine Variante der Dolchstoßlegende herhalten: Sie galten als mitschuldig am verlorenen Krieg und der darauf folgenden Revolution. Diese wurde von Psychiatern als Krankheit der Volksseele diagnostiziert, die Revolutionäre als Gruppe von Geisteskranken beschrieben.

Psychiater wollen Kooperation mit NS-Staat aufklären

Diese Darstellung folgt, in aller Kürze, Referaten von Philipp Rauh M. A.,Erlangen, und David Freis M. A., Florenz, zwei jungen Historikern, gehalten auf einem Workshop, den die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) Anfang Juni in Aachen ausrichtete. Er beschäftigte sich mit dem „therapeutischen Aufbruch“ der Psychiatrie zwischen den Weltkriegen und gehört zu dem ehrgeizigen Projekt der Gesellschaft, das Verhalten der Psychiater in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuklären. Die Gesellschaft belässt es nicht bei dem Eingeständnis, viele Psychiater, darunter Spitzenvertreter des Faches, hätten eng mit dem NS-Staat kooperiert, bis hin zur Mitwirkung an der „Euthanasie“. Das war bereits Thema des Psychiaterkongresses 2010 unter dem Vorsitz von Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider, Aachen. Das damalige Schuldeingeständnis hatte seine Fernwirkungen bis hin zum 115. Deutschen Ärztetag und seiner „Nürnberger Erklärung“ vom 23. Mai 2012. Das Forschungsvorhaben (unter Leitung des Medizinhistorikers Prof. Dr. med. Volker Roelcke, Gießen) versucht vielmehr, anhand der Vorgeschichte, der medizinischen wie gesellschaftlichen, aufzuzeigen, wie es zu der Kooperation mit dem Nationalsozialismus kommen konnte.

Der therapeutische Aufbruch äußerte sich in einem Bündel sogenannter heroischer Therapien: Schocktherapie durch elektrische Stromstöße, die Gabe von Cardiazol oder Insulin, hier verbunden mit einem hypoglykämischen Koma, waren nicht nur in Deutschland verbreitet, sondern europaweit und auch in den USA, die prolongierte Schlaftherapie mit dem Narkotikum Somnifaine in Großbritannien. Solche „heroischen“ Therapien verlangten vor allem von den meist schizophrenen oder depressiven Patienten ein gerütteltes Maß an Heroismus. Die Cardiazol-Schocktherapie war mit Horrorvisionen und Todesangst verbunden. Die Unterzuckerung bei der Insulinkur katapultierte den Patienten in ein Zwischenreich von Leben und Tod; die hypoglykämische Todesdrohung sei einzigartig, zitierte Thomas Foth Ph. D., Ottawa, zeitgenössische US-amerikanische Veröffentlichungen.

Nicht heroisch in diesem Sinne, so doch dem „Aufbruch“ zuzuordnen, war zudem die Arbeitstherapie nach Hermann Simon, Gütersloh, mit der die – leistungsfähigen – Anstaltspatienten aktiviert wurden. Nebenbei leisteten sie damit einen Beitrag zur Anstaltsökonomie. Das Arbeiten dürfte auch zur Ermüdung unruhiger Patienten beigetragen haben, ähnlich wie das nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete stundenlange Exerzieren auf dem Anstaltshof.

Carl Schneiders Buch spiegelt die herrschende Lehre wider

Die Arbeitstherapie nimmt in dem 1939 veröffentlichten grundlegendem Werk über die Behandlung und Verhütung von Geisteskrankheiten von Prof. Dr. med. Carl Schneider, dem Leiter der Heidelberger Psychiatrischen Klinik, 128 Seiten ein. 45 Seiten widmet Schneider den Krampf-, 63 den Insulintherapien und 22 Seiten der Arzneitherapie. Schneider war ein führender Vertreter des Fachs und überzeugter Nationalsozialist. Sein Buch spiegelt die herrschende Lehre wider. Schneider selbst bevorzugte in Heidelberg die Arbeitstherapie, die er als psychagogische Heilweise auffasste mit dem Ziel, die Entlassungsfähigkeit der Kranken zu erreichen. Damit ging er sogar über Hermann Simon hinaus, der „nur“ die Anstaltssozialisation anstrebte, so Priv.-Doz. Dr. phil. Thomas Beddies, Berlin, beim Aachener Workshop. Schneider wie Simon und anderen Reformpsychiatern, etwa Nitsche, gemeinsam war eine ausgeprägte eugenische Haltung: Nur wer produktive Leistungen erbringt, verdient zu überleben. Gemeint war, wie Beddies berichtete, Arbeits-, nicht die künstlerische Produktivität, mit der viele Geisteskranke beeindrucken. Nicht überraschend, dass Schneider wie Nitsche aktiv die Mordaktion T4 unterstützten, der eine als Gutachter, der andere auch als Macher.

Was tun mit Therapieunwilligen oder -unfähigen?

