POLITIK

Pro & Kontra: Beihilfe zum Suizid

Dtsch Arztebl 2012; 109(40): A-1968 / B-1600 / C-1572

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Foto: Mauritius

Kommerzielle Sterbehilfe ist verboten, private Suizidbeihilfe jedoch straffrei. Doch wie sollen sich Ärztinnen und Ärzte verhalten, wenn ihre Patienten sich wünschen zu sterben? Soll Suizidbeihilfe durch Ärzte in Ausnahmesituationen legitim sein? Besteht die Gefahr des Missbrauchs und eines Dammbruchs? Ein Pro und ein Kontra

Zum Thema: Der Schritt vom Ändern des Therapieziels und dem Unterlassen von aktiven therapeutischen Maßnahmen bis hin zur ärztlichen Unterstützung eines Suizids bei schwerstkranken Menschen wird in der Ärzteschaft seit Jahren kontrovers diskutiert. Eindeutig positionierte sich jedoch der diesjährige 115. Deutsche Ärztetag zur organisierten Sterbehilfe. Mit großer Mehrheit forderten die Delegierten ein generelles Verbot. Sorge bereitete ihnen, dass die „zunehmende Kommerzialisierung der Sterbehilfe befürchten lässt, dass sich verzweifelte Menschen immer häufiger für einen organisierten Suizid entscheiden“, heißt es in der Ärztetags-Entschließung. „Deshalb muss der Gesetzgeber alle Facetten der gewerblichen und organisierten Sterbehilfe strafrechtlich sanktionieren, also auch die Organisationen mit erfassen, bei denen rechtlich keine Gewinnerzielungspraxis nachweisbar ist.“

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Die Bundesregierung hat reagiert und einen Gesetzentwurf zum Verbot gewerbsmäßiger Sterbehilfe auf den Weg gebracht. Kommerzielle Suizidhelfer machen sich dem Entwurf zufolge strafbar. Im privaten Rahmen aber steht die Beihilfe zum Suizid, wie der Freitod selbst, weiterhin nicht unter Strafe. Für Kontroversen hatte der Referentenentwurf aus dem Bundesjustizministerium im Sommer gesorgt, weil in seinem Begründungstext Mediziner oder Pflegekräfte zu den „nahe stehenden Personen“ gezählt worden waren, bei denen eine Suizidbeihilfe nicht geahndet werden sollte. Für Ärzte sollte dies dann gelten, „wenn eine über das rein berufliche Verhältnis hinausgehende, länger andauernde persönliche Beziehung“ entstanden ist, wie dies zum Beispiel beim langjährigen Hausarzt der Fall sein kann. Dieser Satz wurde aus dem Kabinettsbeschluss mittlerweile entfernt. ER

Pro

Dr. med. Michael de Ridder: Der Internist, Intensivmediziner und langjährige Chefarzt einer Rettungs­stelle ist Autor des Buches „Wie wollen wir sterben?“. Foto: Georg J. Lopata

Als „Integrationsfigur der Ärzteschaft in schwierigen Zeiten“ würdigte der Vorstand der Bundesärztekammer den im November 2011 verstorbenen Präsidenten, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Nur ein knappes Jahr zuvor hatte Prof. Hoppe seine in der Tat überragende integrierende Kraft, auch divergierenden ethischen Haltungen innerhalb der Ärzteschaft gerecht zu werden, erneut unter Beweis gestellt. In der Frage des ärztlich assistierten Suizids bezog er öffentlich eine weise Position: „Die Beihilfe zum Suizid gehört nicht zu den ärztlichen Aufgaben. Sie soll aber möglich sein, wenn der Arzt das mit seinem Gewissen vereinbaren kann.“

Derzeit allerdings kann von Integration unterschiedlicher Auffassungen innerhalb der Ärzteschaft in der Frage der Zulässigkeit des assistierten Suizids kaum die Rede sein. Schon die Entscheidung des Deutschen Ärztetages in Kiel 2011 zu diesem zentralen ärztlichen Anliegen war überhastet, ja geradezu handstreichartig zustande gekommen. Dabei hätte der Ärzteschaft ein Moratorium, und damit Zeit für eine dem Ernst und der Komplexität ihres Gegenstandes angemessene innerärztliche Debatte besser zu Gesicht gestanden. Denn immerhin steht Umfragen zufolge ein Drittel der deutschen Ärztinnen und Ärzten der Frage des assistierten Suizids offen gegenüber.