Mit dem „therapeutischen Aufbruch“ waren große Hoffnungen verbunden, den verbreiteten „therapeutischen Nihilismus“ endlich verlassen zu können, der sich in den psychiatrischen Anstalten in einem wahllos anmutenden „therapeutischen Kaleidoskop“ äußerte, sagte Prof. Dr. rer. nat. Brigitte Lohff, Hannover. Auf die Patienten entstand mit dem Aufbruch ein „Therapiedruck“, den Erwartungen zu folgen (Dr. rer. med. Ioanna Mamali, Münster). Wer nicht folgte oder folgen konnte, war für den Psychiater weniger interessant. Was aber tun mit den Therapie- und Leistungsunfähigen oder -unwilligen, die nicht ins schöne Aufbruchskonzept passten? Die Naziideologie, „Ballastexistenzen“ auszumerzen, kam gerade manchen Reformpsychiatern zupass. Verschwände der „Ballast“, so gewönne man Zeit und Ressourcen für die Therapiewilligen und -fähigen. Dieser Zusammenhang geht aus einer Stellungnahme von Ernst Rüdin und Paul Nitsche hervor, auf die Priv.-Doz. Dr. med. Gerrit Hohendorf, München, bei der Aachener Tagung hinwies. Die beiden verwenden sich einerseits für die bestmögliche Therapie der Therapiefähigen und verteidigen andererseits die Euthanasie, die 1943, als Rüdin und Nitsche ihre Denkschrift herausbringen, teils schon abgeschlossen (T4), teils noch in vollem Gange ist.

Ganze fünf Seiten nimmt in Schneiders Lehrbuch die Psychotherapie ein, obwohl die gleichfalls einen Aufbruch erlebte und einen Ausweg aus dem therapeutischen Nihilismus versprach. Sie führte in den Jahren zwischen den Kriegen offenbar ein Schattendasein, zumindest im Anstaltsalltag und in den großen Kliniken. Lohff berichtete in Aachen von einem Projekt, bei dem Patientenakten niedersächsischer Anstalten durchgearbeitet werden. Psychotherapie tauche in den Jahren zwischen den Kriegen nie auf, nicht einmal Hypnose. Das änderte sich erst in den 50er Jahren, da sei in den Akten schon mal der Eintrag „Gespräche“ zu finden.

Psychotherapie, vor allem Psychoanalyse, war zwar bis zum Ersten Weltkrieg sehr umstritten, wurde aber in den 20er Jahren nicht nur thematisiert, sondern zumindest in der Inneren Medizin auch anerkannt, so Lohff. Und sie wurde gegen Widerstände praktiziert. Darüber berichtete in Aachen Dr. Rainer Herrn, Berlin, am Beispiel der Charité. Deren Umgang mit psychoanalytisch-psychotherapeutischen Ansätzen sei freilich höchst ambivalent gewesen. Vorreiter war die Medizinische Klinik, während, einem Diktum Karl Bonhoeffers zufolge, die Psychiater „noch länger und radikaler“ inmitten des therapeutischen Nihilismus verblieben. Immerhin eröffnete 1920 eine Psychoanalytische Poliklinik, und 1928 wurde eine außerordentliche Professur für Psychotherapie eingerichtet, die erste in Deutschland. Die Poliklinik diente nicht zuletzt der Behandlung der „Kriegsneurotiker“, die andernorts „heroisch“ behandelt wurden, und berichtete von beachtlichen Behandlungserfolgen. Doch noch 1929 stellte eine Schülerin Bonhoeffers, Edith Vowinckel, einen „Versuch“ psychoanalytischer Behandlung „sehr heimlich“ an, weil sie befürchtete, es könne darüber gelacht werden. Von der Mehrheit der deutschen Psychiater sei der „neue Denkstil“ trotz einer gewissen Etablierung in Berlin als wissenschaftlich unhaltbar bekämpft worden, resümierte Herrn, erst Ende der 20er Jahre sei es dank des Interesses der jüngeren Psychiatergeneration zu einer stillen Duldung gekommen.

Was ist von den heroischen Therapien geblieben?

  • Cardiazol-Schocktherapie und Insulinkur sind zumindest in Westeuropa verschwunden, hieß es in Aachen.
  • Die Elektroschocktherapie wird stark modifiziert – unter Narkose und mit schonender Stimulation – unter der Bezeichnung Elektrokonvulsionstherapie heute an etwa der Hälfte der deutschen Kliniken durchgeführt. Sie gilt als vielversprechend bei Depressionen und auch schizophrenen Psychosen, hat aber mit der Stigmatisierung aus den heroischen Anfangszeiten zu kämpfen. Während der Aachener Workshop noch lief, kam eine Stellungnahme von vier psychiatrischen Gesellschaften (Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und des Trentino) heraus, die dagegen mit guten Argumenten angeht. Weshalb ein durch Elektrostimulation ausgelöster Krampfanfall psychische Erkrankungen zu bessern vermag, ist nach wie vor unbekannt.
  • Die Arbeitstherapie ist zur Ergotherapie mutiert. Die kreativen Fähigkeiten, in der Nazizeit missachtet, werden nun gefördert, die Arbeitsleistung tritt zurück. Von einem Beitrag zur Finanzierung der Anstalten ist keine Rede mehr.
  • Die prolongierte Schlaftherapie sei in Großbritannien mit Kriegsbeginn eingestellt worden. Die Versuche mit Somnifaine und anderen Schlafmitteln, an denen neben Psychiatern einige Pharmakonzerne und angeblich auch Geheimdienste beteiligt waren, hätten aber als Beginn der modernen Neuropharmakologie gegolten, sagte Pamela Michael Ph. D., Cardiff.