Geradezu verwunderlich ist es deshalb, wenn Hoppes oben zitierte Haltung zum ärztlich assistierten Suizid während eines zu seinen Ehren veranstalteten Symposiums zur Palliativmedizin gänzlich unerwähnt bleibt. Damit wird in Fragen der Lebensendemedizin innerhalb der deutschen Ärzteschaft ein Konsens unterstellt, den es so nicht gibt.

Als ein „Stück aus dem Tollhaus“ bezeichnete Hoppes Nachfolger, Prof. Dr. med. Frank-Ulrich Montgomery, unlängst den vom Bundesministerium der Justiz vorgelegten Referentenentwurf zum Verbot kommerzieller Sterbehilfe. Es handelte sich um einen Gesetzentwurf, dem Hoppe wohl weitgehend zugestimmt hätte. Schließlich kam in ihm zum Ausdruck, dass die Entscheidung zur Suizidassistenz nur auf der Grundlage einer Gewissensentscheidung des Arztes erfolgen kann. Diese setzt ihrerseits ein gewachsenes und wechselseitiges Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und seinem Arzt voraus. Nicht betont werden muss an dieser Stelle, dass kein Arzt und keine Ärztin zu einer solchen Hilfeleistung jemals verpflichtet werden kann und darf.

Wenn nach und trotz eingehenden Dialogs mit einem aussichts- los kranken Patienten und nach seiner umfassenden Aufklärung über alle palliativmedizinischen Optionen sich sein Wunsch nach selbstbestimmter Lebensbeendigung als nachhaltig und plausibel darstellt, ist für organisierte oder gar kommerzialisierte Sterbehilfe kein Raum.

Der Gesetzentwurf sowie der ursprüngliche Begründungstext aus dem Justizministerium, der auch den Kranken intensiv betreuende Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte zu den „nahe stehenden Personen“ zählte, bei denen Suizidbeihilfe nicht geahndet werden sollte, wies in die richtige Richtung: Die Entscheidung zur Suizidassistenz darf nur auf der Grundlage einer Gewissensentscheidung des Arztes und eines engen Vertrauensverhältnisses zum Patienten erfolgen.

Um dies zu verdeutlichen, lässt sich auch Prof. Dr. Edzard Schmidt-Jortzig, ehemals Bundesminister der Justiz und bis vor kurzem Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, zurate ziehen: „Ethische Normen können, im Unterschied zum Recht, keine generelle Verbindlichkeit beanspruchen . . . Recht ist das Regelungsinstrument des Staates, Ethik dasjenige des verantwortlich handelnden auf sein Gewissen hörenden einzelnen Menschen.“

Kontra

Prof. Dr. med. Dr. Eckhard Nagel: Der Chirurg und Philosoph ist Ärztlicher Direktor des Universitäts­klinikums Essen sowie Mitglied des Deutschen Ethikrates. Foto: epd

Ein Suizid bleibt ein Widerspruch zum Leben und ärztliche Beihilfe zum Suizid stellt keine Form menschlicher Zuwendung dar. Dies zu verwechseln hätte dramatische Konsequenzen. Vielmehr gilt es, eine Antwort auf die Frage zu finden, welchen Stellenwert wir jener zwischenmenschlichen Hilfestellung – der Palliativmedizin – zumessen, die alles Erdenkliche tut, um Leiden zu mindern, die Sterben zulässt, aber nicht herbeiführt.

Zentrales Ziel der Palliativmedizin ist der Versuch, Sterbende dabei zu unterstützen, sich in Würde dem Tod zu nähern, sich auf ihn vorzubereiten, und ihn, wenn möglich, bewusst erleben zu können. Hierzu gehören das Abwenden von Übelkeit, Angst und Atemnot, aber auch die körperliche Pflege sowie das Lindern von Hunger- und Durstgefühlen, aber auch menschliche Zuwendung, seelsorgerischer Beistand und die ausdrückliche Bereitschaft, den Sterbenden und sein unmittelbares Umfeld nicht alleine zu lassen. Natürlich kann es durchaus angebracht sein, eine Behandlung zu begrenzen oder gar zu beenden, aber auch darauf können Ärzte im Rahmen palliativmedizinischer Begleitung reagieren. Die Möglichkeiten reichen bis hin zur palliativen Sedierung, die jede spürbare Wahrnehmung außer Kraft setzen kann. Wesentlich ist, dass die Möglichkeiten der Palliativmedizin ausdrücklich weder medizinisch noch juristisch mit Sterbehilfe oder assistiertem Suizid gleichzusetzen sind und keine Beihilfe zur Selbsttötung darstellen.

Der assistierte Suizid ist etwas vollständig anderes. Er zielt darauf ab, einen Lebenden bei der Durchführung einer eigenverantwortlichen Selbsttötung zu unterstützen. Daraus ergeben sich zwingend die Übernahme der Verantwortung für den Tod eines Menschen und ein Urteil über Wert oder Unwert eines Lebens. Aufgrund der Irreversibilität dieser Entscheidung kommt eine solche Handlung einer endgültigen Absage an das Menschsein nahe. Ungeklärt bleibt, inwieweit sich der Anspruch auf Selbstbestimmung auch auf Entscheidungen zum selbst gewählten Ende des Lebens erstrecken kann und inwiefern andere Menschen eine entsprechende Verfügung umsetzen dürfen. Gerade an diesem Punkt setzen bioethische Kontroversen der Gegenwart an und lassen sich weder durch plausibel erscheinende Einzelfälle noch durch eine Neudefinition von Mitmenschlichkeit auflösen.

Würden wir Sterbehilfe tolerieren, hätte dies massive Auswirkungen. Dies wird schon daran erkennbar, dass mögliche Missbrauchsszenarien ignoriert und damit intuitiv akzeptiert werden müssten. Menschen könnten sich nicht mehr darauf verlassen, dass ärztliche Handlungen ausschließlich zum Schutz ihres Daseins durchgeführt werden, die essenzielle Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient wäre nachhaltig beschädigt. Darüber hinaus würde eine solche Entscheidung in einer permanenten Kontrolldiskussion münden. Denn man kann dann niemals absolut sicher sein, dass der Suizidwunsch eines Patienten nicht doch einer vorübergehenden seelischen Krise entspringt, die überwunden oder durch anderweitiges Handeln gelindert werden könnte. Die Absichten eines Patienten und des zum Suizid verhelfenden Arztes zweifelsfrei festzustellen, ist kaum möglich.

Das Leben ist ein unverdientes, wunderbares Geschenk, das wir mit unserem Geburtstag annehmen und mit dessen natürlichen Gefährdungen wir umgehen lernen müssen. Die moderne Medizin wird an der Endlichkeit unseres Daseins nichts ändern. Sie wird manchmal heilen, oft lindern und immer trösten. Dies ist keine resignierte Beschreibung ärztlicher Handlungsoptionen, sondern die Antwort auf die Herausforderungen eines selbstbestimmten Lebens, das um die eigenen menschlichen Grenzen weiß.

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advokatus diaboli
am Samstag, 6. Oktober 2012, 08:13

Auch Ärzte haben ein Gewissen!