Was bleibt und tief sitzt, ist der Schock, dass führende Psychiater bei der „Euthanasie“ mitmachten oder sie mitwissend geschehen ließen. Die Erklärung, Reformpsychiater seien von therapieunwilligen Patienten enttäuscht, und therapieunfähige Patienten seien ihnen lästig gewesen, reicht allein nicht aus, um die Grenzüberschreitung zum Mord zu erklären. Erst wenn der Patient als bloßes Objekt gesehen wird, setzt die Todesspirale ein. Zunächst unauffällig: Man gewöhnt sich an riskante Behandlungen. Dann bewusst: Man plant Menschenexperimente und nimmt den tödlichen Ausgang in Kauf. Schließlich hemmungslos: Mord mit medizinischen Mitteln. Ein solcher Ablauf ist gleichsam wie im Brennglas im besetzten Baltikum zu beobachten. Dr. phil. Björn M. Felder, Göttingen, erinnerte in Aachen an Werner Kraulis von der Psychiatrischen Klinik in Riga. Dieser hielt psychisch Kranke für asozial und Schizophrene gar für „lebende Tote“: Der Patient wurde zum Objekt. Kraulis rechtfertigte damit Experimente mit Insulin mit hoher Todesrate. Antanas Smalstys, der Direktor der staatlichen Psychiatrischen Klinik in Vilnius, experimentierte mit Strychnin und Typhuserregern, um Schockzustände zu erreichen. Die Opfer waren Patienten, die bereits der „Hungereuthanasie“ ausgeliefert und dem Tode nahe waren. Experiment und Mord gehen ineinander über.

Norbert Jachertz

Das DGPPN-Forschungsprojekt

Die erste Phase des von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) vor zwei Jahren gestarteten Forschungsprojekts unter Verantwortung einer unabhängigen Historikerkommission (Leitung: Prof. Dr. med. Volker Roelcke, Gießen) läuft 2012 aus. Prof. Dr. phil. Hans-Walter Schmuhl, Bielefeld, legt bis Ende des Jahres eine Monografie zur Rolle von Psychiatern und der Vorgängergesellschaft der DGPPN vor. Ein Teilprojekt, bei dem Prof. Rakefet Zalashik Ph. D., zurzeit Philadelphia, den Schicksalen emigrierter jüdischer Psychiater nachgeht, läuft auch über 2012 hinaus weiter. Die DGPPN will nach Abschluss der ersten Phase eine vorläufige Bilanz ziehen und über eine zweite Phase entscheiden. Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider, Aachen, der die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte der Gesellschaft wesentlich vorangetrieben hat, ist optimistisch, dass daran auch ab 2013 weiter gearbeitet wird.

An Stoff mangelt es nicht; so stehen die Kontinuitäten nach 1945 an, in West und – bisher nur wenig erforscht – in Ost. Auch ein Blick auf die zweite Reihe, das heißt die nicht ganz so Prominenten, könnte lohnen. Etwa Ferdinand Kehrer (in Aachen von Dr. rer. med. Ioanna Mamali, Münster, vorgestellt), der im erzkatholischen Münsteraner Milieu die NS-Zeit überdauerte und nach 1945 zur Lichtgestalt wurde. Oder: Was ist mit der Psychochirurgie, mit der nicht nur in Deutschland experimentiert wurde? Der Ansatz schließlich, das Handeln der Akteure aus ihrem Umfeld zu verdeutlichen, erscheint vielversprechend.

Leserkommentare

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mkohlhaas
am Sonntag, 23. September 2012, 22:09

Heute ist es auch nicht anders

Da hat sich doch bis heute nichts geändert.
Herumpfuschen im Hirnstoffwechsel aufgrund einer Diagnostik die esoterischer Kaffeesatzleserei gleich kommt.
Wagt der Patient diesem Unsinn zu widersprechen dichtet man ihm eine "krankheitsbedingte fehlende Krankheitseinsicht" an.

Zu Elektroschocks:
Stellen sie sich vor, Ihr Auto bringt nicht mehr die gewünschte Leistung und Sie fahren damit in die Werkstatt.
Da lässt man erst den Lehrling den Lack polieren ( Psychotherapeut in Ausbildung macht Supportive oder kognitive Verhaltenstherapie) und als das nicht hilft schüttet man Ihnen 5 Liter Benzin zum Diesel (Antidepressivum) .
Als das auch nichts hilft bietet man Ihnen an 220 Volt zwischen die Batteriepole zu legen in der Hoffnung dies würde den einen der 20 Chip von denen man die glaubt, dass einer davon hinüber ist reparieren.
Sie würden mit Recht fragen ob der Werkstattleiter noch alle Tassen im Schrank hatte.

Johannes Georg Bischoff
Diplom-Psychologe

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