Es ist hinlänglich bekannt, dass in der Debatte um die Freigabe der ärztlichen Suizidassistenz innerhalb der unmittelbar betroffenen Profession höchst konträre Positionen bezogen werden.

Die Debatte wird seit Jahrzehnten geführt und es verwundert nicht, dass angesichts der diametral entgegengesetzten Grundpositionen kein Konsens möglich ist. Freilich ist zu bedauern, dass die Debatte immer wieder mit Mythen und Legenden überfrachtet werden, obgleich es aus verfassungsrechtlicher Perspektive betrachtet keinen Zweifel daran gibt, dass das „Leben ein unverdientes, wunderbares Geschenk“ (ist), das wir mit unserem Geburtstag annehmen und mit dessen natürlichen Gefährdungen wir umgehen lernen müssen.“ (so Nagel, s.o.).

Dieser profane Befund, den zu betonen es sich offensichtlich aus pathetischen Gründen schickt, sollte aber die selbsternannten Experten nicht von der Beantwortung der Frage ablenken, welchen Konsequenzen denn hieraus zu ziehen seien?

Nun – wenn schon das Leben ein „unverdientes Geschenk“ sei, dann möge sich nach den Apologeten einer christlichen Sterbekultur sicherlich auch gleich mit Blick auf das Lebensende die allgemeine Pflicht aufdrängen, dass über das „Geschenk“ auch im Falle einer Schwersterkrankung als ein „unveräußerliches“ Rechtsgut durch den subjektiven Träger des Rechtsguts nicht verfügt werden dürfe.

Auch der Mediziner, Ethiker und Philosoph Nagel gehört zu den Apologeten einer „Lebenschutzideologie“, die sich durch eine bemerkenswerte Unkenntnis über den Inhalt, die Funktion und den Wert insbesondere der am Lebensende einschlägigen Grundrechte auszeichnen. Der Schwersterkrankte und Sterbende ist eben nicht verpflichtet, die Segnungen der Palliativmedizin anzunehmen noch ist er gehalten, sich in „Würde“ dem Tod zu nähern und im Zweifel bewusst erleben zu können, mögen dies auch die erklärten Ziele der Palliativmedizin sein.

Der Schwersterkrankte kann seinen Tod und den Zeitpunkt frei bestimmt festlegen und selbstverständlich kann er, ohne sein Motiv offen zu legen, schlicht seinem Leid entfliehen. Die Palliativmedizin sollte sich nicht den zweifelhaften Ruf erwerben, gelegentlich selbstherrlich zu sein, sondern schlicht anerkennen, dass das Selbstbestimmungsrecht neben der Würde des Menschen das höchste Rechtsgut ist. Insofern bedarf es keiner Verklärung der Palliativmedizin, die für sich genommen unbestritten ist.

Die deutsche Ärzteschaft hat mit ihrem unsäglichen Beschluss auf dem 114. Deutschen Ärztetag und damit dem Verbot der ärztlichen Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Menschen zur Verhärtung der Fronten weiter beigetragen und ebnet so den Weg in die organisierte Sterbehilfe und den Sterbehilfetourismus. Hier hätte wären die Delegierten gut beraten gewesen, nicht das „Erbe des Hippokrates“ anzutreten, sondern auf ihren seinerzeitigen Präsidenten der BÄK zu hören, der da in besonderer Weise Rücksicht auf die Gewissensentscheidung der einzelnen Ärztinnen und Ärzten Rücksicht nehmen wollte. Dass dies nicht geschah, ist einzig wirkmächtigen Ärztefunktionären geschuldet gewesen, die da mit eigenen Initiativanträgen ein ethisches Zwangsdiktat verabschieden wollten und letztlich „obsiegt“ haben.

Ärzte haben fortan keine Gewissensentscheidung zu treffen. Für sie haben andere entschieden und das ist der eigentliche Skandal in der arztethischen Debatte, die dringend einer Aufarbeitung bedarf.

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